Willkommen bei
Informationen zur
Literaturgeschichte!
Beiträge zur Erforschung der deutschen Literatur als Teil der Gesellschaftsgeschichte
Die Orientierung der nationalen Literaturwissenschaften und der Geschichtsschreibung von Literatur in der Gesamtheit der Wissenschaften wird weiterhin kontrovers diskutiert. Unter den Etiketten "Kulturwissenschaft" und "Medienwissenschaft" wird ein Neuanfang nach der Phase der Anlehnung an die Sozialwissenschaften versucht. Das wirft neue Probleme in der historischen Situierung der literarischen Werke und der psychologischen Interpretation fiktionaler Welten auf. Meine Veröffentlichungen halten am Begriff von Lirteratur als Teil der gesellschaftspolitischen Geschichte fest gegen die Tendenz, der Ästhetik der literarischen Werke eine eigene Sphäre und Dimension neben oder außer der Realgeschichte zuzuweisen. Es besteht wieder die Gefahr, Literatur in den Bereich der Ästhetik als dem ganz Anderen der materiellen Wirklichkeit zu transponiern oder abzudrängen.
Rüdiger Scholz, Die Weltgeschichte und der große Dichter.
Heinrich Heines Denkschrift über Ludwig Börne und die innere Biographie.
Ein Lehrbuch, Würzburg, Verlag Königshausen & Neumann, 2021, 609 Seiten
ISBN: 978-3-8260-7237-6, 29,80 €
Die Ergebnisse in Form einer Rezension
Warum ein neues Buch über Heine, über den doch schon alles gesagt ist? - Oder vielleicht doch nicht? Trotz einer riesigen Menge von Forschungs- und Interpretationsliteratur zu Heines Biographie und zu seinen Werken gibt es zwei auffällige Schwachstellen: Es fehlt eine Monographie über den Historiker Heine, und die 1840 veröffentlichte „Denkschrift über Ludwig Börne" ist eine gründlich verkannte Schrift. Beides hängt miteinander zusammen. Die „Denkschrift“ gilt als übles, weil diffamierendes Pamphlet gegen den toten Ludwig Börne. Sie ist aber von Heine konzipiert und geschrieben als seine Darstellung der Weltgeschichte, und sie begründet Heines Ansicht, dass allein der empfindende Dichter der wahre Historiker ist, dessen Blick den Gang der Weltgeschichte vom Leiden an der Gegenwart aus begreift und in Dichtkunst zurückverwandelt, eine einzigartige Position in den damals aktuellen Kämpfen um die Neukonzeption der Geschichtswissenschaften und der Geschichtsschreibung.
Die „Denkschrift“ wurde und wird gesehen als Zeugnis von Heines privatem Zerwürfnis mit Börne. Von der Weltgeschichte wurde nur der Kampf zwischen Hellenen und Nazarenern wahrgenommen. Alle anderen Teile sind bis heute unbeachtet geblieben. Charakteristisch ist, dass Heines Behauptung, die Neuzeit sei terroristisch, und die entscheidenden Gestalter der Neuzeit seien nicht nur Revolutionäre, sondern auch Terroristen, nahezu einhellig von allen Interpreten übergangen worden ist. Nicht zur Sprache gekommen ist Heines Darstellungsweise von Geschichte, die Verdichtung durch Anekdoten, Personenporträts, Metaphern und Symbole, die Art der Veranschaulichung, die Rolle der literarischen Tragödie, das Verhältnis von Individualismus und Völkergeschichte, die Rolle der Satire, das Verhältnis von trivialer Alltagsrealität und Weltgeschichte. Was es bedeutet, dass die Weltgeschichtsschreibung bei Heine ihre Oberflächenhandlung aus dem Zwist zweier jüdischer, deutscher, revolutionärer Intellektueller im französischen Exil gewinnt, hat bisher niemanden interessiert.
Unerörtert geblieben ist damit auch Heines geniale Analyse der Entstehungsgeschichte des neuzeitlichen Staates, des Kapitalismus, der Klassenkämpfe und der Revolutionen und die Rolle der Philosophie bei der Umgestaltung des Welt- und Gesellschaftsbildes.
Die Darstellung der Weltgeschichte verbindet Heine mit den revolutionären Kämpfen in den 1830er Jahren und seiner eigenen Rolle in diesen Revolutionen und Revolten. Seine Beteiligung als „Soldat im Befreiungskriege der Menschheit“, wie er es genannt hat, ist geradezu die Bedingung für das Begreifen der Weltgeschichte. Der extreme Subjektivismus als Voraussetzung einer objektiven Darstellung von Weltgeschichte erzwingt die Frage, wer dieser Mensch ist, der sich am Schluss der „Denkschrift“ ein Denkmal seiner eigenen Größe setzt, der durch das Heraustreiben seiner persönlichen individuellen Empfindungen und seines politischen Wollens den Zugang zur Weltgeschichte gewinnen will.
Die europäische Geschichte der Neuzeit
Das ist für Rüdiger Scholz die Ausgangslage seiner Auseinandersetzung mit dem Historiker Heine. Im ersten Teil wird das Bild der Neuzeit erörtert, das Heine im ersten Buch seiner Börne-Denkschrift entwirft und das bisher in keiner Interpretation zur Kenntnis genommen wurde. Heine nennt drei Personen, die er als Revolutionäre, Terroristen und Nivelleurs bezeichnet: Richelieu, Robespierre und James Rothschild. Die entscheidende Textstelle lautet:
…„ich sehe in Rothschild einen der größten Revolutionäre, welche die moderne Demokratie begründeten. Richelieu, Robespierre und Rotschild sind für mich drei terroristische Namen, und sie bedeuten die graduelle Vernichtung der alten Aristokratie. Richelieu, Robespierre und Rotschild sind die drei furchtbarsten Nivelleurs Europas. Richelieu zerstörte die Souveränität des Feudaladels und beugte ihn unter jene königliche Willkür, die ihn entweder durch Hofdienst herabwürdigte, oder durch krautjunkerliche Untätigkeit in der Provinz vermodern ließ. Robespierre schlug diesem unterwürfigen und faulen Adel endlich das Haupt ab. Aber der Boden blieb, und der neue Herr desselben, der neue Gutsbesitzer, ward ganz wieder ein Aristokrat, wie seine Vorgänger, deren Prätentionen er unter anderem Namen fortsetzte. Da kam Rothschild, und zerstörte die Oberherrschaft des Bodens, indem er das Staatspapierensystem zur höchsten Macht emporhob, dadurch die großen Besitztümer und Einkünfte mobilisierte, und gleichsam das Geld mit den ehemaligen Vorrechten des Bodens belehnte.“
Sieht man sich die umfangreiche Forschungsliteratur zum Absolutismus an, dann erweisen sich Heines scheinbar salopp und aggressiv hingeworfene Zeilen als präzise Analyse. Die Macht des absolutistischen Herrschers entstand, nicht nur in Frankreich, aus der Notwenigkeit, in Europa die religiösen Bürgerkriege zu beenden. Das geschah mit einem Heer, das der Zentralgewalt, dem König, die Macht sicherte. Dieses Heer wurde ein stehendes Heer, und es wurde nicht mehr allein vom Adel finanziert, sondern auch aus Steuereinnahmen. So vollzog sich der Aufstieg von König Henri Quatre, dessen Beendigung der Religionskriege dem Königtum in Frankreich zu einem enormen Zuwachs an Macht verhalf. Das war das Ende eines vom Adel kontrollierten Königtums.
Heine sieht richtig, dass der eigentliche Gründer des absolutistischen Staates Richelieu ist, der dem König eine dauerhafte Macht durch staatliche Organisation verschaffte. Richtig ist auch, dass der Adel den Kampf um die Macht verlor und von seinen ehemaligen Herrschaftsrechten und seiner Macht nur das Privileg der Steuerfreiheit blieb.
Dass der König den Adel so düpieren konnte, lag daran, dass er ökonomisch nicht mehr auf den Adel allein angewiesen war, sondern sich auch auf die Besteuerung des besitzenden Bürgertums stützen konnte. Der Kampf zwischen Adel und Bürgertum ist ein Kampf zweier Herrschaftsklassen gewesen, die sich ökonomisch auf getrennte Ressourcen stützen: der Adel auf die Landwirtschaft, das Bürgertum auf den Fernhandel und die Gewerbeproduktion für diesen Fernhandel. Der absolutistische Fürst hat diesen Kampf für seine Machfülle genutzt, weil mehr als 200 Jahre lang keine der beiden Klassen die andere besiegen konnte und beide für ihre ökonomischen Interessen einer starken Zentralgewalt bedurften. Der Absolutismus in Europa ist eine staatliche Übergangsformation zwischen dem Königtum des Feudalismus und der Demokratie des Kapitalismus, zwischen Ständestaat und bürokratischem Anstaltsstaat. Verständlich, dass Heine die Entmachtung des Adels durch den König und dessen sich entwickelnden Staatapparat als Revolution ansah.
Die Steuerfreiheit des Adels und die Möglichkeiten der Ausbeutung der leibeigenen Bauern waren der wichtigste Auslöser für die erste Phase der Französischen Revolution. Der Adel hatte gleich drei Klassen zu Feinden: die Bauern, das Besitzbürgertum und die Tagelöhner. Zu Heines Ansicht über Robespierre als Revolutionär und Terrorist braucht man nicht viel zu sagen; Heine stufte Robespierre als asketischen, spießigen Kleinbürger ein. +
Anders ist es bei James Rothschild, den Heine persönlich kannte und sich Tipps für Aktienkäufe geben ließ. Heine hat wie kein anderer seiner Zeit die umwälzende Bedeutung der Staatsschuldscheine analysiert, die etwa Goethe wenige Jahre zuvor im zweiten Teil seines „Faust“ als betrügerisches Teufelszeug charakterisierte. Bei Rothschild sieht Heine richtig, dass sich das Staatspapiersystem als der stärkste Motor zur Durchsetzung des Kapitalismus innerhalb eines zentral beherrschten Gebietes, eines Fürstentums, Königreiches, eines Nationalstaats, erwiesen hat. Dieses System meint die Schuldscheine des Staates, abgesichert mit den berechenbaren kontinuierlichen Steuereinnahmen, die dieser für das Geld, das er sich von den Bürgern leiht, ausstellt, mit begrenzter Laufzeit, zuvor festgelegter Verzinsung und gesicherter Rückzahlung des Kapitals nach Ablauf. Es handelt sich um die heute noch übliche Form.
Dieses System der Staatsschulden hat sich deswegen als Motor des Kapitalismus erwiesen, weil durch sie große Kapitalmengen beim Staat konzentriert werden, die dieser über die Gemeinschaftsaufgaben – durch direkte Investitionen und Subventionen in der Infrastruktur, von Verkehr bis Krankenhäusern - in die Entwicklung der Wirtschaft investiert und auch und vor allem Kriege so finanziert. Die auch ökonomisch ungeheure Leistung des Eisenbahnbaus im 19. Jahrhundert ist zum großen Teil auf diese Weise finanziert worden. Zugleich bereichern sich die Geldgeber erheblich durch die Zinsen und die Händler durch die Provisionen. Diese Bereicherung führt zum Aufschwung der Banken und deren Kreditierung von Unternehmen und Staat.
Das Bestechende an der Passage über die drei „R“s liegt darin, dass Heine die europäische staatliche und gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte auf den Punkt bringt. Die Dynamik des absolutistischen Staates liegt in der Verlagerung der Gewichte zugunsten des ökonomisch potenteren Bürgertums, zur Dominanz der Stadt über das Land, des Bürgertums über den Adel, des Geldes über das Lehen und über Patriziervorrechte in den Städten. Heine formuliert, dass der Urheber des Systems der Staatschuldscheine dadurch „gleichsam das Geld mit den damaligen Vorrechten des Bodens belehnte“. Das heißt: die Bedeutung dieses System ist nicht an die Macht des Königs gebunden, sondern verselbständigt sich in seiner Regulierungsfunktion des Wirtschaftssystems. Das Geld erzwingt die Gleichheit der Bürger. Nicht Revolutionen durch Volkserhebungen setzen letztlich die Demokratie durch, sondern das Geld als Finanzkapital und seine Wirkung auf den modernen bürokratischen Staat.
Diese Erkenntnisse sind 1840 einzigartig. Es ist daran zu erinnern, dass erst Karl Marx 1867, im 24. Kapitel des ersten Bandes seines Hauptwerkes Das Kapital, die Bedeutung der Staatsschuld systematisch und historisch dargestellt und auf die Formel gebracht hat: „Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals.“ Auch die Wertungen gleichen sich: Marx’ „Bankokratie“ und Heines Bezeichnung Rothschilds als „Nero der Finanz“, „Finanzbonaparte“, „unumschränkter Imperator“ der Börsen bringen die Stärke der Herrschaft des Finanzsektors zum Ausdruck.
Die Entstehung des Finanzkapitals als größter ökonomischer Macht hat so früh niemand analysiert wie Heine; nur Börne hat das auch begriffen. Daher ist die Bezeichnung Rothschilds als Revolutionär scharfsichtig. Heine ist 1840 Marxist, lange bevor Marx zum Marxisten wird.
Das Verständnis für die zweite Bezeichnung „Terrorist“ erschließt sich über die Begriffe „Nivelleur“ und „Demokratie“. Der revolutionäre Vorgang der Zerschlagung der alten Ständegesellschaft und ihrer Herrschaftsformen endet mit dem Resultat der Gleichmacherei auf allen Ebenen, des Eigentums, das vom Geldwert erfasst wird, der Menschen, die in der Demokratie nur ihre eine eigene Stimme haben, die Einengung individueller Entscheidungen gegenüber der sich rasant verstärkenden staatlichen Bürokratie. Aus der Gleichmacherei des Geldes, das alles in Käuflichkeit verwandelt, hat Heine Rothschilds Funktion als Nivelleur und damit als Terrorist abgeleitet. Heine empfindet diese Gleichmacherei als Plattmacherei, als Reduzierung der Gestaltungsfreiheiten des eigenen Lebens, und daher sind die drei nicht nur Revolutionäre, sondern Terroristen. Es geht nicht um den Terrorismus in der Neuzeit, etwas in der Terreurphase der Französischen Revolution 1792, sondern um den Terrorismus der Neuzeit, für den die drei Genannten Repräsentanten und Akteure sind.
Heine hat alle grundlegenden Veränderungen seiner Epoche als revolutionär und terroristisch bezeichnet. Immanuel Kant ist ein Revolutionär und Terrorist, weil er am Ende seiner „Kritik der reinen Vernunft“ Welt, Seele und Gott als Noumena, als Kopfgeburten des Menschen bezeichnet und damit dem Deismus das Haupt abgeschlagen hat. Die Chartisten und Kommunisten sind Revolutionäre und Terroristen, weil sie in ihrer an sich berechtigten Forderung nach gerechter Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums die Gleichmacherei auf die Spitze treiben.
In der Verbindung von Revolutionär und Terrorist wird die Ambivalenz von Heines Revolutionsbegriff deutlich. Revolution ist für Heine von größter Bedeutung, weil die Menschheit nur durch eine Revolution erlöst werden kann. Nur durch Revolution kann soziale Gerechtigkeit hergestellt werden und damit die Grundlage geschaffen für ein glückliches Leben für alle, nicht nur mit Zuckererbsen, sondern auch mit Kunst. Andererseits haben alle bisherigen Revolutionen nicht zu einer wirklichen Befreiung aller Menschen geführt, sondern zu deren Einengung und Bedrückung. Alle Revolutionen sind in Terrorismus ausgeartet. Das ist die Krux von Heines für seine Weltanschauung zentralen Begriffs der Revolution.
Eine ähnliche Ambivalenz findet sich bei Heine gegenüber dem Gottesbegriff. Heine selbst war Atheist, daran ändert auch sein ironisches Tändeln mit Gott am Ende seines Lebens nichts. Andererseits bezeichnet Heine Immanuel Kant als Terroristen, weil dieser den Glauben an Gott zerstört hat, wie auch die neuen kommunistischen Revolutionäre: „die radikale Rotte, weiß nichts von einem Gotte.“ Heine hat gegen den seiner Ansicht nach verderblichen Einfluss der jüdischen wie der christlichen Religion gekämpft. Das oft bei Marx zitierte Bonmot, Religion sei Opium fürs Volk, stammt von Heine. Zugleich aber wehrte sich Heine gegen die Zerstörung des jüdisch-christlichen Weltbildes und seiner Jahrtausende alten Kultur. Nur von solchen Widersprüchen aus sind Heines Agieren im Zeitalter der Revolutionen und sein Bild der Weltgeschichte zu begreifen.
Die Weltgeschichte
Ambivalenz und Widersprüchlichkeit prägen nach Heine die gesamte Weltgeschichte. Der Antagonismus von Sensualisten und Spiritualisten, von Hellenen und Nazarenern als Konstanten der Geschichte hat bei Heine drei Bedeutungen und Funktionen. Mit diesem Gegensatz eröffnet er die negative Wertung der monotheistischen Religionen Judentum und Christentum und verbindet sie mit der Aufwertung der griechisch hellenischen Welt der Antike. Zweitens weitet er damit seine Analyse der Gegenwartsgeschichte auf die Weltgeschichte aus. Und drittens leitet er daraus die Erlösungsbedürftigkeit der Menschheit ab, die aus der Askese zur Lebensfreude zurückgeführt werden muss.
Das größte Unglück der Weltgeschichte ist der Sturz der hellenischen Götter. Im Juden- wie im Christentum ist die Religion heruntergekommen zu einer trübseligen, „blutrünstigen Delinquentenreligion“, wie Heine formuliert. Bei der Forderung nach Ausleben der Sinnlichkeit und Lebensfreude war das heikelste Thema die Aufwertung sexueller Lust. Die wechselvolle Geschichte der Liberalisierung der genitalen Sinnlichkeit in sozialen Formen außerhalb der Ehe seit der Renaissance führt zu Heines Zeiten erneut zu einem Kampf zwischen sexueller Freiheit und Askese. Der Puritanismus, in Deutschland Pietismus, die protestantische Ethik im beginnenden Zeitalter des Kapitalismus, das Wiedererstarken des Katholizismus sind neue Bewegungen der Unterdrückung sinnlicher Lust. Die Situation ist kompliziert, weil sich in der bürgerlichen Gesellschaft die Rolle der Sexualität im neuen Konzept der Liebesintimfamilie und für die Identität des selbstverantwortlichen, innengeleiteten Individuums verändert. Eine Folge ist die Inzestverlockung in der bürgerlichen Familie durch das Gebot der zärtlichen Liebe aller Familienmitglieder, welche die Einhaltung des Inzestverbots erschwert, eine weitere Folge das erneute Auseinanderdriften von genitaler Sexualbefriedigung und personaler Liebe beim bürgerlichen Jüngling und Mann. Dazu kommen noch die viel rigideren Einschränkungen für Frauen, so dass die Liberalisierung gelebter Sexualität zum Kampf um die Emanzipation der Frauen gehört.
Anders als die Aufklärung, der Sturm und Drang und die Frühromantik, welche die öffentliche Diskussion über Freiheiten bei der Liebeswahl und deren Vollzug vor, neben und außerhalb der Ehe und dem Diktat der Monogamie über tragische Liebesgeschichten in der fiktionalen Literatur führten, entschied sich Heine für den Weg der radikalen Provokation. Nur so sind die Liebesgedichte an mehrere Prostituierte und auch die Diffamierung des Dreiecksverhältnisses Ludwig Börne, Jeannette Wohl und Salomon Strauß, das gar kein sexuell gelebtes Dreiecksverhältnis war, in der „Denkschrift“ zu verstehen.
Um dem Elend des Hungerns, des Verzichts auf Genüsse des Lebens und des freien Liebesvollzugs zu entkommen, wurden Mythen der Erlösung der Menschheit geschaffen, die Heine auf ihre Brauchbarkeit für eine künftige, lustvolle Gesellschaft überprüft. Die Welt, so Heines Ansicht, ist krank, und im Stabreim fragt Heine: „Wann wird die Welt wieder gesunden“ …?
Heines Sicht auf die Weltgeschichte verliert nie die Gegenwart aus dem Blick. Der religiöse Asketismus, der seit mehr als zweitausend Jahren die Menschheit ins Elend gestürzt hat und darin festhält, wird auch von Revolutionären der Gegenwart geteilt und damit erneuert. Das eine Bespiel ist für Heine sein jüdischer Mitemigrant Ludwig Börne, das andere die Charakterstruktur Robespierres. Beide verbindet ein kleinbürgerliches Zwangsverhalten, das die revolutionären Ausbrüche prägt. Verbunden sind sie auch dadurch, dass Börne ein Verehrer von Robespierre ist. Damit ist die Revolution, welche die Menschheit in eine glückliche, sinnenfrohe Lebensart führen soll, bedroht. Die Bedrohung vergrößert sich durch einen Revolutionär und Religionszerstörer wie Immanuel Kant, dessen Charakter ebenfalls von Asketismus geprägt ist. Auch nach dem Untergang der jüdischen und christlichen Glaubensvorstellungen ist also eine bessere Zukunft der Sinnenfreude nicht gewährleistet.
Diese Sicht der Weltgeschichte liefert Heine die Begründung für die Notwenigkeit einer Revolution der Sensualisten, der Hellenen. Da Revolutionen aber um die Sicherung der Ernährung und des Reichtums geführt werden – „le pain est le droit du peuple“, sagt Saint Just, der Revolutionär -, ist die Schaffung einer sozial gerechten Gesellschaft erst die Voraussetzung für das Entstehen einer sinnenfrohen Gesellschaft.
Aus dieser Ambivalenz der Revolutionen ergeben sich die Visionen der Erlösungsmythen der Weltgeschichte. Heine geht auf sie nacheinander ein.
Die Geschichtsdarstellung in der Börne-Denkschrift charakterisiert den Wechsel der Ebenen. Schon im ersten Buch konfrontiert Heine die Leserinnen und Leser mit dem Perspektivenwechsel zwischen der aktuellen Lebensgeschichte der beiden jüdischen deutschen Emigranten, ihrer Repräsentanz, die mit dem Wandel der für die aktuelle europäische Geschichte repräsentativen Städte Paris und Frankfurt verbunden ist, und der europäischen Geschichte der Neuzeit seit 200 Jahren. Börne und Heine stehen für eine jeweils andere Revolution, Börne für eine spießbürgerliche, die nach Heines Meinung zum Scheitern verurteilt ist, Heine für das große Revolutionsziel einer befreien sinnenfrohen Gesellschaft. In der Metapher des Lebensschiffes, die sich bis zum Ende durchzieht, wird das Scheitern von beiden erzählt.
Auch in den Zeitdimensionen ist der Wechsel der Ebenen und ihre Verbindung ein Merkmal von Heines Geschichtsdarstellung. Von der Gegenwart zur europäischen Geschichte, von da zur Weltgeschichte, von da zurück zur Geschichte der aktuellen europäischen Revolten seit der großen Französischen Revolution 1789, zu Napoleon, seinen Kriegen, dem griechischen Befreiungskampf und dem Polenaufstand, den deutschen Ereignissen Wartburgfest, Hambacher Fest 1832, Frankfurter Wachensturm 1833, Gründung des Preßvereins. Bei dem Vergleich der Städte Frankfurt und Paris werden sowohl die aktuellen politischen Ereignisse und der Wandel geschildert, zugleich über die Geschichte der Städte, besonders bei Frankfurt, auf die europäische Geschichte seit der frühen Neuzeit – Stichwort „Goldene Bulle“ - ausgegriffen. Heine bringt die aus seiner Beurteilung wesentlichen Fakten kritisch ironisch zur Sprache. Die Handelsstadt Frankfurt, Geburtsort der Rothschilds, und ihr Profitstreben erfasst auch Paris, das sich seit Ende 1830 von der Stadt der Revolution in Richtung Frankfurter Schacherstadt verändert. Mit dem Tagungsort des Bundestages, den Zensurgesetzen, Ort der Kaiserwahl wird in der Geschichte seit dem Mittelalter schnell hin- und hergesprungen. Mit dem Hinweis auf Frankfurt als Geburtsstadt Goethes eröffnet sich der Gegensatz von Kunst und Geschäftswelt. Die Linie ist die ständige Vermittlung zwischen aktuellen Gesellschaftskämpfen und der Geschichte der Städte.
Die Gliederung folgt den Mythen der Erlösung. Heine geht auf die historische Zeit der Bibelgeschichten und Homers Welt zurück und erfasst von aus die Weltgeschichte, die wiederum mit dem aktuellen Revolutionsgeschehen vermittelt wird. Die erste Station ist Heines Euphorie beim Ausbruch der erfolgreichen Juli-Revolution 1830 in Frankreich, von der die Erlösung Europas erwartet wird, deren Darstellung das zweite Buch der Denkschrift umfasst. In der Formel: Die See riecht nach Kuchen – findet Heines Hoffnung auf eine genussfrohe Gesellschaft ihren Ausdruck. Heine will zu den geweihten Waffen greifen und kämpfen. Die Euphorie verfliegt, die Hoffnungen erfüllen sich nicht, und Heine geht über zu den Momenten des Scheiterns einer sinnenfrohen Gesellschaft in der Geschichte. Als Erlösungsmythos wird das Johannesevangelium mit seiner Vision des Milleniums zitiert.
Die aktuellen Versuche revolutionärer Befreiung erinnern Heine an die Erlösungen in der biblischen und homerischen Weltgeschichte. In beiden Welten, der jüdisch-christlichen wie der griechischen, scheitert die Errichtung einer sinnlich lebensbejahenden Gesellschaft. Jesus Christus wird als Kosmopolit gefeiert, der „ein Opfer seiner Humanität“ wurde. Dessen Ermordung führte leider zur Religion „leiblicher Abtötung und übersinnlichem Aufgehen im absoluten Geiste“, zur „Passionssucht“, und zog damit die Sehnsucht nach Harmonie von Leib und Geist nach sich, die immer noch nicht verwirklicht ist, im Gegenteil: in Hegels „Nebelmeer des absoluten Geistes“ ist für Heine die Trennung auf die Spitze getrieben.[1]
Auch in der hellenischen Welt scheitert ein Leben in sinnlicher Freiheit. „Die weißen, marmornen Griechengötter“ werden bespritzt vom Blut von Golgatha, sie „erkrankten vor innerem Grauen, und konnten nimmermehr genesen!“ Pan, der Gott des Waldes und der Natur überhaupt in der griechischen Mythologie, der für ein Leben in Freude mit Musik, Tanz und Fröhlichkeit steht, stirbt schon im zweiten Jahrhundert vor Christus. Der Ruf „Pan ist tot!“ erschallt auch in Heines Text. Im Bild der Wolken, die wie gebeugte, kummervolle Mönche aussehen, als ob sie einer Leiche folgten, wird der Tod des sinnenfreudigen Pan und der Einzug des sinnenfeindlichen Christentums phantasiert – der Lauf der Weltgeschichte ins Elend.
Endet das dritte Buch mit einer symbolischen Geste des Scheiterns Börnes, so das vierte mit der Vision der Erlösung, nachdem untaugliche Instanzen der Erlösung, der Katholizismus und Barbarossa im Kyffhäuser, zurückgewiesen werden. Diesmal ist es eine Geschichte aus dem jüdischen Talmud, die Heine von einem Rabbi aus Krakau hat. Der Messias dieser Geschichte wurde im Jahr der Zerstörung Jerusalems geboren (70 n. Chr.), residiert im Himmel, aber gefesselt an den Händen mit goldenen Ketten. Seine Merkmale: „Er ist ein schöner, sehr schlanker, aber doch ungeheuer kräftiger Mann; blühend wie die Jugend.“ Er wohnt „im schönsten Palaste des Himmels, umgeben von Glanz und Freude, auch eine Krone auf dem Haupte tragend, ganz wie ein König ...“. Sein Charakteristikum besteht in der Ungeduld, auf die Erde zu eilen, wenn sein Volk misshandelt wird: „dann gerät er in einen furchtbaren Zorn und heult, daß die Himmel erzittern“ und muss zurückgehalten werden, um nicht vorzeitig loszuschlagen, denn „die rechte Rettungsstunde“ ist noch nicht gekommen.
Das fünfte und letzte Buch erzählt den Untergang des Revolutionärs Heine, der aber vor seinem Untergang noch Zeugnis ablegt von der Größe seines Geistes und seiner Bedeutung für die aktuelle Geschichte Europas und ihrer Revolutionen.
Mit den Erlösungsphantasien als Gliederung der fünf Bücher Weltgeschichte geht die Darstellung der Realgeschichte in den Mythos über. Auch der schillernde Begriff der Revolution zwischen Terrorismus und Menschheitsbeglückung wird zum Mythos.
Mit der Vorstellung der Erlösung der Menschheit hat Heine Teil an der beliebten zeitgenössischen Auffassung vom Triadenrhythmus der Weltgeschichte. Der anfängliche Glückszustand besteht in der hellenistischen Sinnenfreude, dem der Zerfall durch Juden- und Christentum folgt. Das Zeitalter der Zerrissenheit und Entzweiung hält bis in die Gegenwart an und kann nur durch Erlösung, durch eine Revolution, beendet werden. Von den Romantikern und Hegel unterscheidet sich Heine dadurch, dass er die Mittelalterbegeisterung nicht mitmacht. Heine setzt auch kein Vertrauen in den Fortschritt des Bewusstseins.
Wie kommt Heine, der sich als Dichter begriff, zu seinem Interesse an er Geschichte? Über die bekannte, von Heine selbst formulierte These, seine Rolle im Exil in Paris sei gewesen, dem eskalierenden Hass zwischen Deutschland und Frankreich entgegenzuwirken, hinaus gibt es mit dem ersten Traum der Harzreise eine Quelle, die Heines primäres Interesse an der Geschichte offenbart: Traum und Epilog zur Harzreise belegen, dass Heines Hinwendung zur Geschichte eine wichtige Rolle in der Stabilisierung der Psyche des Studenten 1820-21 spielte. Heine kann sich in die Leidensgeschichte der Menschheit einfügen, und das heißt: er kann in der lesenden Erfahrung der Leidensgeschichte der Menschheit die Bedeutung der eigenen Leiden als allgemein geschichtliche erkennen und damit mildern. Die Geschichte lehrt Heine, dass er mit seinen Leiden nicht allein dasteht, sondern eingebunden ist in die Weltgeschichte.
Diese psychische Funktion begründet auch Heines These, dass die Welthaltigkeit des leidenden Dichters die Voraussetzung und Legitimation des Geschichtsschreibers ist. Das eigene Leiden an der Welt erst ermöglicht den sympathetischen Zugang zu den Leiden der Völker in der Weltgeschichte. Gerade die Subjektivität ist die Bedingung einer objektiven Geschichtsschreibung.
Die Kunstform der Denkschrift
Die Form der Geschichtserzählung kann keine abstrakte sein, sondern muss die Empfindungen anschaulich machen. Daraus resultiert die Behauptung, dass Geschichtsschreibung mit literarischer Kunst zusammenfällt. Im Vergleich der Geschichtsschreibung in der Bibel und bei Homer gibt Heine letzterem den Vorzug, weil die Epen Homers als „Produkt der Kunst“ Geschichte anschaulicher und damit präziser darstellt als die Bibel, „wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist,“ in der „keine Spur von Kunst“ erscheint, die Bibel eher einem „Notizenbuch“ gleicht.
Heines Geschichtsauffassung ist also eng verbunden mit seinem Stil und seiner Theorie der Geschichtsschreibung, der Rolle des Geschichtsschreibers und mit seinem Begriff von literarischer Kunst. Heine setzt seine Ansichten in der „Denkschrift“, seinem Buch der Weltgeschichte, um. Daher wird die Anspielung der fünf Kapitel seines Börne-Buches auf die fünf Bücher Mose übergriffen von der Gestaltung als fünfaktiges Drama, mit der Exposition im ersten Akt, dem euphorischen Aufschwung nach der Juli-Revolution 1830 im zweiten, der Zuspitzung der vorrevolutionären europäischen und speziell deutschen Konflikte im dritten, der Retardierung im vierten und der Peripetie und Katastrophe mit dem Untergang des Dichters und Historikers im fünften Akt. Kunst bewirkt die Zeitlosigkeit und überhistorische Gültigkeit der dargestellten Geschichten, die exemplarischen Charakter annehmen und ewig gültig sind.
Die Sinnlichkeit und Emotionalität der Darstellung wird durch eine Vielzahl von literarischen künstlerischen Verfahren erreicht, die zugleich dem Ziel der Verschränkung von politisch parteilicher Anteilnahme und sachlicher Berichterstattung dienen. Die Inhalte des Geschichtsbuches sind nur ganz zu begreifen durch die Raffinesse der Gestaltung. Der künstlerische Rang der Börne-Denkschrift besteht auf drei Ebenen: der Komposition, des Erzählstils und der Verschmelzung von Fiktionalität und Wirklichkeit.
Das auf den ersten Blick Auffälligste ist der saloppe Erzählstil, ein scheinbar trivial alltäglicher Plauderton. Genau das ist künstlerische Absicht. Die Genialität dieser Prosa liegt in der Vereinbarkeit des Unvereinbaren, in der literarischen Komposition gegen alle Regeln literarischer Kunst. Das Erhabenste steht neben dem Trivialen, den Aufschwüngen des revolutionsbegeisterten Heine im zweiten Buch geht die ekelhafte Satire über den Kommilitonen Diefenbachs voraus, der allen Hunden und Katzen die Schwänze abschneidet, was ihn zum Beruf des Chirurgen prädestiniert. Das Drama der Menschheit durchsetzt der Erzähler mit aktuellen polemischen Satiren, sein Stochern in Geschichten des Alten Testaments und der griechischen Mythologie hat etwas Willkürliches. Der Bezug zur Gegenwart wird von einer kruden Phantasie hergestellt, deren Interesse an der Weltgeschichte sich auf triviale Witze zu beschränken scheint. Der Erzähler präsentiert sich als konfuser Historiker, der keinen Überblick über das Ganze der Geschichte hat und dessen wechselnde Gefühle sich Ausdruck verschaffen ohne Rücksicht auf die soziale Umgebung.
Der als assoziativ sprunghaft erscheinende Erzählduktus ist aber alles andere als ungeordnet. Das Börne-Buch weist einen hohen Grad an bewusster Gestaltung auf. Es ist die gleiche künstlerische Gestaltungsintensität, die der scheinbar salopp ungeordneten Erzählung der Harzreise zugrunde liegt. In der „Denkschrift“ wirken der Verzettelung in Anekdoten Leitthemen und Leitmotive entgegen. So gliedern die Lebensstationen der Begegnung zwischen Börne und Heine den Text, die Erlösungsmythen machen die fünf Stationen der Tragödie aus, die Darstellung des Terrorismus der Neuzeit gliedert die Geschichte der Weltanschauungen, der Weltantagonismus von Hellenen und Nazarenern dient als Leitthema von 2000 Jahren Geschichte, die Metaphern von Meer und Schiff sind wiederkehrende Leitmotive, Symbole des Lebens. Die Anekdoten wiederum sind gekonnt platziert und diskursiver Rede dialektisch zugeordnet.
Ein zentrales Merkmal der Verdichtung ist Heines Satire, denn in ihr sind stets zwei Aussagen und Bezüge präsent, denn trotz der ironischen Zersetzung bleibt die unironische Ebene wahr. Damit hat das Börne-Buch einen ausgefeilten Subtext von Anspielungen, der einen wichtigen Teil der inhaltlichen Aussage ausmacht. Dieser Subtext in seinen wechselnden Funktionen leistet die simultane Präsenz mehrerer Ebenen des Erzählens und historisch unterschiedlicher Dimensionen; er ermöglicht Ausflüge in die Phantasie des Erzählers, seine Träume, und die Formulierung aggressiver Abschweifungen.
Diese Doppelbödigkeit leisten weitere Merkmale des Erzählens. Die satirische Anekdote und die symbolische Anekdote sind bevorzugte Erzählformen, oft ist beides gleichzeitig. Die Geschichte vom Hund Medor oder die symbolische Handverletzung Börnes in den Tuilerien verschmelzen individuelle Schicksale mit Gesellschaftsgeschichte. Die von Heine zitierten Geschichten aus der Bibel, etwa von Dina und Sichem oder Jona im Bauch des großen Fisches bis zur breit ausgestalteten Episode um das Teeservice von Börne wird Geschichte in anschaulichen Histörchen und deren Symbolik verdichtet. Was diese Erzählform leistet, wird etwa an der trivialen Geschichte von Heines Seekrankheit bei der Überfahrt nach Helgoland deutlich, die über die biblische Geschichte von Jona die aktuelle Not des Volkes in der Revolution 1830 thematisiert. Gerade der humoristische Erzählton ermöglicht es Heine, in leichter, lächelnder Erzählform Grundansichten mitzuteilen: Der Mangel an Brot wird die Revolution auslösen, denn das Brot ist das Recht des Volkes. Das Volk wird diesmal weniger die Guillotine als leichtere Verletzungsformen verwenden: Ohren langziehen und annageln, Stock- und Rutenschläge, Fußtritte, Ohrfeigen. Heines Ansicht über die Rabulistik des Volkes.
Die Anekdoten können sich zu weitläufigeren Geschichten ausweiten, etwa der des Untergangs des Gottes Pan. Die Anekdoten reichen von der Mythologie bis zur trivialen Alltagsbegebenheit. Allen gemeinsam ist der Verweis auf die Menschheitsgeschichte. Der Wechsel der Ebenen geschieht durch die Assoziationssprünge des Erzählers, die das Triviale mit der großen Weltgeschichte verbinden.
Nicht weit entfernt von der satirischen Anekdote sind die vielen eingestreuten Personenporträts, eine weitere Säule von Heines Kunst der Geschichtsschreibung. Heine, der fast als Erfinder des Personenporträts in der Geschichtsschreibung gilt, individualisiert damit die Geschichtserzählung. Die große Leistung der Verdichtung wird in der Vielzahl der Personenporträts deutlich, die auf den wenigen Seiten der Denkschrift Raum finden. Die Nähe zur Anekdote ergibt sich daraus, dass Heine keineswegs nur berühmte Personen porträtiert. Börnes Helfer Garnier und Wolfrum, der Frankfurter Verleger Gottlob Friedrich Franckh, die Hausgenossen in Helgoland, der kleine Brillenhändler, den Heine nach Börnes Wohnung fragt, eine „alte rothaarige Magd“, die bei der Mutter von Jeanette Wohl in Dienst ist, auf Helgoland Heines Hauswirt und sein Zimmernachbar aus Königsberg stehen neben den Revolutionären und Terroristen. Über Assoziationen werden weitere Personen hineingezogen, etwa Lord Byron. Die Platen-Satire im dritten Teil der Reisebilder und die verschiedenen Stadien des Börne-Porträts zeigen die historische Bedeutung der Porträts, die besonders in den porträtierten politischen Gegnern der Revolutionszeit eigenes Gewicht erhalten: Raumer, Rotteck, Maßmann, Wolfgang Menzel, Jarcke erhalten ausgefeilte Beachtung, ebenso Gutel Rothschild, Rahel Varnhagen von Ense und Jeanette Wohl. Die Liste der in unterschiedlicher Länge porträtierten Personen ist lang, sie umfasst mehr als achtzig Personen.
Diese Art der Geschichtsschreibung folgt einem Blick auf die politischen Rollen der Figuren, die in der Auffassung des Erzählers vom Gang der Weltgeschichte positioniert sind. Die Auftritte sind nur scheinbar assoziativ willkürlich und ungeordnet, das Bewusstsein Heines vom Gang der Menschheit und ihren revolutionären Umwälzungen organisiert die Ordnung.
Aus dieser Sicht ist die Leistung der Verdichtung von Weltgeschichte in der Gesamtheit von Politik und Gesellschaft enorm. Dabei ist Heines Namengalerie noch nicht einmal ausschließlich der Auffassung von Geschichte als Handeln berühmter Personen verpflichtet; „das Volk“, „Der Adel“, „die Aristokratie“, „die Deutschtümler“, „die Kommunisten“, werden ebenfalls als handelnde Gruppen und Klassen porträtiert.
Zu Heines Kunst der Geschichtsschreibung gehören auch charakteristische sprachliche Mittel, die Heine bevorzugt: Wiederholungen von Worten, Satzteilen und ganzen Sätzen, etwas im Leitmotiv „Pan ist tot“, gehen zusammen mit einem ausgefeilten System von Sprachklängen, über die inhaltliche Bedeutungen transportiert werden, etwa in den harten Klängen der Namen der terroristischen Revolutionäre oder der Wiederholung von Jeannette Wohl auf dem Wollgraben. Scholz widmet diesen Sprachklängen ein eigenes Kapitel.
Ein weiteres Mittel ist die ausgefeilte Metaphorik. Die Darstellung der Weltgeschichte in der Börne-Denkschrift verklammert die Epochen mit der Gegenwart durch Metaphorik. Heine hat mit diesem in allen seinen Schriften praktizierten Erzählverfahren, das auffällig Natur und Menschheit vermittelt, in der Denkschrift vor allem die Antike mit der christlichen Zeit verbunden, die Bibel mit Homers „Ilias“ und „Odyssee“. Das heißt er verknüpft Realgeschichte und hier wieder Religionsgeschichte mit poetisch literarischen Phantasien von Geschichte. Darüber hinaus verbinden Metaphern die Wirklichkeit mit Phantasiewelten, besonders in Traumbildern. Die Träume gehören zu Heines poetischem Verfahren überhaupt, in der „Denkschrift“ sind sie ein wesentliches Element von Heines Geschichtsschreibung. Der Schlusstraum der „Denkschrift“ des nackten Heine am Ende der Rue Lafitte und den verblassenden Nymphen ist eine grandiose Vision vom Ende der Welt.
Die an sich abgedroschene und von Heine wiederbelebte Schiffsmetapher als Sinnbild der Lebensfahrt ist eine zentrale Metapher der „Denkschrift“, die als Leitmotiv dem Zusammenhang der Erzählstränge dient und von dem die Symbolik des Meeres ausgeht.
Ein eigenes Kapitel widmet Scholz den Porträts der fünf Publizisten Rotteck, Raumer, Jarcke, Maßmann und Menzel. Zusammen mit dem nachfolgenden Kapitel über Heine und die Zensur kommt der historisch politische Kampf Heines in und mit seiner „Denkschrift“ zur Sprache. Personenfehden sind seit der Erfindung des Buchdrucks und damit der Ermöglichung von Flugschriften der wirksamste Teil der öffentlichen politischen Diskussion. Gegenüber heute scheuten die Angriffe vor platten Diffamierungen nicht zurück. Vom 16. Bis zum 19. Jahrhundert wurden Polemiken in einer diffamierenden Schärfe veröffentlicht, gegen die heute von den Betroffenen erfolgreich geklagt werden könnte. In diesen Polemiken wurde ein Stellvertreterkrieg geführt, denn ein Angriff auf regierende Könige und deren Minister war nicht möglich, weil die Verfasser sofort inhaftiert worden wären. Aber auch dann waren Autoren mit Verfolgung bedroht, besonders wenn die Regierungen Angriffe auf die Religion vermuteten. Der preußische Steckbrief von Heine legt Zeugnis davon ab. Daher wurden anstelle von Regierenden deren publizistische Unterstützer angegriffen. Die Ausführlichkeit der fünf Porträts zeigt, welch großen Raum Heines aktueller Kampf gegen die Reaktion in Deutschland in diesem Werk über die Weltgeschichte einnimmt, und er zeigt die Individualisierung der politischen Kämpfe.
Heine und die Zensur
Das Kapitel über Heine und die Zensur betrifft eigentlich die Denkschrift nicht unmittelbar, denn die wurde nicht verboten. Dennoch ist das Thema relevant, denn Heine hat sein Buch über Weltgeschichte unter dem Damoklesschwert der Zensur geschrieben. Die ambivalente Wirkung der Zensur als Stimulans für einen indirekten Stil des Erzählens und als inneres Verbot hat auch Heines Börne-Buch geprägt. Vor allem die Personalpolemik gegen Wolfgang Menzel ist ohne den berüchtigten Bundestagsbeschluss vom 10. Dezember 1835 nicht verständlich. Heine wurde schon sehr früh von der Zensur erfasst, 1824 bei einem Gedicht in der Zeitschrift „Agrippina“ seines Freundes Jean Baptiste Rousseau. Es ist ein bekanntes Soldatenlied aus dem 18. Jahrhundert über einen zu Tode geprügelten Soldaten, bei dem Heine die Stadt Berlin einfügte.
Ab da hat Heine bis zu seinem Tod ausschließlich unter der Zensur veröffentlichen müssen. Die Verstümmelungen von Texten zogen einen Disput mit dem Verleger Campe nach sich und erforderten einen großen Aufwand zu ihrer Veröffentlichung an andere Stelle. Es musste getrickst werden, in welchem Staat man die Schrift der Zensur vorlegte, usw.. Der Bundestagsbeschluss von 1835 traf Heine besonders hart, weil seine noch nicht geschriebenen Schriften in das Verbot einbezogen wurden. Der preußische Steckbrief stempelte Heine zu gesuchten Verbrecher, zu seiner Mutter in Hamburg konnte er nur incognito reisen. Heine war in Preußen ein verfolgter Jude wie eh und je.
Es ist nicht eindeutig zu bestimmen, welche künstlerischen und inhaltlichen Merkmale in der Börne-Denkschrift der Zensur geschuldet sind, weil Heines seit der Harzreise, dem ersten Band der „Reisebilder“, seinen Stil aus einem Amalgam von eigenen Interessen und Empfindungen, seinem Verhältnis zu seiner Familie und seiner Sicht der Welt entwickelt hat, der seine Prosa-Schriften überhaupt prägt. Wozu die Zensur führte, kann man an den „Florentinischen Nächten“ sehen, die einen erheblichen Teil an satirischer Gesellschaftskritik hatten, der schon vor 1835 fertiggestellt war und den Heine nach dem Bundestagsbeschluss strich. Daher sind die „Florentinischen Nächte“ ein für Heine untypisches literarisches Werk. Die „Bäder von Lucca“ sind nicht anders geschrieben als die „Denkschrift“. Forciert hat Heine in der „Denkschrift“ seine literarische Technik der Anspielungen, der Satire, der Doppeldeutigkeit und der Sprachklänge als Aussageform. Die bis heute bei weitem nicht in ausreichendem Umfang entschlüsselten Anspielungen entzogen den Text dem Zugriff der Zensur. Die zeitgeschichtlichen Urteile erweisen die Denkschrift als politische Parteischrift, aber ihre Urteile sind Teil der Darstellung der Weltgeschichte und damit für die Zensur kaschiert.
Um zu belegen, dass die Zensurbehörden gegen ihr landeseigenes Recht verstießen, hat Scholz den Fall des Verbotes von Gutzkows Roman „Wally, die Zweiflerin“ genauer dargestellt, weil daraus die Willkür des Metternichschen Zensurkartells erhellt.
Bei Heine kam in den 1840er Jahren noch die Familienzensur dazu. Um seine Unterstützung durch den reichen Hamburger Bankier, seinen Onkel Salomon Heine, der den Vater Harry Heines in den Bankrott getrieben hatte und deswegen zu einer Rente für die Familie verpflichtet war, auch nach dessen Tod zu behalten, musste Heine versprechen, keine Memoiren zu veröffentlichen und das bisherige Material samt Familienbriefen zu vernichten.
Heines Schriftstellerei war eine Gratwanderung zwischen revolutionärer Gesinnung, deren deutlicher Formulierung und der Kaschierung der politischen Ziele. Der Zensur ist die Unterdrückung vieler Gedanken anzulasten, ihr verdanken wir aber auch einen Stil der Entäußerung, der weitreichende Folgen für die Überlegenheit gesellschaftskritischer Rede bis heute gehabt hat.
Zur Psychologie der Gegnerschaft zwischen Heine und Börne
Erst jetzt geht Scholz auf die Fehde Börne-Heine als Teil der aktuellen Geschichte der 1830er Jahre ein. Zur Kontroverse Börne-Heine gibt es in der „Denkschrift“ vier Personen: Den von Heine diffamierten Börne, das gerechte Personenporträt Börnes, die gedichtete Figur Heine, die am Ende des Dramas untergeht, und den Autor Heine, der den Text schreibt und überlebt.
Um hier zu akzeptablen Bewertungen zu kommen, ist es notwendig, den historischen Börne an den Anfang zu stellen und daran die Darstellung und die Wertungen Heines zu messen. Da alle Privatbriefe Börnes seit Beginn seines Exils in Frankreich 1830 erhalten sind, ist ein objektives Bild der Fehde möglich. Heine hat ein weitgehend gerechtes Urteil über Börne vermittelt, das neben seinem Porträt Börnes als kleinbürgerlicher, scheiternder Revolutionär und Nazarener steht. Das letztere Porträt ist in seinem Angriff auf die Sexualität Börnes und seine Askese falsch und verleumderisch.
Dennoch wird Heines Angriff verständlicher dadurch, dass sich erwiesen hat, in welch großem Umfang und mit welcher Schärfe Börne seinen Mitexilanten Heine verleumdet hat. Wer die Fehde erklären will, muss ergründen, woher das Motiv für Börnes Angriff auf Heine stammt. Scholz‘ These ist, dass Börne seinen jüngeren Kollegen als Doppelgänger empfunden hat, als verjüngte und künstlerisch überlegene Ausgabe seiner selbst. Das ist keine reine Phantasterei Börnes, denn die Lebensläufe legen ein solches Empfinden nahe: Beide sind emanzipierte jüdische Deutsche, beide zum Protestantismus konvertiert, beide sind Oppositionelle, beide Revolutionäre, beide Exilanten, beide leben in Paris, beide Schriftsteller, beide mit einem verkorksten Liebesleben. Börnes misslungene Versuche, eine Frau für sich zu gewinnen und Heines zur Schau gestellte Viellieberei lösten bei Börne zusätzlichen Neid aus. Das in der damaligen Zeit heiß diskutierte Doppelgängermotiv ist ein Indiz für latente Ich-Spaltung, für den bedrohlichen und große Ängsten auslösenden Prozess des Zerfalls der Einheit des Persönlichkeitskerns, des Selbst. Die Bedrohung ist bei beiden, bei Börne wie bei Heine, nachweisbar. Eine Handlung zur Rettung der Einheit des eigenen Selbst besteht im aggressiven Vorgehen gegen den Doppelgänger, von dem die Zerstörung der Kohärenz des Selbst ausgeht. Diesen Weg ist Börne gegangen, und Heine hat repliziert. Auch das Nachspiel, das Duell, bei dem Heine an der Hüfte verletzt wird, ist eine aggressive Handlung gegen den Doppelgänger, vollzogen durch den Freund des toten Börne.
Zugleich geben die Biographien von Ludwig Börne, Henriette Herz und Jeanette Wohl Aufschlüsse über psychische Probleme bürgerlicher jüdischer Männer und Frauen, aus denen die Motive für ihr Handeln erklärbar werden. So hat Jeanette Wohl-Strauß über Börne an der revolutionären politischen Diskussion ihrer Zeit aktiv teilnehmen können, ein starkes Motiv für ihr Verhalten gegenüber Börne. Heines böse Verleumdung Janette Wohls in seinem Porträt, das Jeanette auch äußerlich, ganz anders als das Urteil anderer Zeitgenossen, herabsetzt, zeigt die mangelnde Überlegenheit Heines gegenüber dieser Frau.
Biographisch psychologisch gesehen dient die „Denkschrift“ der Stabilisierung des latent beschädigten Selbst. Damit gerät die Fehde mit Börne in den Bereich fundamentaler psychischer Probleme. Eine Reaktion ist die Erzählung von der psychischen Beschädigung als Kunst. Die literarische Form erbringt die Leistung der Stabilisierung des Selbst. Damit erklärt sich, warum dieses Pamphlet gegen den Doppelgänger sich zur Darstellung der Weltgeschichte ausweitet, der eine strenge Kunstform angemessen ist, die wiederum von der Größe des Künstlers zeugt. Hohe Kunst und Größenselbst des Künstlers gehören zusammen, sichern die Einheit des Selbst und die Rolle des autonomen Subjekts in der Gesellschaft. Die Forderung nach Autonomie des Künstlers ist bei Heine total im Sinne der absoluten Vorrangigkeit des historischen Subjekts, seines ureigensten Empfindens und autonomen Urteilens vor aller gesellschaftlichen Norm und Moral. Der Künstler als höchste Ausprägung der positiven Tendenzen der Menschheit trägt in sich Inhalte und Maßstäbe des idealen Menschentums „Schöpfungen“ sei das Gefühl der „schmerzlichen Erweiterung der Seele“ (V. Buch), also allein das Empfinden von sich selbst, wurzelt in der Anschauung vom großen Individuum als Träger aller Weltideen und Schöpfer seiner selbst.
Der Beweis für die Überlegenheit des Kunstwerks in der Geschichtsschreibung gegenüber der diskursiven Historikerrede liegt für Heine darin, dass die Kunst die Überzeitlichkeit der Wahrheit eines zeitgebundenen Werkes sichert. Die Geschichten der beiden Epen Homers mögen in der altadeligen Gesellschaft Griechenlands wurzeln, als Kunstwerke erzählen sie die Geschichte der Menschheit. Ebenso schlagend ließe sich erweisen, dass die Dramen Shakespeares weit über die historische Bedingtheit ihrer Handlungen infolge ihrer Kunst Dokumente der Menschheitsgeschichte sind. Durch die literarische Kunst offenbart sich erst die wahre Geschichte. Und diese Wahrheit geht zusammen mit der Dimension als politisch eingreifende Publizistik. Ohne beide Pole – politisches Pamphlet und Kunstwerk – würde nach Heine eine Geschichtsdarstellung ihr Ziel, ihren Zweck und ihre Wahrheit verfehlen.
Heines psychische Entwicklung
Für die Analyse von Heines psychischer Entwicklung gibt es drei Kategorien von Quellen: Seine Liebeswahl, also sein Verhalten, Briefe an Freunde und die Dichtungen. Als viertes könnte man Personen, mit denen sich Heine identifiziert hat wie Bellini und vor allem Lord Byron hinzurechnen. Am schwierigsten zu beurteilen sind die Dichtungen, weil sich eine platte biographische Entsprechung dieser Phantasien verbietet, andererseits aber Katastrophenphantasien als Folge psychischer Probleme Heines nirgends so deutlich gestaltet werden wie in den Gedichten und Erzählungen.
Bei der Antwort auf die Frage nach der Entstehungsgeschichte des großen Menschen als Künstler kann daher auf die Dichtungen nicht verzichtet werden. Heines Subjektivismus hat nicht nur gesellschaftspolitische Inhalte im skizzierten Sinn politischer Kämpfe um eine neue Weltanschauung und eine neue Gesellschaftsordnung, sondern umfasst alle Lebensregungen des Subjekts. Daher wird das Thema „Seele“, Psyche, im umfassenden Sinn Inhalt der Schriften, und so ließe sich die auf den ersten Blick als Marotte zu bezeichnende Subsumierung aller Schriften unter den Oberbegriff „Memoiren“ erklären, ließe sich verstehen die Lyrik des Seelenschmerzes, des euphorischen Glücks und des ironischen Lächelns.
Amalie Heine-Friedländer und die Familie Salomon Heines
Bei der Frage nach dem Werdegang von Heines Psyche und Charakter landet man unweigerlich bei der Amaliengeschichte, Heines erstem großen Liebesleid, eine Geschichte, die seit 1867 in der Regel in den vertrauten Klischees erzählt wird: Die unerwiderte Liebe führt zu der berühmten Lyrik, der Dichter, der zum Kaufmann bestimmt ist, versagt auf diesem Gebiet, eben weil er ein Dichter ist.
Diese Erzählung stimmt hinten und vorne nicht. Die Amaliengeschichte kann man nur auf dem Hintergrund von Heines Auftrag in Hamburg verstehen. Dann wird deutlich, unter welchem Druck Harry Heine stand, als er nach Hamburg kam, um Kaufmann zu werden. Ihm, dem Ältesten in der Geschwisterreihe, war von der Mutter aufgegeben, den höheren Lebensstandard der Familie zu sichern. Die Notwendigkeit dazu ergab sich aus den geschäftlichen Problemen des Vaters, die letztlich, auf Betreiben seiner Brüder, in den Bankrott und damit zur Liquidierung der Firma des Vaters führten. Harry ist in diesen von den Brüdern seines Vaters in Hamburg, Salomon und Henry, bewusst herbeigeführten Bankrott hineingezogen worden. Die Forschungen von Klaus Briegleb und Sylvia Steckmest haben Licht in die kriminellen Handlungen der Brüder gebracht, die vor der Entmündigung ihres älteren Bruders nicht zurückschreckten, und in die Rolle, die Harry zugedacht war.
In Kurzform: Samson Heine, der älteste der Brüder, gründete im Januar 1797 bei seiner Verheiratung mit dem Kapital seiner Braut in Düsseldorf ein Tuchwarengeschäft, vorwiegend mit englischen Stoffen, das erfolgreich war. Die Heines zogen 1809 in ein größeres Haus, das Samson gekauft hatte. Die Kontinentalsperre Napoleons 1806 brachte Samson, wie viele andere Händler auch, in Schwierigkeiten. Er reagierte darauf mit der Ausweitung seiner Geschäftsbeziehungen nach Südfrankreich, Süddeutschland und Holland und mit der Erweiterung seiner gehandelten Produkte in Richtung Galanteriewaren, Modeaccessoirs, Lederwaren, Spiegeln und Kommoden. Das reichte offenbar nicht aus, denn auch nach der Aufhebung der Kontinentalsperre fielen die Preise für Baumwollstoffe so stark, das Samson seine Waren unter dem Einkaufspreis verkaufen musste. Dadurch geriet er in Zahlungsschwierigkeiten. Er bat seine beiden reichen Hamburger Brüder um Hilfe und stellte Wechsel auf sie aus, was die Brüder in Aufregung versetzte. Im November 1816 hatte Samson bei seinem Bruder Salomon über 85.000 Reichstaler Schulden, bei seinem Bruder Henry 10.000 Gulden. Da der Wert von Samsons Hauses und seiner Waren die Verbindlichkeiten weit überstieg, konnte von einem drohenden Bankrott keine Rede sein.
Die Hamburger Brüder aber befürchteten einen weiteren Anstieg der Schulden und damit um ihr eigenes geschäftliches Renommee. Sie heckten einen Plan aus, um Salomon zur Aufgabe seines Geschäfts zu zwingen. Salomon ließ sich den Lagerbestand von Samson als Sicherheit für die Schulden überschreiben, richtete in Hamburg ein Ladengeschäft ein, in welchem Harry die Waren seines Vaters verkaufen sollte, um mit dem Erlös die Wechsel seines Vaters zu bezahlen. Das war unmöglich, was Salomon wusste und auch wollte. Harry geriet zwischen die Fronten seines Vaters und seines Onkels. Um seinem Vater nicht zu schaden, floh er aus dem Geschäft vor den Gläubigern und ließ sich verleugnen.
Harry hatte keine Chance, das Geschäft erfolgreich zu führen. Um seine Handlungsfähigkeit wieder zu gewinnen, widerrief Samson Ende 1818 die Überschreibung seiner Waren an Salomon. Dieser konterte, indem er Harrys Geschäft liquidierte, dessen Eigentü+mer er war. Die Hamburger Brüder betrieben die Entmündigung Samsons. Den Anlass boten epileptischen Anfälle Samsons, die ihn schwächten. Die Entmündigung sollte in Hamburg erfolgen, weil Samson in Düsseldorf ein geachteter und beliebter Bürger war, der sich unter anderem um die Armenfürsorge verdient gemacht hatte. Die Schwäche des kranken Bruders ausnutzend, den Salomon nach Hamburg gelockt hatte, gelang die Entmündigung am 22. September 1819 in Hamburg. Die Firma wurde liquidiert, sein Düsseldorfer Haus amtlich verkauft. Es war kein klassischer Bankrott, denn die Verkaufserlöse deckten die Schulden. Heines Eltern aber standen ohne jede Einkünfte da. Salomon zahlte den beiden eine bescheidene Rente und die Miete einer Wohnung in Lüneburg, entfernte den renitenten Sohn Harry aus Hamburg, indem er ihm die Bezahlung eines Jurastudiums anbot, was dieser auch annahm.
Aus dieser Geschichte wird die Situation Harrys in Hamburg 2016-1819 deutlich. Erst dieser auf ihm lastende Druck, Oberhaupt seiner Ursprungsfamilie zu werden, sie zu versorgen und ihr eine hohe ökonomische Position zu erobern, macht verständlich, dass Amalies verschmähte Liebe für Harry Heine zur Katastrophe wurde. Mit Amalie hätte er in die reiche Familie seines Onkels eingeheiratet und die ökonomische Versorgung seiner Ursprungsfamilie gesichert. Harry fühlte sich 1816 in Hamburg als armer Schlucker behandelt. Da Harry bei zwei anderen Schwestern den Versuch einer Heirat machte, ist deutlich, dass es bei Amalie nicht um eine personale Liebe ging. Die Katastrophe war nicht die enttäuschte Liebe, sondern dass er nicht in die Familie seines reichen Onkels kam. Harry fühlte sich ausgestoßen aus dem begüterten Bürgertum. In seinem Gedicht „Affrontenburg“ hat der Klage über die schmähliche Behandlung in Hamburg Ausdruck verliehen.
Diesem Druck war nur Harry als ältester Sohn ausgesetzt, nicht aber seine Geschwister. Die Mutter hat dem ältesten Sohn ihre Hoffnungen auf den weiteren Aufstieg der Familie aufgezwungen. Er sollte ein berühmter Mann werden, der größte Feldherr oder der größte Bankier, reicher als Rothschild, oder der größte Kaufmann. Infolge der engen psychischen Bindung an seine Mutter hat sich Harry den Wünschen seiner Mutter nicht entziehen können. Er ist auch einer der berühmtesten Männer des 19. Jahrhunderts geworden und hat damit dem Willen seiner Mutter entsprochen, aber auf einem Feld, das bei seiner Mutter kein großes Ansehen hatte. Die drei anderen Geschwister haben den Auftrag großbürgerlicher Einkünfte erfüllt.
Trotz der Dominanz der Demütigung durch die Familie Salomon Heines ist die versagte Liebe durch Amalie nicht nebensächlich. Das belegen schon die aufgeregten Formulierungen in Heines Brief an Christian Sethe vom 27. Oktober 1816. Schon hier taucht das Motiv des Doppelgängers auf:
„Ich habe sie wiedergesehen,
‚Dem Teufel meine Seele,
Dem Henker sey der Leib,
Doch ich allein erwähle
Für mich das schönste Weib.‘
Hu! Schauderst Du nicht, Christian? Schaudre nur, ich schaudre auch. – Verbrenn den Brief. Gott sei meiner armen Seele gnädig. – Ich habe diese Worte nicht geschrieben. – Da saß ein bleicher Mann auf einem Stuhl, der hat sie geschrieben. Das kommt, weil es Mitternacht ist. – O Gott! Wahnsinn sündigt nicht.“
Die Zurückweisung durch Amalie Heine war die schwerste narzisstische Verletzung, die Harrys Selbst bis in die Grundfesten erschütterte und an den Rand der Fragmentierung des Selbst brachte. Sie hat für Heines Dichtungen gravierende Konsequenzen gehabt. Das Buch der Lieder ist eine einzige Orgie von Klagen über Liebestodesqualen. Aber es ist auch das Zeugnis, dass Heine überlebte und wie Heine davonkam. Die Frage ist aber, ob sich Heines Buch der Lieder mit seinen Katastrophenphantasien allein aus dem Amalienerlebnis ableiten lässt. Zu Recht haben manche das verneint. Dann ist danach zu fragen, woher die Liebeshemmungen kommen, die seine Geschwister offensichtlich nicht hatten.
Für Heines Liebes-Todes-Phantasien gibt es reichlich Zeugnisse in seiner Lyrik, in den beiden Jugenddramen und in der Erzählung „Florentinische Nächte“. Die Herkunft ist nicht allzu schwer zu bestimmen: Es war das zu enge Verhältnis Heines zu seiner Mutter, das ihm Schwierigkeiten bereitete, sich mit einer gleichgestellten Frau zu vereinigen. Die Liebesobjekte mussten möglichst weit vom Bild der Mutter entfernt liegen, damit eine Liebesvereinigung möglich wurde. Mathilde, d.h. Augustine Crescence Mirat, mit der Heine dann dauerhaft zusammenlebte, belegt das: Französin, ungebildet, die kein Deutsch konnte und es auch kaum lernte, 18 Jahre jünger, aus bäuerlichen Verhältnissen stammend, in Paris nur Schuhverkäuferin, anrüchiger Lebenswandel – das war weit genug weg vom Bild der Mutter. Die Prostituiertenliebe ist ein weiterer Beweis.
Es ging Harry auch mit Amalie um ein Liebesobjekt, das nicht in Konkurrenz zum Bild der Mutter stand. Sein Ausweg aus den Liebesschwierigkeiten mit einer hochgestellten Frau bestand 1815/16 in seiner Phantasie in einer endogamen Objektwahl, einer Frau aus der größeren Familie. Eine Verbindung mit Amalie hätte keine Konkurrenz zur Mutter bedeutet, sondern Solidarität, da Harrys Mutter den Schwager Salomon bewunderte. Die Liebeswahl war fast eine Geschwisterliebe. Auch deswegen war es für Heine unbedingt erstrebenswert und notwendig, eine der Cousinen zu heiraten.
Aus dieser Einheit von Teilnahme an der Familie des großen Salomon und Liebeswahl erklärt sich erst die Größe der Katastrophe durch das Scheitern. Und es erklärt, warum die Dramen Geschwisterehen proklamieren und die „Florentinischen Nächte“ die Verwandtenehe als Ideal hinstellen.
Es gibt einen Beleg dafür, dass Heine im Koitus die höchste Erfüllung seiner selbst erfuhr, zugleich aber auch davon die Katastrophe ausging. Im zweiten Traum seiner 1826 veröffentlichten „Harzreise“ gestaltet Heine die Phantasie eines Ritters, der in einen Brunnen hinabsteigt, um die Prinzessin zu erlösen. Der Brunnen ist hier das am Tag zuvor besuchte Klaustaler Bergwerk, und der Ritter ist der Erzähler selbst:
„[...] ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in der Mitte stand, weiß verschleiert, und wie eine Bildsäule starr und regungslos, die Herzgeliebte, und ich küßte ihren Mund, und, beim lebendigen Gott! ich fühlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das süße Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hörte ich, wie ein Gott rief: „Es werde Licht!“ blendend schoß herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles rann chaotisch zusammen in ein wildes, wüstes Meer. Ein wildes, wüstes Meer! über das gärende Wasser jagten ängstlich die Gespenster der Verstorbenen, ihre weißen Totenhemde flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klatschender Peitsche lief ein buntscheckiger Harlekin, und dieser war ich selbst – und plötzlich aus den dunkeln Wellen reckten die Meerungetüme ihre mißgestalteten Häupter, und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen erwacht ich.“
Hier ist nicht die Persönlichkeit der Frau vorrangig, sondern die Lust des Kusses. Der Vorgang des höchsten Liebesgenusses wird mit dem biblischen Beginn der Erschaffung der Welt gleichgesetzt. Stärker lässt sich die Bedeutung der Liebesvereinigung kaum ausdrücken. Aber das Märchen hat kein glückliches Ende, was der Erzähler gleich nach dem Traum reflektiert. Die Liebesvereinigung erzeugt Chaos, Verfolgung und Todesdrohung. Die Gespenster der Verstorbenen können auch durch die klatschende Peitsche des Harlekin, Symbol für Ironie, Witz und Humor, nicht vertrieben wer-den. Der Träumende kann sich der Angst vor der Vernichtung nur durch Erwachen entziehen.
Norbert Altendorfer hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sich in Heines Traumgestaltung exakt Momente der Traumfunktionen finden, die später Freud beschrieben hat: Tagesrest und Verschiebung, sexuelle Wunscherfüllung, die Angst, weil Verbotenes zu sehr an die Oberfläche gelangt, Aufwachen als Schutz vor Angst. Ist der künstlerische Traum im psychischen Sinne wahr, dann war Heine sinnliche Liebeslust verboten. Dafür gebraucht er das Bild der Erschaffung der Welt, deren Verlauf er rückwärts wendet. Nach dem Licht folgt der Vorzustand des Chaos und des wilden Meeres. Das Durchbrechen des Verbots war eine gegen die Familie und die Gesellschaft überhaupt durchzusetzende Selbstbehauptung.
Charakteristisch erscheinen mir zwei weitere Merkmale: Das Mittel der Durchsetzung sind Ironie, Witz und Humor. Das ist Heines tatsächlich literarische Praxis lebenslang. Zweitens spaltet das erlebende Ich eine weitere Person ab. Der Ritter der Liebe ist zugleich der Harlekin der klatschenden Kritik. Heine empfand sich, wie ja auch aus dem „Ratcliff“ ersichtlich ist, als gespaltene Persönlichkeit. Die nach Liebesgenuss strebende Persönlichkeit muss die bedrohlichen, tödlichen Folgen dieses Genusses abwehren, um zu überleben. Dafür ist eine andere Persönlichkeit notwendig, das Gegenteil des Genießenden. Wie er in dem Brief an Heinrich Straube 1821 geschrieben hat: das „gelle Lachen“ muss die Abwehr des Untergangs durch die „weitklaffende Todeswunde“ leisten.
Der Traum aus der „Harzreise“ belegt, dass nicht nur bestimmte Liebesobjekte verboten waren, sondern auch der Sexualgenuss selbst. Daher ist eine der Formen von Heines Liebesleben die Vortäuschung von sinnlichen Liebesverhältnissen. Heine versucht, sich Liebesverhältnisse sexueller Intimität mit berühmten schönen Frauen nachsagen zu lassen, z. B. mit der Fürstin Belgiojoso oder George Sand. Außerdem gibt es freundschaftliche Beziehungen zu gesellschaftlich bedeutenden Frauen wie Rahel Varnhagen und Friederike Robert in Berlin und Caroline Jaubert in Paris, mit deren Ehemännern Heine freundschaftlichen Umgang pflegt. Heine hat für diese Frauen nur brieflich oder in Gedichten und Prosaveröffentlichungen geschwärmt. Im persönlichen Verkehr war er sehr zurückhaltend. Sein Freund Hermann Schiff berichtete 1822: „In Damengesellschaften habe ich ihn nie einer Frau oder einem jungen Mädchen Artigkeiten sagen hören.“
Dass und wie Heine seine Mathilde, sein höchstes Liebesobjekt, liebte, zeigt seine Eifersucht. Er befürchtete ernsthaft, dass sie ihm untreu werden könnte, seine Schuhverkäuferin mit dem Geruch einer Grisette. Die Verschmelzung einer hochstehenden Frau und einer Prostituierten war für Heine eigentlich ein Ideal. An dieser Stelle ist Friederike Robert zu nennen. Sie ist die angesprochene „Madame“ in den „Ideen. Das Buch Le Grand“, der Heine seine unglückliche Liebesgeschichte, sein unendliches Liebesleid erzählt. Aus dem Bekanntenkreis war als Adressatin wohl niemand mehr geeignet als Friederike Robert, die selbst unendliches Liebesleid erfahren hatte, von ihrem Ehemann zur Prostitution gezwungen wurde, mit Hilfe eines ihrer Freier, Ludwig Robert, Rahels Bruder, die Scheidung durchsetzte. Mit Friederike Robert hatte Heine zwei Frauenbilder, die er liebte, in einer Person: das der attraktiven Prostituierten und das der schönen, geistig hochstehenden Schriftstellerin des vornehmen Varnhagen-Kreises.
Simon van Geldern
Bei der Amaliengeschichte ist wichtig zu wissen, wie Heines psychischer Werdegang verlaufen ist. Darüber gibt es leider kaum Zeugnisse. Aus den wenigen erhaltenen frühen Gedichten geht hervor, dass Heine dichtete, wenn ihn Probleme bedrängten.
Es gibt ein Zeugnis von Heines früher zeitweiliger Ich-Spaltung, das besonders im Hinblick auf das Doppelgängermotiv und die Spaltungsphantasien im Ratcliff wichtig ist. In seinen Memoiren berichtet Heine, dass er sich öfter im kleinen Häuschen seines Onkel Simon van Geldern (1768-1833) aufhielt, das vollgestopft war mit der Hinterlassenschaft von dessen Vater, ebenfalls mit Vornamen Simon (1720-1774), dass er sich in die phantastische Welt seines Großonkels Simon van Geldern flüchtete, sich mit ihm identifizierte und in Träumen nicht mehr er selbst war. Heine hat diesen, etwa ein Jahr andauernden Zustand anschaulich beschrieben:
„In diesen Träumen identifizierte ich mich gänzlich mit meinem Großoheim, und mit Grauen fühlte ich zugleich, daß ich ein anderer war und einer anderen Zeit angehörte. Da gab es Örtlichkeiten, die ich nie vorher gesehen, da gab es Verhältnisse, wovon ich früher keine Ahnung hatte, und doch wandelte ich dort mit sicherem Fuß und sicherem Verhalten.
Da begegneten mir Menschen in brennend bunten, sonderbaren Trachten und mit abenteuerlich wüsten Physiognomien, denen ich dennoch wie alten Bekannten die Hände drückte; ihre wildfremde, nie gehörte Sprache verstand ich, zu meiner Verwunderung antwortete ich ihnen sogar in derselben Sprache, während ich mit einer Heftigkeit gestikulierte, die mir nie eigen war, und während ich sogar Dinge sagte, die mit meiner gewöhnlichen Denkweise widerwärtig kontrastierten.
Dieser wunderliche Zustand dauerte wohl ein Jahr, und obgleich ich wieder ganz zur Einheit des Selbstbewußtseins kam, blieben doch geheime Spuren in meiner Seele.“
Das ist eine gute Beschreibung einer jugendlichen Destabilisierung, die Züge der Spaltung aufweist. Dass Heine „wieder ganz zur Einheit seines Selbstbewußtseins kam“, deutet auf eine vorausgehende latente Spaltung der Persönlichkeitskerns. Auch der Ausdruck „morgenländischer Doppelgänger“ zeigt diese Spaltung an.
Eine solche zeitweilige psychische Entfernung von der Wirklichkeit und der Weg in eine Phantasiewelt sind für einen Jugendlichen normal, gehören zur gesunden psychischen Entwicklung. Die Ursache liegt in dem Druck seiner Umwelt, der auf dem Heranwachsenden lastet, dem er sich nicht gewachsen fühlt und deshalb auszuweichen sucht. Die Traumphantasiewelt ist so eine Ausweichwelt.
Der erklärt auch die lange Zeit von einem Jahr, in welchem Heine in diesem Zustand lebte. Ein Jahr ist in der Jugendzeit eine sehr lange Zeit. Bezeichnend scheint mir, dass Heine auch nach der Rückkehr zur Einheit seines Selbst Restbestände dieser Spaltung behält. Heine geht also in die Amaliengeschichte mit einem leicht beschädigten Selbst, das zu Momenten der Destabilisierung neigt.
Bemerkenswert, dass Heine in diesem Häuschen seines Onkels nicht nur zur Lektüre von allem Möglichen, sondern auch zu eigenen literarischen Produktionen veranlasst wurde. Damit erschließt sich der Zusammenhang von Bedrohungen durch die Destabilisierung des Selbst und Dichten als Handlung der Abwehr.
Mit welchen Hemmungen und Sehnsüchten das Liebesproblem belastet war, zeigen die Gedichte, die Dramen und die Erzählungen. Seine Liebes- und im engeren Sinn Sexualphantasien und die Beziehung zu den Eltern lassen sich aus den „Florentinischen Nächten“, dem „Almansor“ und dem „Ratcliff“ erschließen.
Die „Florentinischen Nächte“
Das aufschlussreichste Zeugnis zu Heines Frauenbild der 1820er und 1830er Jahre sind die „Florentinischen Nächte“, 1837 veröffentlicht. Sie sind das Kompendium seiner Männerphantasien. Hier hat Heine seinen Phantasien freien Lauf gelassen, keine Phantastik gescheut. Die Sexualsymbolik ist ausgeprägt, die Facetten der Liebeswahl sind in teilweise abstrusen Liebesgeschichten in ihrer psychischen Bedeutung überdeutlich. Das Romanfragment ist eine erstrangige Quelle für Heines Schwierigkeiten beim Umgang mit Frauen. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Helden Maximilian. Sie kreist um das Problem, sich mit einer lebendigen Frau einzulassen, die keine Prostituierte ist. Das genau war auch Heines Problem.
Aus den Merkmalen von Maximilians seltsamen Liebesphantasien und Liebesbegegnungen lassen sich Rückschlüsse auf die Art der Störung ziehen. Gemeinsames Merkmal aller Frauenbegegnungen Maximilians ist die Morbidität der Frauen und die Liebe des Mannes zu leblosen und toten Frauen, während der Held und Erzähler psychisch und körperlich kerngesund ist.
Das durchgehende Merkmal des Marmors ist psychisch signifikant. Frauen aus Marmor sind offen für freie Projektionen, sexuelle genitale Lust ist ungehemmt zugelassen, aber nicht vollziehbar. In der Liebe zu Marmorfrauen vereinen sich Enthaltsamkeit und Sinnenlust, die hohe platonische Liebe und die sexuelle Sinnlichkeit. Das edle Material, die Reinheit des Marmors, seine Glattheit und Kälte ermöglichen nur einen entsinnlichten Liebesvollzug, andererseits lassen die beiden stummen schönen Frauen ungestraft offen sinnlich genitale Wünsche zu. In der Männerphantasie kann daher die weibliche Marmorstatue beide Liebesströmungen vereinen, die hohe und die niedere Liebe. Eine Frau als Marmorstatue stellt keine Ansprüche an den Mann, ein ganz wichtiger Aspekt angesichts des Ärgers, den Maximilian mit lebendigen Frauen hat. Auf der anderen Seite bleibt die Bestätigung und Förderung des Mannes durch die liebende Frau aus.
Die Liebe zu Marmorstatuen ist eine Einbahnstraße, eine subjektive Angelegenheit ohne Echo, ungehemmte Selbstbefriedigung mit dem Defizit eines stummen Gegenüber. Die Phantasien offenbaren die Aufspaltung der Liebe in die sinnliche und die entsinnlichte Strömung und die Versuche ihrer Vereinigung. Die Marmorstatuen vertreten in der „Göttin“ und in der „Nymphe“ beide Richtungen, aber auf zwei verschiedene Statuen verteilt. In Michelangelos liegendem Frauenakt ist beides vereint.
Weitere Merkmale von Maximilians Art zu lieben: Liebeslust ist immer mit Tod verbunden. Von der Frau gehen Gefahren für den Mann aus. Maximilian darf Maria nicht auf den Mund küssen, weil er sich sonst ansteckt. Aber auch die Frauen sind bedroht. Dem Knaben kommt sein Vorhaben, die schöne Marmorfrau im grünen Grase zu küssen vor wie „eine Mordtat“ begehen. Die beiden lebendigen individualisierten Frauen, Maria und Laurence, sind gegensätzliche Liebesobjekte. Maximilian rückt beide Frauen von sich weg. Ausdruck davon ist, dass er beide beim Schlaf betrachtet.
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Liebeslust und Mutterliebe. Die Reise der zwölfjährigen Knaben mit seiner Mutter in das „Schloss“, ein eher armseliges kleines Haus, „das Schloß meiner Mutter“, wie betont wird, verfallen und ohne Möbel, mit seinem verwilderten „wüsten Garten“, in dem die Marmorstatuen umgefallen, sind, deren Köpfe, „wenigstens die Nasen“, fehlen, von Gras überwuchert, ist eine Reise zurück in die Zeit der engen Beziehung zwischen Mutter und Sohn.
Die beiden zentralen Frauenfiguren sind mit denselben Wünschen und Hemmungen charakterisiert wie Maximilian. Maria liebt den Freund, auch mit sinnlichem Interesse, aber im Schutz ihrer Unnahbarkeit durch die Lungenkrankheit. Laurence ergreift vor der Oper die Initiative und lädt Maximilian in ihre Kutsche und ihr Schlafzimmer ein, aber erst im Schutz ihrer Ehe mit dem alten General, der ihren üppigen Lebensstil finanziert und von dem sie sich schon deswegen nicht trennen kann, der aber als Sexualobjekt unattraktiv ist: da sie ihn nicht liebt, konnte sie ihn heiraten.
Das Hauptthema der Florentinischen Nächte ist der Narzissmus der Hauptfiguren. Es gibt weder bei Maximilian noch bei den Frauen Hemmungen, sinnliche Wünsche zu haben und auszuleben. Das Problem sind nicht Ängste vor sinnlichem Liebesvollzug, sondern die Angst und Unfähigkeit einer Dauerbindung an ein Liebesobjekt.
Die Probleme des Mannes oder der Männer bestimmen das Schicksal der Frauen, deren Eigenständigkeit bedroht ist.
Die biographische Ebene dieser Phantasien ist zwar schwer zu beweisen, liegt aber auch auf der Hand. Das Resultat: Heines Liebeswahl beruhte auf Phantasien, die Freud in seinen Aufsätzen Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne (1910) und Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens (1912) beschrieben hat. Heines unstetes Tutti-Lieben, seine Vorliebe für Prostituierte und seine Liebeswahl Mathilde Mirat lassen den sicheren Schluss zu, dass er sich auf eine sozial gleichgestellte Frau dauerhaft deswegen nicht einlassen konnte, weil er psychisch zu stark an die Mutter gebunden war. Er musste Liebesobjekte wählen, die möglichst weit ab vom Bild der Mutter lagen.
Heines Liebesleben blieb gespalten. Die sinnliche Strömung lebte er mit Prostituierten aus, aber in der Besonderheit, dass er sie alle begeistert liebte und das auch aussprach. Dass er zugleich Freundschaften zu hoch gestellten Frauen unterhielt, die er in Briefen, in Gedichten und in Prosawerken mehr oder weniger deutlich anhimmelte, ohne in sexuelle Beziehung zu treten, passt dazu.
„Almansor“ und „William Ratcliff“
Nicht nur die Mutter-Sohn-Inzestgeschichte in den Florentinischen Nächten, sondern auch die Figurenkonstellation in den Dramen „Almansor“ und „William Ratcliff“ schließlich belegt sehr präzise, dass Heines Phantasien aus der mangelhaften Lösung der Ödipalkonstellation stammen.
Im „Almansor“ konstruiert Heine eine Geschichte der Kindesvertauschung, in der die Liebenden, Almansor und Zuleima, zunächst wie Geschwister aufwachsen und nach dem Wunsch der Eltern heiraten sollen. Durch den Sieg der Christen über die Araber 1492 werden sie getrennt und erst um den Preis des Lebens im Tod wieder vereint.
Im „Ratcliff“ folgt aus einer Liebes- und Mordgeschichte der Elterngeneration eine Liebesdämonie für die Liebenden Ratcliff und Maria, der sie schließlich erliegen und grausam zugrunde gehen. Ratcliff ermordet Maria und tötet sich selbst. Auch hier sind die Elternpaare so verbunden, dass die Liebenden eigentlich Geschwister sein müssten.
Der Liebeskonflikt wird beide Male auf Fixierungen der Schicksale der jungen Generation an die der Eltern zurückgeführt, und die Liebenden sind quasi Geschwister. Die beiden Dramen sind wenige Jahre nach der Amalienepisode und kurz nach dem wirtschaftlichen Ruin der Familie durch das Ende der Firma von Samson Heine entstanden.
Besonders die Ratcliff-Geschichte offenbart Heines Familienphantasien: Wie in Goethes Roman „Wahlverwandtschaften“ von 1808 werden beide Kinder im psychischen Ehebruch gezeugt. Denn im Liebesakt mit Mac-Gregor denkt Schön-Betty an Edward Ratcliff, dieser denkt im Zeugungsakt mit Jenny an Schön-Betty. Daraus erklärt sich die Geschwisterähnlichkeit von William und Maria. Als diese drei Monate alt ist, entdeckt Schön-Betty ihre alte Liebe zu Edward Ratcliff. Als dieser unter ihrem Fenster erscheint und seine Arme sehnsüchtig nach Schön-Betty aus-streckt, erwidert sie diese Geste. Das sieht ihr eifersüchtiger Ehemann und ersticht Edward Ratcliff. Schön-Betty stirbt drei Monate darauf „vor Schreck“. Dieses grausige Schicksal von Ratcliffs Eltern hat zur Folge, dass William Ratcliff sich von „Nebelmenschen“ verfolgt sieht.
An dieser Geschichte ist die krasse Entsprechung der Ausgangsituation in der Ratcliff-Geschichte mit der von Amalie und Harry frappierend: Ein Student aus befreundeter Familie kommt in das Schloss des reichen Vaterfreundes, lernt dort Maria kennen und lieben, wird aber abgewiesen. Die Rachephantasien gestaltet das Drama als Handlung: Da Ratcliff Maria keinem anderen gönnt, tötet er deren Bewerber und bringt sie und sich selbst um. So weit die naheliegenden Mord- und Todesphantasien aus der Kränkung.
Das aber ist nicht das Interessanteste. Warum diese Elterngeschichte, die keinerlei Entsprechung in der Realität hat? Die Nachwirkung der Tragödie der Eltern belegt, dass der Held sich fremdgesteuert empfindet. Ein Nebelmensch, ein Doppelgänger, diktiert seine Rachehandlungen, zugleich weiß Ratcliff, dass er selbst der Nebelmensch ist. Im „Ratcliff“ setzt der Titelheld seine vermeintlich legitimen Besitzansprüche auf die Geliebte mir Gewalt durch, zerstört damit aber sein Liebesobjekt. Er tötet es in der Spaltung seines Selbst im Wahn seines destruktiven Teils. Damit zerstört er sich auch selbst.
Diese Doppelgängergeschichte, die mit dem Mord und Selbstmord des Liebespaars endet, belegt Heines Bedrohung durch Spaltung. Alle anderen Spaltungen in seiner Literatur, in der „Denkschrift“ etwa zwischen dem schreibenden Autor Heine und dem Heine als politisch handelnder Figur, sind daraus abgeleitet.
Das Ratcliff-Drama zeigt auch die Ursache für Heines Sozialismus. So wie Ratcliff als Ausgestoßener Kontakt zu den Robin-Hood-Räubern sucht und dabei den sozialistischen Wirt Tom kennenlernt, so zog Heine die Konsequenz seiner Düpierung durch die Familien Salomon Heine und Henri Heine und ging in die Opposition zu den Reichen.
Die Rede des Tom im Ratcliff:
„Tom
So dacht ich auch, und teilte ein die Menschen
In zwei Nationen, die sich wild bekriegen;
Nämlich in Satte und in Hungerleider.
Weil ich zu letzterer Partei gehörte,
So mußt ich mich mit Satten oft mich balgen.“
Das ist die früheste Äußerung Heines zur Klassengesellschaft und seine erste publizierte Parteinahme für die „Nation“ der Armen. Darauf hat sich Heine in seinem Vorwort von 1851 zugutegetan: „Am Herde des ehrlichen Tom im Ratcliff brodelt schon die große Suppenfrage, worin jetzt tausend verdorbene Köche herumlöffeln, und die täglich schäumender überkocht.“
Dass Heine sich von der Ich-Spaltung bedroht sah, zeigt auch die Identifikation mit Byron, dem „Zerrissenen“. Die Identifikation geht so weit, dass Heine Verse von ihm übersetzter Gedichte von Byron in seine eigenen einfügte.
Heine und die bürgerliche Gesellschaft
Eine solche Sozialisation und Karriere wie die von Heine sind nicht singulär und nicht so individuell wie es scheint. Heine ist daher nicht allein individualpsychologisch zu begreifen, sondern auch historisch gesellschaftlich. Heine ist Teil und hat Teil am Aufstieg des Bürgertums an die Macht, er hat Teil am Aufstieg der jüdischen Bevölkerung Europas nach der Auflösung der Ghettos, nach der napoleonischen Liberalisierung, die erst die Niederlassung der Heines in Düsseldorf ermöglichte, auf ihrem Weg zur Integration in die christlich bürgerliche Gesellschaft. Die größenwahnsinnigen Vorstellungen von Heines Mutter für die Karriere ihres ältesten Sohnes sind ohne den Aufstieg der Rothschilds zu den Hauptfinanziers der europäischen Industrialisierung nicht denkbar, und die Finanzmacht der Rothschilds wiederum ist ohne den Sprung des Finanzkapitals an die Sitze der Teilkapitale nicht zu erklären. Teil dieses Aufstiegs ist auch die Karriere des Selfmademans Salomon Heine, der beim Hamburger Brand 1842 zum Wohltäter der Stadt werden konnte, eine Rolle, die eine Generation früher für einen Juden noch undenkbar gewesen wäre.
Das als geradezu hypertroph erscheinende Selbstbewusstsein Heines ist das Resultat dieser Mischung aus dem Aufstieg des Bürgertums auf ihrem Weg zur Bourgeoisie und dem Kampf der Juden um ihre Gleichstellung. Dass Heine seine Leiden so erfolgreich zum Thema seiner Literatur machen konnte, basiert darauf, dass seine Liebesprobleme Probleme der bürgerlichen Gesellschaft waren und seit Shakespeare vor allem auf dem Theater öffentlich diskutiert wurden. Der Aufstieg der literarischen Kunst und Publizistik, hier vor allem der Aufstieg der Dichter – weniger der Dichterinnen – als verehrte Genies zu Leitfiguren der Nation ist der Hintergrund von Heines Schriftstellerkarriere.
Auch Heines Oppositionsrolle in den Zeiten der restaurativen Reaktion ermöglichte der Anstieg des Ansehens der Revolutionäre in den turbulenten Klassenkämpfen des Vormärz. Ludwig Börnes Aufstieg zu einer Galionsfigur der deutschen Revolutionäre, der sich beim Hambacher Fest 1832 und bei seinem Begräbnis fünf Jahre später öffentlich dokumentierte, ist ein Produkt der rigiden Unterdrückung des bürgerlichen Liberalismus durch Metternichs System der Überwachung, Zensur und Verfolgung. Mit Börne, Heine und Marx betreten drei jüdische Deutsche die politische Bühne, Karl Marx wird der Ahnherr und Theoretiker der politischen Rolle der internationalen Arbeiterschaft und ihrer Weltrevolution.
Erst auf diesem Hintergrund der Geschichte des 19. Jahrhunderts wird verständlich, warum Heine zum ersten historisch materialistisch gesellschaftlichen Analytiker der Neuzeit werden und sich als Welthistoriker begreifen und präsentieren konnte.
Die historische Rolle Heines wird in den Bezügen zu den Strömungen seiner Zeit deutlich. Hier korrigiert Scholz bisherige Wertungen: Heine verhält sich als Geschichtsschreiber konträr zu allen zeitgenössischen Strömungen. Sein Subjektivismus wendet sich scharf gegen den Trend zu einer objektiven Geschichtsschreibung. Seine Rückführung der Geschichtsdarstellung zur literarischen Kunst und die Rolle des Geschichtsschreibers als empfindender, empathischer Mensch widerstreitet der Tendenz der Geschichtswissenschaften zur Analogie der Objektivität der Naturwissenschaften. Heine ist auch keineswegs ein Schüler Hegels, sondern ein eigenständiger Denker. Bei Heine gibt es, trotz der Anklänge an die Geschichtstriadik, kein Fortschreiten der Geschichte zur höheren Graden der Geistigkeit, auch kein kontinuierlicher Fortschritt zum Besseren wie in der Geschichtsauffassung der Aufklärung, sondern Geschichte ist Heine ein ewiger Kreislauf, in dem sich alles wiederholt. Heine bricht nicht nur mit dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärung und Hegels Geschichtsdialektik, sondern wendet sich auch entschieden gegen den entstehenden Historismus,
Heines Bild der Gesellschaft
Sein politisches und schriftstellerisches Programm hat Heine im Vorwort zu Band „Salon I“ verkündet, dem ersten in Paris fertiggestellten Buch, 1833 erschienen. Dieses Vorwort legt Heines Parteilichkeit für das „Volk“ fest, für die Zukurzgekommenen, die Armen, für das entstehende Proletariat. Diese Parteinahme, erstmals in der Tragödie „William Ratcliff“ formuliert, steht am Beginn des knappen Vierteljahrhunderts, das Heine noch bleibt, er radikalisiert sie in seiner, zwiespältigen, Aufmerksamkeit und Einschätzung der Kommunisten, und hält diese Parteilichkeit bis zum Ende durch.
Heine formuliert bereits 1842 und 1844, was von Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei erst sechs bzw. vier Jahre später polit-öffentlich formuliert wird. Heine:
„Kommunismus ist der geheime Name des furchtbaren Antagonisten, der die Proletarierherrschaft in allen ihren Konsequenzen dem heutigen Bourgeoisieregimente entgegensetzt. Es wird ein furchtbarer Zweikampf sein. Wie möchte er enden? Das wissen die Götter und Göttinnen, denen die Zukunft bekannt ist. Nur so viel wissen wir: der Kommunismus, obgleich er jetzt wenig besprochen wird und in verborgenen Dachstuben auf seinem elenden Strohlager hinlungert, so ist er doch der düstre Held, dem eine große wenn auch nur vorübergehende Rolle beschieden in der modernen Tragödie, und der nur des Stichworts harrt, um auf die Bühne zu treten.“
Dass Heine für das Ausleben der Lust aller sinnlichen Genüsse eintritt, war ein Schlag ins Gesicht der vom Bürgertum, aber auch von Frühsozialisten propagierten Askese. Heine greift also mit seinem Antagonismus Hellenen-Nazarener das Problem des Triebverzichts im Kapitalismus auf Seiten der Unternehmer wie auch der Arbeiterinnen und Arbeiter auf. Allein das Streben der Unternehmer nach Minimierung der Kosten ist auch ein Kampf um möglichst geringen Lohn. Die geringen Arbeiterlöhne zwingen zum Verzicht auf Genuss. Das Ideal des bescheidenen Unternehmers, der alles in die Firma steckt, reinvestieren muss, um im Konkurrenzkampf zu bestehen, bedeutet Triebverzicht. Auch das Ideal des unendlichen Arbeitens erzwingt Askese.
Mit seinen Wertungen von Terror für Revolution teilt Heine, so hat es den Anschein, die Furcht der deutschen Intelligenz vor der Revolution, vor Veränderung überhaupt. Deren Flucht in die Kunst aber machte Heine nicht mit, obwohl er, wie er mehrmals betont hat, es manchmal möchte.
Heine hat sich nicht „Terrorist“ genannt, sondern seine eigenen Bemühungen zur Förderung der Revolution im Börne-Buch als Guerillatätigkeit bezeichnet:
„Ich selber bin dieses Guerillakrieges müde und sehne mich nach Ruhe, wenigstens nach einem Zustand, wo ich mich meinen natürlichen Neigungen, meiner träumerischen Art und Weise, meinem phantastischen Sinnen und Grübeln, ganz fessellos hingeben kann.“
Der Guerillakämpfer und der träumende Dichter: Zwischen diesen beiden Polen sieht sich Heine. Die vorherrschende Selbstbezeichnung ist „Soldat“.
Heine war Sozialist, sein Ziel war die Revolution, die Schaffung einer Gesellschaft, die den Reichtum gerecht verteilt und genießt. Das Zwiespältige seiner Sympathie für die Kommunisten betraf nicht die Revolution der Eigentumsverhältnisse, sondern die mögliche kunstfeindliche Askese. 1854 formulierte Heine:
„Wir wollen gern für das Volk uns opfern, denn Selbstaufopferung gehört zu unseren raffiniertesten Genüssen – die Emanzipation des Volkes war die große Aufgabe unseres Lebens und wir haben dafür gerungen und namenloses Elend ertragen, in der Heimat wie im Exile – aber die reinliche, sensitive Natur des Dichters sträubt sich gegen jede persönlich nahe Berührung mit dem Volke, und noch mehr schrecken wir zusammen bei dem Gedanken an seine Liebkosungen, vor denen und Gott bewahre!“
Die westliche Heine-Forschung nach 1945
Das politische Ziel des Sozialismus und Kommunismus war für die bundesdeutschen und westlich internationalen Heine-Interpreten im Zeichen des Ost-West-Konflikts und damit des strikten Antikommunismus in den kapitalistischen Ländern eine Krux. Da sie Heine nicht fallen lassen wollten, behalfen sie sich damit, Heine als kämpferischen Antikommunisten zu propagieren. Damit verfälschten sie Heines politisches Weltbild und übergingen missliebige Passagen seines Werkes. Da für viele auch Heines Atheismus ein Problem war, wurde Heines angebliche Rückkehr zum Glauben an Gott in der Krankheit hochstilisiert. Nimmt man nun noch die Kritik an Heines sexueller Freizügigkeit hinzu, dann wird verständlich, dass fast alle in der BRD bis in die siebziger Jahre erschienenen Heine-Bücher große Mängel aufweisen und unbrauchbar sind. Dazu beigetragen hat der Konkurrenzdruck zum Aufschwung der Heine-Forschung und Heines-Interpretation in der DDR und in der Sowjetunion. Erst mit und nach dem Eklat 1972, als die Kritik an diesem Heine-Bild beim Kampf um die Benennung der Düsseldorfer Universität manifest wurde, änderte sich die Heine-Forschung. Aber auch 1991, nach dem Kollaps der Sowjetunion und dem Ende der DDR, war es in der alten BRD opportun, sich antikommunistisch zu positionieren – bis heute.
Dagegen sind die wenigen anders wertenden Bücher und Aufsätze zu nennen. Wenn wir nicht die kurzen Einwände von Adorno 1956 und Hans Mayer 1959 hätten – beides jüdische Deutsche! -, sähen die 1950er Jahre ganz düster aus. Und auch danach sind es erst jüdische Emigranten wie Carl Brinitzer 1960 und Siegbert Prawer 1961, von denen ein zaghafter Neuanfang ausgeht. Besser sind auch die angelsächsischen Biographien, neben Barker Fairley 1954 E. M. Butler 1956, Jeffrey L. Sammons 1969, Walter Wadepuhl 1974. Besonders hervorzuheben ist Eliza Marian Butlers Heine-Biographie, verfasst zum 100. Todestag Heines 1956.
Nach der Benennung der Düsseldorfer Universität nach Heine 1988 sind die Kontroversen erloschen. Seit der Postmoderne-Diskussion wird Heine mit dem positiven Modewort „Moderne“ in Verbindung gebracht. Es ist chic geworden, Heine als „Vorläufer der Moderne“, als „Klassiker“, als „modernen Intellektuellen“ zu feiern, seine „moderne Großstadtpoesie“ und seine „Ästhetik der Moderne“ zu bewundern, seinen „modernen Journalismus“ als epochal zu würdigen, ihn emphatisch mit dem Begriff „moderner jüdischer Dichter“ herauszuheben. Die Heine-Repräsentanz in Düsseldorf mit Heine-Preis, Festschriften, großformatigen Handbüchern und Sammelwerken aller Art nahm und nimmt einen großen Aufschwung. Für Scholz scheint dieser Aufschwung im diametralen Gegensatz zum Erkenntnisfortschritt zu stehen. „Moderne“ ist zu einem ideologischen Begriff geworden, bei dem das Denken endet, wie besonders in den Gedenkjahren 1997 und 2006 deutlich wurde. Die gegenwärtige Heine-Forschung vermittelt den Eindruck einer Kulturwissenschaft, der die Ziele abhanden gekommen sind. Vergessen ist, dass die Gegenstände dieser Wissenschaft, die Literatur, Zeugnisse der Gesellschaftsgeschichte sind.
Der große Dichter
Die „Denkschrift über Ludwig Börne“ vereinigt Heines in den genannten Schriften der 1830er Jahre entwickelten Ansichten über die jüngste Geschichte Europas seit der großen Französischen Revolution und fügt sie zu einem Gesamtbild zusammen. Sie erweitert die Geschichtsschreibung von der jüngeren europäischen Geschichte zur Geschichte der Neuzeit und zur Weltgeschichte. Mit dem Antagonismus von Revolution und Terrorismus begründet Heine seine Vorstellung von der Rolle der Revolution in der aktuellen historischen Revolution und entwickelt zugleich seinen Begriff von der Dialektik der Revolution in ihren Auswirkungen.
Welches sollte aber Heines Rolle bei der kommenden Revolution sein? In der „Denkschrift“ überwiegt der Pessimismus: Die Hoffnung des „Schreibers dieser Blätter“ auf den hellenischen Befreiungskampf endet in der Farce des nackten armen Narren am Rande der Geldgesellschaft, vom Goldkot eines Bankier-Parvenus bespritzt. Sein „Schiff“, das nach dem Schluss des ersten Aktes die „kostbare Ladung, die heiligen Schätze“, „die Götter der Zukunft“ an Bord hat, muss Heine „über weite Ebenen, Waldstege, Moorgründe, und sogar über sehr hohe Berge fortschleppen“. Der Weg endet im Sarg, ohne dass die heiligen Schätze abgeladen werden konnten, aber mit der Verheißung des Traumes, dass die Toten einst auferstehen und in den „blankgewichsten Stiefeln“, die jetzt schon vor ihren Gräbern stehen, eine Befreiungsarmee bilden.
Diese Vision korrespondiert mit dem grandiosen Größenselbst als weltgeschichtlich überragender Mensch, als Dichter, das Heine von sich selbst errichtet. Denn obwohl die Börne-Denkschrift ein Buch über Weltgeschichte ist, bleibt es auch ein Buch über Heine, der sich in erster Linie als Dichter begriff. Heines fasst in dem Begriff des Dichters seine bisherige Darstellung in der „Denkschrift“ und besonders im fünften Buch zusammen: die Fähigkeit, die Gesellschaft zu durchschauen und ihr Elend selbst zu erleiden. Die „innere Einheit“ als Voraussetzung für „geistige Größe“, die Charakterfestigkeit, sich dokumentierend in den Urteilen über die Gesellschaft und die Geschichte, in der Unbestechlichkeit; in der Parteilichkeit für die Beherrschten, in der Bereitschaft zum Kampf für die Revolution.
Der Subjektivismus wird bis zum äußersten gesteigert:
„Ich fühle eine sonderbare Müdigkeit des Geistes; wenn er auch in der letzten Zeit nicht viel geschaffen, so war er doch immer auf den Beinen. Ob das, was ich überhaupt schuf in diesem Leben, gut oder schlecht war, darüber wollen wir nicht streiten. Genug, es war groß; ich merkte es an der schmerzlichen Erweiterung der Seele, woraus diese Schöpfungen hervorgingen ... und ich merke es auch an der Kleinheit der Zwerge, die davor stehen und schwindlicht hinaufblinzeln ... Ihr Blick reicht nicht bis zur Spitze, und sie stoßen sich nur die Nasen an dem Piedestal jener Monumente, die ich in der Literatur Europas aufgepflanzt habe, zum ewigen Ruhme des deutschen Geistes.“
Und dann vergleicht er sich und sein Wirken mit „der Aufrichtung großer Geistesobelisken“, unter denen, wie bei der Errichtung des aus Ägypten gestohlenen großen Obelisken von Luxor, der 1836 auf der Place de la Concorde, der ehemaligen Place Louis Seize (XVI.), aufgerichtet wurde. Dieser Obelisk stammt aus der uralten ägyptischen Kultur, er ist ein „großer Sonnenzeiger“ aus härtestem Stein. Heine behauptet, sich selbst als „großen Geistesobelisken“ aufgerichtet zu haben. „Das große Monument sei erhaben und unzerstörbar“ und werde „von den spätesten Enkeln bewundert“. Die Symbolik ist der Ausdruck der Bedeutung des großen Dichters und Historikers: Uralt wie das mitfühlende historische Gedächtnis Heines, in 1600 Hieroglyphen, der ältesten bekannten Schriftsprache, den Ruhm des großen Mannes verkündend, aus dem härtesten Stein der Erde und daher unvergänglich wie das Werk des Dichters, ein Phallos der nie endenden sinnlichen Liebe, ein Mahnmal der Lust und der Manneskraft und der Literatur Heines, die er selbst für die Nachwelt als Hieroglyphen bezeichnete:
[…] unsere hinterlassenen Schriftmähler […] werden für die Spätergeborenen doch nur unenträthselbare Hieroglifen sein – das weiß ich […]
Das Ausmaß dieser Selbst-Apotheose ist enorm. Der große Dichter Heine birgt in sich die Weltgeschichte fast der ganzen Menschheit, von den Anfängen der ägyptischen Kultur an. Er zeigt mit seinen Werken auf die Sonne, das Symbol des Leben-Spendens seit Beginn der Menschheit, ja der Natur. Sein Werk ist unvergänglich und wird immer lebendig sein und bewundert werden.
Diese Selbstvergrößerung widerspricht dem Topos des bescheidenen Dichters in seiner Dichterklause und erscheint als anmaßend, so anmaßend wie die Diffamierung des Revolutionärs Börne. Sie hat aber ihre Berechtigung. Erst und nur der selbstbewusste und öffentlich vertretene Anspruch, die Wege der Geschichte zu durchschauen, daraus politische Konsequenzen für die Zukunft Europas und der Menschheit zu ziehen, ermöglicht Thesen wie die Revolution und den Terrorismus von Staat, Finanzsystem und Philosophie als Hauptmerkmale der europäischen Geschichte, den Antagonismus von Verzicht und Lust als welthistorische Konstante, die Rolle der Religionen und die Prognose der Fortsetzung von Terrorismus in allen Gesellschaftssystemen. Es gibt keine Revolution ohne Größenselbst und es gibt keine Darstellung der Geschichte ohne künstlerisches Genie.
Das Bild des großen, weltüberlegenen Dichters relativiert der Autor gleich selbst. Das Drama der Weltgeschichte endet mit dem Untergang des Dichters der Sinnenfreude. Für den Dichter und Politiker Heine ist kein Platz mehr in der neuen Gesellschaft. Seine Selbstapotheose ist nur die eines Dichters, der, wie der zitierte Dante, in der Hölle des Exils alle jene Qualgestalten nicht „gedichtet“, sondern „gelebt“, „gefühlt“, „gesehen“ und „betastet“ hat. Heines Vision einer glücklichen Menschheit hat keine Chance, verwirklicht zu werden, Heines Größe vermag keine Revolution mit Zielen in seinem Sinne auszulösen. Damit ist der Autor der „Denkschrift“ eine tragische Figur und ähnelt seinem alter ego Börne, den er schon früher für gescheitert hält. Die Weltgeschichte verbleibt „im erfolglosesten Kreislauf“, und der „Befreiungskampf der Menschheit“ findet nicht einmal im Traum statt.
In diesem Ausgang verschwimmen die Konturen. Der Welthistoriker und Autor Heine gestaltet den Untergang der gedichteten Figur Heine. Der Autor ist der Erfinder der Traumvisionen, der Schöpfer der tragischen Figur des untergehenden Dichters. Der Autor selbst geht nicht unter. Seine Überlegenheit dokumentiert sich in der Kunst des Erzählwerkes, durch dessen Veröffentlichung als politische Tat. Und es ist ein Dokument des Dichters, der damit seine eigene These vom Untergang des Dichters widerlegt. In dieser Dialektik zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist die Einzigartigkeit von Heines Börne-Buch angesiedelt und bezieht daraus ihre Faszination.
Scholz nennt sein Buch ein Lehrbuch. Merkmale sind eine ausufernde Beweisführung, die viel mehr Belege darstellt als für die Begründung einer These notwendig sind. Die ausführlichen Abschweifungen in die Geschichte, um die historische Umgebung und Bedeutung von Einzelheiten von Heines „Denkschrift“ zu zeigen, gehören dazu, und auch die Erweiterung der Analyse und Darstellung in die psychische Biographie Heines, deren Enträtselung noch längst nicht abgeschlossen ist. Scholz ist davon überzeugt, dass ohne eine Neudiskussion von Heines „Denkschrift über Ludwig Börne“ es keine angemessene Aufklärung über die Ziele von Heine als Historiker und Geschichtsschreiber geben kann.
Rüdiger Scholz, Die geheime Autobiographie des Gotthold Ephraim Lessing, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2020, 500 Seiten, Hardcover, ISBN 978 -3-8260-6995-6, € 29,80
Lessings psychische Biographie ist weitgehend unbekannt. Wie Lessing Konflikte, Krisen, Ängste, Depressionen verarbeitete, weiß man nicht.
Welche Rolle seine Werke in seinem Haushalt psychischer Probleme spielen, ist bisher nicht bekannt.
Die Art der Verbindung zwischen den hellsichtigen Konflikten der Dramenfiguren und der Psyche des Autors muss daher erst neu untersucht werden.
Im Gegensatz zu dem Generaltenor der Lessing-Forschung, die sich auf die literarischen und politischen Kämpfe konzentriert, geht meine Untersuchung von der Hypothese aus, dass die dichterischen Werke, auch die anakreontische Lyrik und die Jugenddramen, selbst das späte Drama Nathan der Weise sehr viel zu tun haben mit Lessings persönlichen, privaten Problemen.
Die Reihe der Vaterfiguren und das Schicksal der Söhne und Töchter werden vermittelt mit Lessings Verhältnis zu seinen Eltern und seinen Geschwistern, zu den Autoritäten Friedrich II. und Voltaire, ferner mit seinen Männerfreundschaften auf dem Hintergrund seiner jahrzehntelangen Weigerung zu heiraten. Erörtert wird erstmals Lessings sexueller Habitus zu der Frage, wen Lessing denn eigentlich geliebt hat. Die Freundschaft zu dem älteren Vetter Christlob Mylius, der Lessing in Leipzig und Berlin den Weg zum Theater und in die Publizistik ebnete, wird neu bewertet.
Der Briefwechsel mit Eva König erfährt eine detailgenaue psychologische Analyse, die auch Aufschlüsse über Lessings Spielsucht gibt. Von den Resultaten der psychischen Biographie aus führt der Weg zur Verschränkung von individueller Biographie und persönlicher Motivation mit Lessings politischen Zielen in der deutschen Gesellschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts.
W
Rüdiger Scholz, Hg., Goethe und die Hinrichtung von Johanna Höhn. Kindesmorde und Kindesmörderinnen im Weimar Carl Augusts und Goethes. Die Akten zu den Fällen Johanna Catharina Höhn, Maria Sophia Rost und Margarethe Dorothea Altwein, herausgegeben und eingeleitet von R. S., 2. erweiterte Auflage Würzburg, Königshausen & Neumann, 2020, 482 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-8260-6760-0, € 29,80
Seit der ersten Auflage sind neue Zeugnisse aufgetaucht:
- das von W. Daniel Wilson entdeckte Hinrichtungsprotokoll
- zwei amtliche Schreiben, welche die Rekrutierung von nicht weniger als 499 Bauern Miliz zur Absicherung des Hinrichtungsplatzes dokumentieren. Beides sind Belege dafür, wie riskant der Regierung die öffentliche Hinrichtung erschien.
- Nicht nur der Herzog, sondern auch seine Mutter Anna Amalia und ihr Gefolge verließen Weimar, um dem Schauspiel der Exekution auszuweichen.
- Goethes Argumentation für die Beibehaltung der Todesstrafe liegt jetzt vor. Sein Gedicht: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ vom Oktober 1783 ist aus Anlass der Frage: Hinrichtung oder Begnadigung von Johanna Höhn? verfasst und enthält im Mittelteil die Begründung für Goethes Votum für die Hinrichtung.
- Geklärt werden konnte auch, warum Herzog Carl August, der Johanna Höhn begnadigen wollte, Goethe nachgab und sie hinrichten ließ. 1783 stand der Weimarer Staat kurz vor dem Bankrott. Carl August brauchte dringend jemanden, der seine Finanzen sanierte. Diese Rolle hatte gerade Goethe übernommen, dem die Sanierung auch ein Jahr später gelang. Um Goethe nicht zu verlieren, ließ Herzog Carl August Johanna Höhn hinrichten.
- Die Abrechnungen zeigen, dass Kopf und Körper von Johanna Höhn ohne Begräbnis auf dem Schindanger der Weimarer Abdeckerei endeten.
- Die heftige Debatte der letzten beiden Jahrzehnte um Goethes Verantwortung für die Hinrichtung wird in 25 neuen Texten dokumentiert.
Der Text ist von 176 Seiten auf 482 vermehrt.
Goethes Schuld an der Hinrichtung von Johanna Catharina Höhn, die ihr Kind unmittelbar nach der Geburt in einem Anfall von Panik getötet hatte, ist lange Zeit vertuscht und geleugnet worden. Bis heute wird von einem Teil der Goethe-Forschung heftig bestritten, dass Goethe das Zünglein an der Waage zum Vollzug der Hinrichtung war. Daher ist es nicht verwunderlich, dass erst nach 220 Jahren die Akten über Kindesmorde während Goethes aktiver Regierungstätigkeit der Öffentlichkeit vorgelegt und erstmals die Lebensdaten der drei Frauen ermittelt werden, damit sich jeder und jede selbst ein Bild machen kann. Erstmals deutlich wird der große Unterschied zwischen dem Weimarer Herzog und Goethe. Während Carl August „einiges Mitleiden“ mit der Täterin hat und deshalb die Todesstrafe für Kindestötung überhaupt abschaffen will, hält es Goethe für „räthlicher“, „die Todtesstrafe beyzubehalten“. Die Zeugnisse geben Einblicke in die Machtverhältnisse im Weimarer Musenstaat. Sie zeigen anschaulich die Praxis einer vordemokratischen Justiz im Übergang vom Vergeltungsstrafrecht zum Schuldstrafrecht.
Die Entdeckung, dass Goethe sein Gedicht „Edel sei der Mensch“, nach Max Kommerell die vielleicht Goethes „ethischste Dichtung“ als Rechtfertigung der Todesstrafe für eine Kindesmörderin geschrieben hat, ist eine Sensation. Ich habe diesen Fund bereits 2010 veröffentlicht:
Rüdiger Scholz, Edel sei der Mensch – und strafe. Goethes, in: Colloquia Germanica Bd. 43, 2010, S. 285-293
Es ist bezeichnend, dass der Herausgeber des Goethe-Jahrbuchs, Jochen Golz, meinen Aufsatz ablehnte. Eine solche These könnte eventuelle die Heiligkeit Goethes beeinträchtigen und musste offenbar daher zurückgewiesen werden.
..\Höhn\Goethe-Höhn-Kontroverse 2004-2008.docx
Der Kampf um Lion Feuchtwanger.
Anne Hartmanns Dokumentation über Lion Feuchtwangers Moskaureise 1936/37 und seinen Reisebericht ist wegen ihrer Diffamierung Fuchtwangers eine Diskussion wert. Ich dokumentiere im Folgenden meine Bemühungen um eine Gegenrede.
Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Wallstein Verlag Göttingen 2017 (akte exil. neue folge, Bd. 1) 456 Seiten, ISBN 978-3-8353-3152-5, 39,- €
Antisemitismus und das Feindbild Russland
Anne Hartmanns Dokumentation zu Lion Feuchtwangers Moskaureise 1936/37 und die Reaktion der Presse
Anfang dieses Jahrhunderts stieß die Slawistin Anne Hartmann in Moskau auf Materialien zu Lion Feuchtwangers Aufenthalt in Moskau 1936/37. Das Dossier des russischen Geheimdienstes im Russischen Staatsarchiv für die neueste Geschichte enthielt u. a. die stenographische Aufzeichnung von Lion Feuchtwangers vierstündigem Gespräch mit Stalin. Nach weiteren Recherchen wurde daraus die Veröffentlichung der gesammelten Dokumente in dem 2017 erschienenen Band.
So weit handelt es sich um einen normalen Vorgang der biographischen Präzisierung eines bedeutenden Schriftstellers – wenn nicht die Herausgeberin Anne Hartmann und die Süddeutsche Zeitung daraus eine vernichtende Abrechnung mit Lion Feuchtwanger gemacht hätten. Die Diffamierung Feuchtwangers vollzieht sich mit der Wiederkehr des Antisemitismus in einer Seriosität beanspruchenden wissenschaftlichen Publikation und der – nach der Bildzeitung – größten deutschen Tageszeitung. Dieser antisemitische Angriff wird mit der Verdammung der Sowjetunion verbunden.
Mit dieser Kombination von Antisemitismus und Russlandfeindschaft passen Hartmanns Essay und Thomas Medicus‘ Rezension in den gegenwärtigen Trend westlichen, bürgerlichen, scheinbar toleranten und liberalen Denkens. Dennoch überraschen die Vehemenz und Aggressivität, mit der versucht wird, Feuchtwangers moralische und intellektuelle Integrität zu beschädigen.
Thomas Medicus nutzt die Gelegenheit von Hartmanns Dokumentation, um den linksliberalen Juden Feuchtwanger zu diskreditieren. In seiner langen, dreispaltigen Besprechung von Hartmanns Dokumentation in der Süddeutschen Zeitung vom 13. Januar 2018 holt Medicus zu einem Verriss von Feuchtwanger aus. Er kommt mit seiner Lektüre über „entsetztes Kopfschütteln nicht hinaus, weder über den Verrat der Intellektuellen an ihrer Unabhängigkeit im Allgemeinen noch über Feuchtwangers Kotau vor dem stalinistischen Terrorsystem im Besonderen.“ Als Motive für den Unterschied zwischen Feuchtwangers privat geäußerter Kritik und öffentlicher Glorifizierung nennt Medicus Eitelkeit, Konkurrenz zu Gide, Profit und das erpresserische, totalitäre Argument, wer gegen die Errungenschaften der Sowjetunion und gegen Stalin polemisiere, leite „Wasser auf die Mühlen des Faschismus“. Medicus konstatiert bei Feuchtwanger „ideologische Willfährigkeit“. Seine Profite aus den sowjetischen Auflagen seiner Bücher, so suggeriert Medicus, ließen „den nach 1941 fürstlich im kalifornischen Exil lebenden Emigranten“ am Glauben an die Sowjetunion auch nach dem XX. Parteitag „unerschütterlich“ festhalten. Feuchtwanger sei ein „Lehrstück über die politische Moral der Intellektuellen und ihrer Verführbarkeit“.
Die Passage im Wortlaut:
„Warum schrieb Feuchtwanger anders als er dachte? Keine unbedeutende Rolle spielte die Anerkennung, die der eitle Mann in Moskau an höchster Stelle erfuhr. Vergessen werden darf auch nicht, dass sich seine ideologischen Willfährigkeit auszahlte. Die Übersetzungen seine Romane ins Russische garantierten dank riesiger Auflagenzahlen hohe Summen, davon abgesehen konnte sich Feuchtwanger auch über manche überraschende Rubelüberweisung freuen.
Am wichtigsten war jedoch die das Solidarität erzwingende Argument, wer die Errungenschaften der Sowjetunion und seines Führers Stalin kritisiere, leite Wasser auf die Mühlen des Faschismus. Dass dieses erpresserische Argument totalitär sei, jedes Mittel rechtfertige, jede Kritik unterdrücke, focht Feuchtwanger auch nach dem Endes des Weltkrieges und trotz der Enthüllungen des XX. Parteitags nicht an. Sein Glaube an die Oktoberrevolution und den in der Sowjetunion vollzogenen Sieg der Vernunft blieb für den nach 1941 fürstlich im kalifornischen Exil lebenden Emigranten unerschütterlich. Der Fall Feuchtwanger, das macht dieser großartige Band deutlich, ist ein Lehrstück über die politische Moral der Intellektuellen und ihrer Verführbarkeit durch eine angebliche gute Macht.“
Hier sind alte bekannte Vorurteile gegenüber Juden versammelt: Geldgier, Eitelkeit, Geltungsbedürfnis. Korrumpierbarkeit, Amoralität, Reichtum. Das wird mit der Verdammung der Sowjetunion durch den Stalinismus verbunden. Dass es 1936/Anfang 1937 das stalinistische Terrorsystem noch nicht gab, sondern nach der Ermordung von Stalins Vertrauten Kirow am 1. Dezember 1934 erst zwei Prozesse mit seltsamen Schuldbekenntnissen der Angeklagten, Prozesse, mit denen – auch nach Einschätzung Feuchtwangers – Stalin mit seinen politischen Gegnern abrechnete, ficht Medicus nicht an. Außerdem formulierte Feuchtwanger sein Verbot der Kritik an der Sowjetunion erst kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Das Zitat lautet: „Ein deutscher Emigrant, der gegen Sowjetrußland polemisiert, unterstützt das Hitler-Regime.“ (Äußerung vom 13. August 1939 in der Pariser Deutschen Volkszeitung) Das als erpresserisch und totalitär zu nennen, ist ein krasses historisches Fehlurteil.
Die Diffamierung Feuchtwangers im Stil von Thomas Medicus findet sich in anderen Rezensionen nicht. Die Rezension von Susanne Klingelstein in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, drei Monate zuvor erschienen, ist kein Verriss von Feuchtwanger. Aber auch sie geht auf die politische Weltlage Ende 1936 nicht ein.
Signifikant ist die Reaktion auf meinen Versuch, in einem Leserbrief auf die historische Situation der ins Exil getriebenen Deutschen als Motiv für Feuchtwangers Verhalten hinzuweisen und sein Verhalten nach dem Zweiten Weltkrieg als Reaktion auf den rigiden westlichen Antikommunismus zu verstehen.
Zuerst reagierte der verantwortliche Redakteur Lothar Müller. Er bedankte sich am 15. Januar für meinen Beitrag, den er an den Autor Medicus weitergeleitet habe. Dann heißt es:
„Beruhte die Gide-Feuchtwanger-Kontroverse (Feuchtwangers ‚Der Ästhet in der Sowjetunion‘) nicht gerade darauf, daß auch Autoren, die dem Nationalsozialismus feindlich gegenüberstanden, die Schauprozesse in der Sowjetunion nicht als ‚zweitrangig‘ einstuften?“
Da es bei der Süddeutschen Zeitung üblich ist, dass eine persönliche Antwort auf einen eingereichten Leserbrief bedeutet, der Brief wird nicht abgedruckt, schickte ich folgenden Brief an den Redakteur Lothar Müller:
Sehr geehrter Herr Müller,
wenn Ihr Brief an mich heißt, dass mein Leserbrief nicht veröffentlicht wird, protestiere ich energisch.
Die Diffamierung Feuchtwangers in Ihrem Artikel muss öffentlich korrigiert werden! Sie können sich auch nicht hinter dem Herausgeber verstecken. Sie hätten dessen Position kritisieren können. Wenn Sie sich in der Biographie Feuchtwangers nicht auskennen und keine Zeit in die Aneignung investieren wollen, hätten Sie die Rezension nicht schreiben sollen.
Sollte keine öffentliche Gegenrede zu der Verleumdung des jüdischen deutschen Autors Feuchtwanger erfolgen - etwa durch meinen Leserbrief - werde ich den Vorgang der Chefredaktion vorlegen. Wenn auch das nicht fruchtet, werde ich an die Öffentlichkeit gehen.
Ich werde die Verleumdung dieses hoch achtbaren und erfolgreichen Schriftstellers, der vehement gegen den Nationalsozialismus gekämpft hat, in keinem Fall hinnehmen.
Mein Brief enthielt zwei Fehler. Ich verwechselte Müller mit Medicus, und ich folgte der falschen bibliographischen Angabe in der Rezension, dass Hermann Haarmann Herausgeber der Dokumentation ist. Lothar Müller antwortete, er sei nicht der Verfasser, er würde einen Abdruck meines Schreibens bei der Leserbriefabteilung befürworten.
Auf meine Replik mit der Bemerkung, was denn das für eine Praxis in der Süddeutschen Zeitung sei, dass der Autor nicht selbst antworte, schrieb Müller nach der Richtigstellung, wer Redakteur und wer Autor ist:
„Drittens: Für den Abdruck Ihres Leserbriefs bin ich schon deshalb, weil Sie damit Ihre eigene Position öffentlich machen, die die Bagatellisierung der Schauprozesse 1937 als zweitrangig einschliesst. (Vgl. hierzu die einschlägigen Publikationen von Karl Schlögel - [Müller bezieht sich auf Karl Schlögel, Terror und Traum. Moskau 1937, München 2008 einer detaillierten Darstellung von Stalins Terror 1937.])
Viertens: Sie erwecken den Eindruck, aus Ihrer Position spreche der Konsens der germanistischen Forschung. Ich bin selber promovierter Germanist, lehre an der Humboldt Universität zu Berlin und durch Ihren professoralen Gestus nicht so leicht zu beeindrucken. Dass es den Konsens, den Sie suggerieren, nicht gibt, zeigt u. a. der Band, den Thomas Medicus rezensiert hat. Lion Feuchtwanger kann ein nicht hoch genug zu schätzender Antifaschist gewesen sein und zugleich eine vollkommen verzerrte Wahrnehmung der Schauprozesse in Moskau gehabt gaben. Eben darin war er typisch für viele deutsche Linke, zu deren politischer Katastrophe dann der Hitler-Stalin-Pakt wurde. Es hat wenig Sinn, diesen Abgrund zu ignorieren.
Sie mögen das anders sehen, aber Sie müssen die Position, die Sie derart aufbringt, schon philologisch-historisch angreifen, und nicht nur moralisch-apologetisch, wie in Ihrer Leserbrief-Polemik. “
Müller fühlte sich offensichtlich angegriffen und ging zum Gegenangriff über. Er kehrte er die Argumentation um. Denn ich werfe in meinem Leserbrief Medicus vor, die historische Lage nicht berücksichtigt zu haben, sondern allein moralisch zu argumentieren. Außerdem gehe ich keineswegs von einem Konsens der Forschung aus, sondern formuliere meine Einschätzung. Allerdings sind mir keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen bekannt, in denen Feuchtwanger derart abgekanzelt wird wie bei Medicus. Das Wort Polemik passt eher zur Diktion von Medicus als zu meinem Leserbrief.
In Kenntnis dieses Briefes von Müller an mich schrieb mir Thomas Medicus am 17. Januar. Er teile, so schreibt er, die Ausführungen Müllers in Punkt 3) und 4) „voll und ganz“ und habe „nichts weiter hinzuzusetzen“. Er lobt Hartmanns Dokumentation wortreich, so als habe ich etwas dagegen gesagt. Zu seiner Rezension sagt Medicus:
„Im Übrigen unterliegen Sie einem Missverständnis. Bei meinem Text handelt es sich um die Rezension eines Buches zur Moskaureise von Lion Feuchtwanger und nicht um einen Beitrag meinerseits zu diesem biographischen Abschnitt Feuchtwangers. Ich habe also das von Anne Hartmann herausgegebene Werk rezensiert und kommentiert, und zwar, da haben Sie recht, zustimmend.“
Am Schluss wird dem Lob der Dokumentation angefügt: „Zu Ihrer Bagatellisierung der Moskauer Prozesse hat Ihnen mein Kollege Müller bereits das Notwendige mitgeteilt.“
Müller und Medicus lesen meinen Leserbrief so, als würde ich die stalinistischen Schauprozesse als zweitrangig beurteilen. Aus dem Kontext geht aber hervor, dass damit das Verhalten der Emigranten 1936/37 gemeint war.
Meine Erwiderung auf Medicus:
„Sehr geehrter Herr Medicus,
die Diskussion verschiebt sich auf Punkte, die ich gar nicht kritisiert habe. Also: Ich unterliege keinem Mißverständnis. Dass Sie die Urteile des Herausgebers oder der Herausgeberin referieren, habe ich ja gar nicht angezweifelt. Ich kritisiere, dass Sie keine Kritik an den Urteilen geübt haben.
Die Textsammlung ist hervorragend. Mir war in dem Ausmaß nicht deutlich, dass Feuchtwanger sich privat so kritisch über Stalin geäußert hat.
Man kann natürlich Feuchtwangers Urteile über die stalinistischen Schauprozesse von 1937 scharf kritisieren.
Mir geht es um den Punkt, dass die unterstellten Motive - Geltungssucht, Konkurrenz zu Gide, Wohlleben, Profit - nicht der historischen Wahrheit entsprechen. Wahr sind die politischen Motive, wie ich dargelegt habe. Da die unterstellten Motive eine Verleumdung Feuchtwangers darstellen, bestehe ich auf meiner Gegenrede und verlange den Abdruck meines Leserbriefes.
Immerhin hatten meine Briefe Erfolg: Mein Leserbrief wurde abgedruckt.
Ich bewarb mich bei dem Rezensionsorgan literaturkritik.de um eine Rezension von Hartmanns Dokumentation. Die Rezension ist erschienen:
https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=24640
Anne Hartmanns Vernichtung Feuchtwangers
Das Schlimme an der Verleumdung Feuchtwangers durch Medicus ist, dass seine Entgleisung nicht singulär dasteht, sondern auch die Herausgeberin der Dokumentation in ihrem hundertseitigen Essay kein gutes Haar an Feuchtwanger und der Sowjetunion lässt. Ihre Kritik zielt auf die Herabsetzung der Person Feuchtwanger als dumm und unmoralisch. Sie bedient dabei alte Klischees gegenüber Juden: Geschäftstüchtig, reich, geltungssüchtig, unseriöse Schriftstellerei, unmoralisch, Verrat eigener Grundsätze zum persönlichen Vorteil, ein Leben als Lebemann.
Der geschäftstüchtige Lebemann
Zu den hohen Auflagen von Feuchtwangers Büchern in der Sowjetunion, zu Geldzahlungen und der in Aussicht gestellten russischen Gesamtausgabe seiner Werke (die dann nicht zustande kam), sagt Hartmann: „Die Ehrung seiner Person und seines Werks war für Feuchtwanger nicht nur wohltuend, sondern zugleich lukrativ.“ (H S. 46) Die Kritik an Feuchtwangers Geschäftstüchtigkeit findet sich auch in einem Geheimbericht von Wladimir Kurski: „Seitdem er in Moskau ist, ist Feuchtwanger damit beschäftigt, seine Angelegenheiten als Autor bei Verlagen, Film und Theater zu regeln. An Begegnungen, die nicht mit der Vermarktung seiner Bücher, Stücke und Filmdrehbücher zu tun haben, ist er nicht interessiert.“ (H S. 265) Hartmann hat dies auch für die USA-Zeit behauptet: „In seinen amerikanischen Jahren hörte er vollends auf, sich in das politische Tagesgeschehen einzumischen, und verlegte sich ganz auf seine Romane. […] Seine Romane waren Feuchtwanger wichtiger als das politische Engagement. [...] Gerade die von Feuchtwanger so bevorzugte historische Perspektive führte zu seltsamer Enthistorisierung“ (H S. 97)
Das wird verbunden die Unterstellung der Korrumpierbarkeit durch öffentliche Zuwendung: Feuchtwanger, so Hartmann, habe sich durch die überwältigende Zuwendung und Medienöffentlichkeit in Moskau beeindrucken und bestimmen lassen. „Es muss für den Exilautor überwältigend gewesen sein, nach den Jahren der Isolation plötzlich mit so viel Aufmerksamkeit überschüttet zu werden und wieder Kontakt mit dem Publikum zu finden.“ (H S. 4) Auch mit der gesamten Reise nach Moskau schiebt Hartmann Feuchtwanger auf die Schiene Eitelkeit: „Diese Herausforderung“ - „zum Experiment Sowjetunion Stellung zu beziehen“ - „scheint ihn zu jenem Zeitpunkt gereizt zu haben. Man könnte sagen: Er entwarf sich neu, als engagierten Intellektuellen im Sinne Zolas.“ (H S. 39)
Neben dem geschäftstüchtigen Kaufmann bedient Hartmann ein weiteres Klischee: den Lebemann – ein altes Vorwurfsbild gegenüber Juden. „Doch daneben blieben genügend Zeit, Geld und Elan, um sich Ausflüge zu den Spielcasinos der Riviera, den Luxus eines guten Hotels und zahlreiche Affären zu leisten.“ (H S. 23) Um etwas Positives zu retten, erwähnt Hartmann Feuchtwangers großzügige Unterstützung von Exilautoren nach der Besetzung Frankreichs. (H S. 89)
Dazu passt aber nicht, dass Feuchtwanger sich mit seinem Moskau-Buch so in die Nesseln setzte. Angesichts der Nachteile, die Feuchtwanger nach er Veröffentlichung seines Reisetagebuchs im Westen und dort auch bei der Mehrzahl der deutschen Emigranten hatte, fragt Hartmann, warum sich Feuchtwanger das antat, warum er sein „recht komfortables Leben“ in Sanary „1936/37 mit vollem Einsatz riskierte“. „Aber was bewog den gutbürgerlichen Autor dazu, so viel aufs Spiel zu setzen, ja seine ganze Reputation zu gefährden?“ (H S. 24) Eine Antwort hat Hartmann nicht, latent nennt sie Eitelkeit und Geltungssucht.
Für sich genommen sind diese Vorwürfe noch kein antisemitischer Angriff. Sie werden es aber in Verbindung mit dem Vorwurf gegenüber dem Buch, es sei schlampig gearbeitet, unseriös, ethisch verwerflich, und durch die intellektuell und moralisch vernichtende Diskreditierung Feuchtwangers in seiner Haltung gegenüber der Sowjetunion.
Der schlampige Schriftsteller
An Feuchtwangers 153 Seiten starker Darstellung seines Aufenthaltes in Moskau lässt Hartmann kein gutes Haar: Sein Reisebuch enthalte weniger Berichte über selbst Erlebtes, sondern präsentiere Erörterungen und Wissen aus anderen Quellen: „Statt sinnlicher Präsenz bietet es Informationen aus zweiter Hand, Erörterung anstelle von Erlebnis.“ „Kein real existierendes Land“ beschreibe Feuchtwanger, für ihn sei Moskau kaum „Schauplatz einer konkreten Wirklichkeit“, sondern er verteidige „eine Utopie“. (H S. 105) Hartmann betont die Insuffizienz des Schriftstellers Feuchtwanger: Der Text sei „voller literarischer Ausweichmanöver“. „Das Zitat, die Statistik oder die literarische Anspielung müssen da aushelfen, wo dem Autor die eigene Rede oder die Argumente ausgehen.“ (H S. 103) Dazu kommt der Vorwurf ethischer Mängel: „Viele Textpassagen sind polemisch einseitig, oberflächlich, in der Sache falsch oder ungerecht, im Hinwegsehen über die Opfer fatal.“ „Daran gibt es keinen Zweifel“. (H S. 100)
Vernichtender geht‘s nicht.
Als leuchtendes Beispiel wird dagegen André Gides Reisebericht Retour de l‘U.R.S.S. von 1936 mit seiner negativen Wertung der Sowjetunion hingestellt: „Damals von der kommunistischen Presse als ‚Faschistenknecht‘ geschmäht, gilt er [Gide] heute als einer der wenigen hellsichtigen UdSSR-Besucher jener Jahre.“ (H S. 11) Dagegen Feuchtwanger über Gide: „Anlässlich eines Besuchs in der Prawda-Redaktion am 14 Dezember [1936] bezeichnete Feuchtwanger Gide als selbstverliebten Ästheten, der nie ein wirklicher Antifaschist gewesen sei.“ (H S. 52.) In seinem Artikel über Gide: Der Ästhet in der Sowjetunion. 30.
Dezember 1936 (H S. 285-288) warf Feuchtwanger Gide das vor, was Hartmann Feuchtwanger vorwirft: einen unrealistischen Blick. Feuchtwanger: „André Gide hat lange Zeit in dem Elfenbeinturm des reinen Ästheten gelebt. Er hat sich dort wohl gefühlt, und die Werke, die er dort geschaffen hat, werden bleiben. Dann hat er seinen Elfenbeinturm verlassen, weil er sich langweilte und sich die Beine etwa vertreten wollte. Jetzt ist er in seinen Turm zurückgekehrt. Möge er sich dort wohlfühlen.“ (H S. 287f.)
Feuchtwanger als Antidemokrat und latenter Faschist
Mit der Kritik an Feuchtwangers Bild der Sowjetunion verbindet Hartmann die strikt negative Beurteilung der Sowjetunion. Sie setzt den gesamten Staat und seine Gesellschaft gleich mit Stalins Diktatur, dessen terroristische Ausmaße 1936/Anfang 1937 erst am Anfang standen. Hartmann kritisiert, Feuchtwanger habe die Diktatur in der Sowjetunion „zum Reich der Vernunft stilisiert“. (H S. 101), Feuchtwangers „Sehnsucht“ nach der Verwirklichung des „Ideals einer vernunftgeleiteten Gesellschaft“ „war stärker als die Macht des Faktischen“. (H S. 98) Für Hartmanns Haltung ist die Gleichsetzung von nationalsozialistischer und sowjetischer Diktatur konsequent: Auf Feuchtwangers Einwand, ein westlich parlamentarisches System mit kritischer Presse und dem Schielen auf Wahlen hätte nicht „der Bevölkerung die Strapazen aufzwingen können, die allein diesen Aufbau gestatteten“, meint Hartmann, damit benenne Feuchtwanger „unwillentlich auch jene Prozesse der Gleichschaltung, die ihn selbst aus Deutschland vertrieben hatten.“ (H S. 101)
In Hartmanns Urteilen wird ihre Ablehnung einer sozialistischen Gesellschaft evident. Das mündet darin, dass Hartmann Feuchtwanger seine demokratische Haltung und sein Eintreten für die Vernunft der Aufklärung abspricht und ihn zum latenten Faschisten macht: „Der antimoderne und antidemokratische Affekt von Feuchtwangers Sehnsucht nach Einheit und Geschlossenheit ist unübersehbar. Denn im starken Staat kann sich der Einzelne nur fügen, aber nicht verwirklichen. So opferte Feuchtwanger Werte der Aufklärung, die er doch gegen die Barbarei des NS-Regimes verteidigen wollte.“ (H S.100)
Die Quintessenz ihrer Feuchtwanger-Kritik am Schluss ihrer Ausführungen setzt noch eins drauf, indem sie scheinbar Feuchtwanger entlastet mit dem Argument, er habe nicht ganz durchgeblickt, in Wirklichkeit ihn aber vollends zum unmoralischen Idioten stempelt:
„Ist Moskau 1937 also im Grunde das Ergebnis eines großen Irrtums, indem sich Feuchtwanger mit seiner Sowjetunionreise und seinem Reisebericht auf ein Terrain begab, das er nicht beherrschte und das ihm nicht gemäß war? Vermutlich ja, denn man kann zeigen, wie ihn das politische Urteil und das Schreiben über die sowjetische Wirklichkeit des Winters 1936/37 überforderte.“ (H S. 106)
Damit ist die Vernichtung Feuchtwangers komplett: Ein geschäftstüchtiger, reicher Schriftsteller – dass er Jude ist, versteht sich von selbst – verlässt aus Geltungssucht sein behagliches Leben als Lebemann, um eine öffentliche Rolle zu spielen, gerät auf Abwege, lässt sich von Stalin korrumpieren und glorifiziert dessen terroristische Diktatur. Er schreibt ein miserabel gearbeitetes Buch darüber, das die Realität in der Sowjetunion nicht wahrnimmt, in welchem der Autor seine demokratischen, aufklärerischen Ideale verrät, in die Nähe des Faschismus gerät und in fataler Weise keinerlei Mitleid mit Stalins Opfern erkennen lässt. Auch nach 1945 lässt der Schriftsteller in seiner Sympathie für die Sowjetunion und für Stalin nicht nach, was seine moralische Verwerflichkeit noch steigert.
Die Motive für Hartmanns und Medicus‘ Feuchtwanger-Vernichtung
Noch schlimmer als Hartmanns Verriss von Feuchtwanger ist die Verunglimpfung bei Medicus. Mit der Moralkeule wird Feuchtwanger jede Würde genommen, ein arroganter unhistorischer Blick trübt den antisemitischen Blick von Medicus. Dass der Süddeutschen Zeitung dieser bösartige Text drei lange Spalten wert war, sagt viel über den Redakteur Lothar Müller und die Chefredaktion.
Warum diese aggressive Verdammung Feuchtwangers bei Hartmann und Medicus heute? Darüber kann man nur spekulieren. Auffallend ist, dass die Verdammung der historischen Sowjetunion bei Hartmann und Medicus zum jetzigen Zeitpunkt zusammenfällt mit der aktuellen Wiederbelebung des Feindbildes Russland in der westlichen Allianz, im Besonderen in der Bundesrepublik bei der Regierung, in der überregionalen Tages- und Wochenpresse, in den Rundfunk- und Fernsehanstalten. Auch der Antisemitismus nimmt in den westlichen Ländern zu. Mit der strikten Verteidigung des Islamismus bei den „staatstragenden“ Parteien der Berliner Demokratie und der gesamten bürgerlichen und linken Presse wird in einem abstrusen Toleranzwahn auch der islamisch fundamentalistische Antisemitismus, der mit der Migrantenwelle sich hier breit macht, faktisch mit geschützt.
Die Verdammung Feuchtwangers ist angesichts der erstmals bekannt gemachten Dokumente seiner Moskaureise völlig unlogisch. Denn die Dokumente zeigen, dass Feuchtwanger in Moskau erhebliche Mängel der Gesellschaft und der Staatsführung formulierte, diese aber bewusst nur in Gesprächen vortrug und zugleich erklärte, er werde sie in der Öffentlichkeit nicht wiederholen. Dahinter stand – um es nochmals zu wiederholen - Feuchtwangers politische Absicht, die Sowjetunion als Verbündeten der Westmächte in dem sich abzeichnenden Krieg gegen Hitlerdeutschland zu gewinnen. Daher der positive, lobende Tenor in Feuchtwangers Darstellung der sowjetischen Gesellschaft und Stalins. Trotz aller Veränderungen und Streichungen von Trotzki-Passagen finden sich Trotzkis Argumente in dem schmalen Buch wieder. Der Trick besteht darin, dass Feuchtwanger diese Argumente als falsch wertet.
Der Spagat zwischen Kritik und Lob ist eine große Leistung Feuchtwangers, die einem Respekt und Bewunderung abnötigt – nur eben Medicus und Hartmann nicht. Feuchtwanger war eben nicht korrumpierbar, sondern unbestechlich.
Feuchtwangers Situation 1936
Der Hauptvorwurf gegenüber Hartmann und Medicus ist, dass sie die historische Situation eines deutschen Exiljuden wie Feuchtwanger 1936 nahezu völlig außer Acht lassen und damit die Motive von Feuchtwangers Handeln und seine gesamte Einstellung zur Sowjetunion und zu Stalin nicht berücksichtigen. Und: die Dokumente wie auch Teile des Essay von Hartmann widerlegen die These vom unmoralischen, korrumpierbaren Deppen.
Zur Wertung von Feuchtwangers Äußerungen ist die Gesamtsituation zu berücksichtigen. Das besondere Interesse an Feuchtwangers Buch basierte und basiert auf drei Merkmalen: Der Verfasser war 1937, als das Buch erschien, ein berühmter Autor mit z. T. hohen Auflagen seiner Bücher, er artikulierte Sympathien und Hoffnungen für das „Gelingen des gewaltigen russischen Experiments“ - und dies als bürgerlich liberaler Demokrat (H S. 280) - und er war deutscher jüdischer Emigrant mit politischen Romanen gegen den Hitler-Faschismus. Normalität war seit 1919, dass das Bürgertum weltweit die kommunistische Revolution in der Sowjetunion verdammte als das Böse schlechthin. André Gides Buch war ein Zeugnis dieser Normalität, wurde wohlwollend rezensiert, war aber keine Sensation wie Feuchtwangers Darstellung und hatte deswegen keine so hohe Auflage. Ernst Bloch meinte in seiner Rezension von Feuchtwangers Reisetagebuch: „es gibt auch sturen Bürgerhaß gegen die Sowjetunion, es ist heute besonders bequem, sein Sprachrohr zu sein.“ (H S. 340) Dass Feuchtwanger schon vor seiner Reise viel in der Sowjetunion gelesen wurde, formulierte Sergej Tretjakow in seiner Rede am 5. Januar 1937 auf dem Lion Feuchtwanger Abend im Polytechnischen Museum. (H S. 328f.)
Zum Bild von Feuchtwangers Beziehung zur Sowjetunion gehört, dass für die diejenigen, die vor Hitler-Deutschland fliehen mussten, die Sowjetunion ein möglicher Exilort war und vor allem ein militärisch potenter Staat und Verbündeter im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland. Bei Feuchtwanger kam die frühe Sympathie für die neue sozialistische Gesellschaft hinzu, er sah in ihr einen Schutz vor dem Abgleiten in den Faschismus. Mit Fortschreiten der Ära Stalins wurden negative Erscheinungen sichtbar, die zu einer widersprüchlichen Situation führten: Solidarisch zu urteilen, wurde immer schwerer, zugleich geriet die notwendige Kritik leicht in die Sackgasse des Kontaktabbruchs zur russischen Regierung, wie das Beispiel Gide zeigt.
Seit der Etablierung des Nationalsozialismus in Deutschland schuf Hitlers Diktatur eine Schicksalsgemeinschaft zwischen bürgerlichen und sozialistischen, kommunistischen Emigranten, die sich auf Versammlungen wie dem Kongress zur Verteidigung der Kultur 1935 in Paris zeigte, an der sowohl Gide als auch Feuchtwanger teilnahmen. Durch Hitlers Machtübernahme zeichnete sich die Gefahr eines erneuten Weltkriegs ab und stellte nicht nur den Emigranten die Frage, wer Hitler Paroli bieten könnte. Über den ersten Tag des Moskauer Prozesses schreibt Feuchtwanger am 25. Januar 1937: „Historisch gesehen, bedeutet der Prozeß ein Fanal, das deutlicher als die meisten Ereignisse der letzten beiden Jahre ins Licht rückt, in welch bedenkliche Nähe des Krieges der Faschismus die Welt gebracht hat. […] der Weg nach rechts ist der Weg in den Krieg.“ (H S. 312f.)
Natürlich richtete sich der Blick der Emigranten zuerst auf die Westmächte. Die Hoffnung auf Frankreich und England, auch auf die USA, war für die Emigranten unsicher. Zwar war es Hitlers Ziel, die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zu tilgen und damit vor allem Frankreich einen neuen Krieg aufzuzwingen, aber es war fraglich, ob Frankreich, selbst in Verbindung mit England, der deutschen „Wehrmacht“ werde standhalten können.
Viele Emigranten hatten gehofft, dass sich die Nationalsozialisten nicht lange an der Macht halten könnten. Mit der Konsolidierung in den ersten Jahren schwand diese Hoffnung zusehends. Als dann seit 1935 Frankreichs und Englands Politik des Appeasement, des Nachgebens gegenüber Hitler, diesem weitere Aggressionen ermöglichte, machte sich unter den Emigranten Hoffnungslosigkeit breit. Feuchtwanger reagierte mit Wut. Er brach die Verhandlungen über einen englischen Film seines antifaschistischen Romans Die Geschwister Oppermann (Oppenheim) ab. (H S. 35) Am 30. September 1938 notierte er, das Nachgeben Frankreichs und Englands gegenüber Hitler bedeute doch zweifellos eine „beispiellose Niederlage der Linken und des Sozialismus“. (H S. 87) In dieser Situation gewann die Sowjetunion noch größere Bedeutung. Hinzu kam, dass Hitler die kommunistische Gesellschaftsordnung für das Böse an sich hielt und in Mein Kampf die Eroberung des europäischen Ostens zum Ziel erklärt hatte, was Krieg gegen Polen und die Sowjetunion bedeutete.
Die Begeisterung für die neue Gesellschaft in der Sowjetunion war nach Lenins Tod und dem Aufstieg Stalins unter bürgerlichen Intellektuellen im Westen abgeflaut. Sie erhielt einen weiteren Dämpfer, als es nach der Ermordung Kirows am 1. Dezember 1934, einem Vertrauten Stalins, im August 1936 zu dem ersten Prozess gegen Stalins Gegner kam. Die Angeklagten verteidigten sich gar nicht, die Geständnisse erweckten den Eindruck, dass sie erzwungen waren.
Andererseits blieb in der Mächtekonstellation für die Emigranten nichts anderes übrig, als auf die Sowjetunion zu setzen. Die Sowjetunion war seit Hitlers Machtantritt im Kampf gegen den deutschen Faschismus der gegebene Bündnispartner der Emigranten. Allen deutschen Kommunisten z. B. war klar, dass die Machtergreifung der Nationalsozialisten Krieg bedeutete. Auch Linksbürgerliche wie Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger rechneten mit einem neuen Weltkrieg. Feuchtwanger hoffte im September 1935, dass es nicht sobald zum Krieg kommt. An Arnold Zweig schreibt er: „Ich persönlich glaube nicht an den baldigen Ausbruch eines Weltkriegs; aber dieser Glaube“, setzte er hinzu, „wird nicht durch irgendeine logische Erwägung gestützt“. Das wurde verbunden mit der Hoffnung auf ein Ende des „deutschen Wahnsinns“ in absehbarer Zeit. „Durch intensives Studium der Geschichte bin ich aber zu der, lassen Sie mich sagen, wissenschaftlichen Überzeugung gelangt, dass die Vernunft am Ende über den Wahnsinn siegen muß“, und dass er so „abergläubisch“ sei, dass das NS-Regime nicht länger als der Erste Weltkrieg dauern werde. (H S. 118, 26) Schon in seinem Artikel vom 22. Juni 1935 Tiefe Verbundenheit mit den Sowjetschriftstellern spricht Feuchtwanger von seinem „Vertrauen in den Endsieg der Vernunft“. (H. S. 279)
In dieser Situation reiste Feuchtwanger nach Moskau. Die Dokumentation zeigt – was man schon wusste -. dass Feuchtwangers positive Bewertung der neuen Sowjetgesellschaft nicht erst jetzt erfolgte. Für Feuchtwanger ging es um eine Gesellschaftsordnung, die allein auf „Vernunft“ gegründet ist, was einschließt, dass Religion keine Rolle spielt und die krassen Besitzunterschiede fehlen. Im Artikel Beim ersten Ueberlesen des Verfassungsentwurfs der Sovjet-Union, Juni 1936 wird deutlich, dass für Feuchtwanger die Hoffnung auf die Sowjetunion aus dem Versagen „der kapitalistischen Gesellschaft“ resultiert:
„Die Missordnung der kapitalistischen Gesellschaft hat dahin geführt, dass auch fortschrittliche Denker den Verzicht grosser europäischer Staaten auf eine auch nur auf dem Anschein der Vernunft aufgebaute Staatsordnung stumpf hinnahmen und daran verzweifelten, dass sich eine vernünftige Ordnung der Gesellschaft herstellen lasse. Unter diesen Umständen ist es doppelt beglückend, dass die Sovjet-Union verkünden kann, sie sei mit dem Bau der Fundamente ihrer klassenlosen, auf die Prinzipien der Vernunft gegründeten Gesellschaft zu Ende.“ (H S. 281)
Für Feuchtwanger war dieses Ziel nicht dadurch erledigt, weil es innenpolitische Probleme und Gewalttaten gab. Wenn man bedenkt, wie viele Rückschläge es seit der Französischen Revolution 1789 gab, bis sich die Demokratie durchgesetzt hatte, war es historisch berechtigt, an der positiven Idee der sowjetischen Verfassung als realisierbar festzuhalten. Seine im Gruß an seine Sowjetleser formulierte Hymne auf die Sowjetunion war Feuchtwangers echte Überzeugung:
„Ich sah das grandiose und heroische Bild, wie ein Sechstel des Erdteils sich zu gleicher Zeit gegen verwilderte und grausame Gegner wappnet und Riesengebäude des Triumphes der Vernunft aufführt. Dieses einzig dastehende heroische Bild – das wertvollste Geschenk, welches ich aus der Sowjetunion für mein ganzes weiteres Leben mitnehme.“ (H S. 315)
Feuchtwanger war ja mit seinen Ansichten auch nicht allein. Durch den Exodus von deutschen Kommunisten 1933 aus Deutschland, von denen mehrere in die Sowjetunion gingen, ergaben sich Kontakte, etwa zu Willi Bredel, Johannes R. Becher, Fritz Erpenbeck, Alfred Kurella, Rudolf Leonhardt. Im Juli 1934 erhielt er aus Moskau von der „Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller“ eine Einladung, nach Moskau zu kommen, die auch Johannes R. Becher unterzeichnet hatte. (H S. 111) Im Mai 1935 lud ihn auch Michael Kolzow, ein Agent der Moskauer Regierung, offiziell ein. Feuchtwanger sagte zu, verschob die Reise aber mehrmals wegen seiner Arbeit am zweiten Roman seiner Josephus-Trilogie, Die Söhne. Dass es schließlich zur Gründung einer deutschen Zeitschrift in Moskau kam, deren Titel „Das Wort“ von Feuchtwanger stammte (H S. 121f.), zeigt, wie stark nach 1933 die Bedeutung von Moskau für deutsche Emigranten gestiegen war.
Die Dokumentation zeigt eindringlich, wie intensiv Feuchtwanger von der sowjetischen Regierung umworben, wie ein „Stargast“ behandelt, mit Einladungen und Treffen bedeutender Persönlichkeiten überschüttet wurde. (H S. 42) Schon vor der Reise erschien ein ausführlicher Artikel in der Internationalen Literatur (16. Juli 1935), ein Feuchtwanger-Abend im „Haus der Gelehrten“ folgte am 1. Juni 1936, ihm wurde Geld aus dem Verkauf seiner Bücher geschickt. (H S. 32f.) Von Feuchtwanger erschienen während seines Aufenthaltes 14 Beiträge in der sowjetischen Presse. (H S.42) Die Dokumentation zeigt aber auch, dass Feuchtwanger ständig überwacht wurde, seine privaten Gespräche in Berichten festgehalten und an Stalin weitergeleitet wurden. (H S. 50ff)
Feuchtwangers Verhalten in Moskau wie auch sein Reisetagebuch waren eine Gratwanderung zwischen Solidarität und Kritik. Öffentlich trat er mit einem großen Lob für die Aufwertung der Sowjetunion ein, in nicht öffentlicher Rede – auch gegenüber Stalin - kritisierte er den Stalinkult und den zweiten Moskauer Prozess, an dem er teilnahm, die mangelhafte Meinungs- und Pressefreiheit, die unzulänglichen Lebensverhältnisse in Russland. Das belegen die Geheimdienstberichte über Feuchtwangers Gespräche eindrücklich. (H S. 278) Zugleich hielt er daran fest, sich öffentlich nur positiv zu äußern. So sagte er im privaten Gespräch explizit, im Ausland werde er „über all das nicht sprechen“. (Wladimir Kurski am 9. Januar 1937, H S. 268f.) Die Geheimdienstberichte belegen, wie massiv Feuchtwanger Kritik an dem 2. Moskauer Prozess äußerte (H S. 267ff) Schon vor seiner Einreise berichtete Michael Apletin vertraulich nach Moskau, dass Feuchtwanger eine negative Einstellung zu den Prozessen habe. ( H S. 136)
Feuchtwangers politische Gründe für das Lob der Sowjetunion zeigen sich zweieinhalb Jahre später schlagend in einer Äußerung vom 13. August 1939 in der Pariser Deutschen Volkszeitung: „Ein deutscher Emigrant, der gegen Sowjetrußland polemisiert, unterstützt das Hitler-Regime.“ (zitiert nach H S. 424) Zugleich stimmte er im Februar 1937 der Meinung zu, „daß die ganze UdSSR überzeugt ist, daß sie sich zur Verteidigung gegen einen Überfall vorbereiten muß“. (H S. 316)
Die Dokumentation zeigt in Einzelheiten, wie Feuchtwanger agierte. Eines der wichtigsten Dokumente dieses Bandes ist die Übersetzung der Mitschrift von Feuchtwangers Gespräch mit Stalin am 8. Januar 1937. (H Dok. 15, S. 293-310. Russisch ist es zuerst 2004 erschienen, Anne Hartmann veröffentlichte ihre Übersetzung zuerst 2008 in der Zeitschrift Exil. H S. 293) Zwei Stunden waren für das Gespräch vorgesehen, es wurden vier: „von 3viertel drei bis dreiviertel sieben.“ (Feuchtwanger an seine Frau Marta am 9. Januar 1937 - H S. 167) Feuchtwanger bestimmte die Themen. Er beginnt mit der Frage nach den „Funktionen des Schriftstellers“ im Unterschied zu der „Mission eines wissenschaftlichen Autors“ (H S. 293f.) Er fordert Stalin auf, seine Ansicht zur Intelligenz zwischen den Klassen zu erläutern und fragt, „in welchen Grenzen“ „in der sowjetischen Literatur Kritik möglich“ sei (H S.297). Breiten Raum nimmt die Diskussion um den Stalinkult ein, der nach Feuchtwanger zum Teil „übertrieben und geschmacklos“ sei. (H S. 299) Das führt zu einer langen Verteidigungsrede Stalins, dem die eigene Verehrung auch nicht immer recht sei. Dann wird der Begriff Demokratie im Unterschied zum Sozialismus erörtert. Auf Feuchtwangers Einwand, der Gebrauch dieses Begriffs in sozialistischen Texten sei missverständlich, antwortet Stalin, der Begriff diene zur Brücke zu den Volksfrontbewegungen in Frankreich und anderswo. (H S. 301ff.) Der Schluss des Gesprächs ist dem aktuellen Prozeß gegen Sinowjew und andere gewidmet. Feuchtwanger ist suspekt, dass alle Angeklagten Geständnisse abgelegt haben. „Ich bin selbst davon überzeugt, dass sie tatsächlich einen Staatsstreich vollführen wollten. Doch hier wird zu viel bewiesen. Wäre es nicht überzeugender, wenn weniger bewiesen würde?“ (H S.309)
Das Gespräch mit Stalin offenbart, dass Feuchtwanger keineswegs in Ehrfurcht erstarrte, sondern selbstbewusst seine vorbereiteten Fragen stellte. Dass geht auch aus dem Geheimdienstbericht von Wladimir Kurski am 9. Januar 1937 hervor (H S. 269f.) „Dass etwas an den Prozessen faul ist, spricht er deutlich aus.“ Gegenüber Arnold Zweig hält er am 15. April 1937 sich zugute, dass er schon während seines Besuchs in Moskau seine Einwände gegen die Prozesse vorgetragen und publiziert habe. (H S.197) Am 12. Februar 1937 äußerte er seine Meinung zur Art des Gesprächs mit Stalin:
„Ich befürchtete, daß es ein mehr oder weniger offizielles Gespräch sein würde. Jedoch zu meiner angenehmen Überraschung gestaltete sich das Gespräch durchaus frei und aufrichtig. Wir sprachen völlig ungezwungen über alle möglichen Fragen der Politik und Kultur. Ich hatte mehrmals Gelegenheit, mit Führern und Leitern anderer Länder zu sprechen, aber mit keinem von ihnen konnte ich so offen und aufrichtig sprechen, wie mit Stalin.“ (H S. 317)
Vor allem die Trotzki-Passagen im Reisetagebuch – konzipiert, ausformuliert, abgeändert, verworfen, neu formuliert – zeigen die Gratwanderung Feuchtwangers im Umgang mit der Sowjetgesellschaft unter Stalin. Der Geheimdienstagent Wladimir Kurski berichtet am 10. Dezember 1936, Feuchtwanger sei „unzufrieden“ darüber, dass in der russischen Ausgabe seines Romans Erfolg eine „hymnische“ Passage über Trotzki gestrichen wurde. (H S. 264) Im Manuskript des Reiseberichts – und in er englischen Ausgabe stand/steht, Stalin wolle „alle diejenigen beseitigen“, „die auf irgendeine Art gefährlich werden können“ (H S. 69f.) Hartmann zeigt an einigen aus den Fahnenkorrekturen der deutschen Ausgabe gestrichenen Stellen, dass Feuchtwanger manche positive Äußerungen über Trotzki abschwächte oder strich zugunsten des Lobes für Stalin als des großen Organisators. Man merkt den gestrichenen Stellen an, dass Feuchtwanger mehr Sympathie für Trotzki als für Stalin hatte.
Da es aber sein Ziel war, die aktuelle Sowjetunion unter Stalin aufzuwerten und für den Kampf gegen Hitler zu gewinnen, ist die relative Abwertung Trotzkis und die enorme Aufwertung Stalins politisch konsequent. Dennoch ging Feuchtwanger für Hartmann zu weit, wenn er eine Passage strich, die trotz des Versuchs der Tilgung Trotzkis aus dem sowjetischen Gedächtnis für die „Gerechtigkeit“ eintritt, „Trotzki historisch zu betrachten“. (H S. 67) Michael Kolzow hatte Feuchtwanger im Juni 1937 in Sanary besucht, sein Buch durchgesehen und etliche Stellen beanstandet mit der Drohung, Feuchtwanger solle diese ändern, damit sein Manuskript nicht zensiert oder erst gar nicht gedruckt würde. (H S. 206, 36) Feuchtwangers Änderungen gehen wohl auf Kolzows Beanstandungen zurück.
Die Zeugnisse belegen eindringlich Feuchtwanger Bewusstsein von der Brisanz seines schon vor seiner Reise feststehenden Lobs der Sowjetunion. Er wusste, sein Buch werde ihm wütende Ablehnung eintragen und Schwierigkeiten bereiten, die er aber in Kauf nahm, weil er die Sowjetunion für den Kampf gegen das Hitlerregime gewinnen wollte. An Eva Hoboken schreibt er:
„Ich habe erst ein kleines buch über meine moskauer eindrücke geschrieben, das buch hab ich rasch geschrieben, mit viel freude, beflissenheit und ungeheuerm bemühen, objektiv zu bleiben. das ist mir wohl auch gelungen, und so werde ich mich wohl bald mit hörbarem plump zwischen sämtliche Stühle setzen.“ (H S. 200)
Jedenfalls erschien die russische Ausgabe nach Feuchtwangers Tagebucheintrag vom 10. Dezember 1937 „gänzlich ungekürzt“ (H S. 234) und in einer Auflage von 220.00 Exemplaren – aber erst Ende November 1937, mit einem halben Jahr Verspätung. (H S. 232)
Interessant ist die Entstehungsgeschichte des schmalen Buches. Nach Feuchtwangers Darstellung hatte er keineswegs von Anfang an vor, einen Bericht seiner Russlandreise zu veröffentlichen. Am 28. Februar 1937 schreibt er an Dora Karawkina, es stehe noch dahin, ob er über Moskau schreiben werde. Das aber ist nicht glaubwürdig. Denn einen Tag später notiert er in seinem Tagebuch: „Angefangen, eine Broschüre über Moskau zu konzipieren.“ (H S. 183)
Schon am 18. März heißt es an Dora Karawkina, die erste Fassung seiner Broschüre sei fertig. Seine Wertung:
„Recht gut geworden sind, glaube ich, jene Passagen, in denen ich über den Konflikt zwischen Stalin und Trotzki spreche und meinen persönlichen Eindruck von Stalin festzuhalten suche, und mein Bericht über den Prozeß.“ (H S. 188) Schon am 11. April 1937 unterstreicht er in seinem Tagebuch den Satz: „Russisches Buch endgültig vollendet.“ (H S. 195)
Das Buch zeigt dann, dass Feuchtwanger seine Kritik an der Sowjetunion zwar nicht direkt, aber implizit äußerte. Er formulierte die Kritik von Stalins Gegnern, die er dann verwarf. So hat Hartmann darauf hingewiesen, dass Trotzki, der 1936/37 das rote Tuch Stalins war, 124 Mal genannt wird, also häufiger als Stalin. (H S. 75) Mit dieser Gratwanderung sicherte er sein öffentliches Lob für die Sowjetunion und Stalin, ohne auf Trotzkis Sicht zu verzichten.
Feuchtwanger hatte sich ja auch innerhalb der Emigranten schon früh positioniert. Wie Heinrich Mann und Willi Münzenberg korrespondierte er mit der linken Emigrantenfraktion, die sich zum Teil nach Moskau gerettet hatte und die Beiträge für die neue Zeitschrift Das Wort schrieben. Alfred Kurella, Fritz Erpenbeck, Willi Bredel. Letzterer z. B bat Feuchtwanger, die Redaktion eines Heftes mit dem Thema „Sprachverschluderung“ der Nazis zu übernehmen; Feuchtwanger hatte die Anregung dazu gemacht. In Moskau bemühten sich Intellektuelle um Feuchtwanger; so wurde am 1. April 1936 ein Feuchtwanger-Abend veranstaltet; ein Moskauer Volkskommissar erschien in Sanary, um Feuchtwangers Rußlandreise zu besprechen. (H S. 128f., 132) Feuchtwanger reiste nach Moskau mit einer Einladung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Mitreisende waren Ludwig Marcuse und dessen Frau. In Moskau gelang der Vertrag über eine russische Gesamtausgabe seiner Werke. Am 29. März 1938 notiert Feuchtwanger: „Vorwort zur russischen Gesamtausgabe geschrieben“ (H S. 244), das dann am 15. April in der Prawda erschien. (H S. 246, 419)
Es war keineswegs so, dass Feuchtwanger privat einen schlechten Eindruck von Moskau hatte. Im Gegenteil: Am 8. Dezember 1936 schreibt er an Eva Hoboken: „im übrigen sind stadt und menschen grossartig, und das ganze der stärkste und positivste eindruck meines lebens“. Das Theater findet er „einfach großartig“ (H S. 145f.) Dieser positive Eindruck ist der Hintergrund von Feuchtwangers Verriss von André Gides Buch von 1936, der „ohne Zensurstriche“ in der Prawda erscheint (H S. 161, der Artikel S. 285-288). Wie politisch Gide seine negative Sicht anlegte, zeigt, dass Feuchtwanger private Briefe Gides vorgelegt wurden, „in denen ungefähr das Gegenteil von dem stand, was er in seinem Buch geschrieben hat.“ (H S. 197)
Nach seiner Abreise aus Moskau schreibt Feuchtwanger am 24. Februar 1937 an Arnold Zweig:
...„aber immerhin weiß ich so viel, daß ich zu dem Ganzen, das ich dort gesehen habe, höchst entschieden ja sage und daß mir die Einwände, mögen sie allgemeiner oder besonderer Natur sein, mäklerisch und bis zum Läppischen kleinlich erscheinen.“ (H S.180)
Das Fazit der Dokumentation ist, dass Feuchtwanger auch Anfang 1937 den Zustand sowjetischen Gesellschaft im ganzen positiv beurteilte, dass er zugleich aber sehr realistisch die negativen Seiten des sowjetischen Sozialismus und Kommunismus 1936/37 wahrnahm und in Gesprächen in Moskau auch vortrug. Dass er so hofiert wurde, liegt an der der damaligen Politik Stalins, Sympathisanten im Westen zu gewinnen, deren positive Äußerungen in der Publizistik des Westens wahrgenommen wurden. Feuchtwanger agierte sehr überlegen, war unbestechlich trotz des Angebots, eine 14 bändige Gesamtausgabe seiner Werke in der Sowjetunion erscheinen zu lassen. Die Raffinesse der Darstellung liegt darin, dass sie die Kritik scharf formulierte, sie Gegnern in den Mund legte und die Kritik dann als unbegründet verwarf. Das ist nicht nur mimicry, sondern entsprach Feuchtwangers Gesamturteil über die Sowjetunion 1936/37. Dem Lob in seinem Reisebericht Moskau 1937 liegt – um es nochmals zu betonen - der politische Wille zugrunde, die Sowjetunion in einer Koalition mit den Westmächten für den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu gewinnen.
Feuchtwangers Verhalten scheint widersprüchlich, konsequent ist es aber auf dem Hintergrund seiner politischen Mission. Er befand sich in der Zwickmühle, Menschenrechtsverletzungen Stalins beschönigen zu müssen, ein eklatanter Widerspruch zu seinem ethischem Verhalten in seinen gesellschaftskritischen Romanen und Dramen, ob historisch oder gegenwartsnah.
Zu Hartmanns Thesen im einzelnen
Zu einzelnen unzutreffenden Urteilen von Anne Hartmann: Es ging Feuchtwanger nicht in erster Linie um seinen Profit. Feuchtwanger war vom Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Hitler-Deutschland betroffen, die auf 14 Bände ausgelegte Gesamtausgabe wurde nach dem 2. Band abgebrochen, der sowjetische Film Die Gebrüder Oppenheim aus dem Verleih genommen. (H S. 85)
Feuchtwangers Einstellung zur Sowjetunion änderte das nicht. Hartmann führt ihren Bericht bis in die Kalifornische Emigration und die Nachkriegszeit. Gezeigt wird, dass Feuchtwanger nach dem Endes des Hitler-Stalinpaktes und Hitlers Überfall auf die Sowjetunion seine Korrespondenz mit Moskau weiterführte, zahlreiche Solidaritätsbekundungen verschickte. (H S. 90) Dargestellt wird, wie der US-Geheimdienst Feuchtwanger bespitzelte. Ein kurzes Kapitel geht auf Feuchtwangers Änderung seiner lange Zeit pazifistischen Einstellung ein. (H S. 95-97)
Feuchtwangers Einstellung zur Sowjetunion änderte sich auch nach dem Hitler-Stalin Pakt nicht. Hartmann führt ihren Bericht bis in die Kalifornische Emigration und die Nachkriegszeit. Gezeigt wird, dass Feuchtwanger nach dem Endes des Hitler-Stalinpaktes und Hitlers Überfall auf die Sowjetunion seine Korrespondenz mit Moskau weiterführte, zahlreiche Solidaritätsbekundungen verschickte. (H S. 90) Dargestellt wird, wie der US-Geheimdienst Feuchtwanger bespitzelte. Ein kurzes Kapitel geht auf Feuchtwangers Änderung seiner lange Zeit pazifistischen Einstellung ein. (H S. 95-97
Hartmann wird der Widersprüchlichkeit in Feuchtwangers politischer Situation und Verhalten historisch nicht gerecht. Ihre Auswertung der Dokumente geschieht mit einem unhistorischen moralischen Blick. Aussagen des Essays stehen im Gegensatz zum Befund der Dokumente, etwa Hartmanns Behauptung über Feuchtwangers Haltung in den USA: „Seine Romane waren ihm wichtiger als das politische Engagement.“ (H S. 97) Das steht im Gegensatz zu Feuchtwangers Festhalten an seiner positiven Einstellung zur Sowjetunion und Stalins, die ihn den US-Geheimdiensten verdächtig machten und letztlich dazu führten, dass Feuchtwanger die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert wurde.
Hartmanns negative Gesamtwertung Feuchtwangers erfasst wenig von der politischen Situation, in der sich ein deutscher jüdischer Emigrant wie Feuchtwanger befand. Hartmann tut so, als urteile Feuchtwanger aus dem sicheren Sessel seiner bürgerlichen Existenz eine freien Schriftstellers. Da kann man ihm leicht vorwerfen, „alles Irritierende und Störende […] weit von sich zu weisen“, „Missstände des Alltags und das persönliche Schicksal […] wie dass aktuelle politische Geschehen“ in ihrer Bedeutung zu verringern. (H S. 98ff) Mir scheint, Feuchtwangers Sowjetunion-Engagement zeigt das Gegenteil. Für Hartmanns Haltung ist die Gleichsetzung von nationalsozialistischer und sowjetischer Diktatur konsequent.
Obwohl Hartmann erkennt, dass es Feuchtwanger um das Werben für die Sowjetunion im Westen als möglichen Verbündeten im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland ging, berücksichtigt sie die historische Situation deutscher jüdischer Emigranten in den 1930er Jahren kaum. Sie beurteilt Feuchtwangers aus politischen Gründen geschöntes Bild der Sowjetunion in seinem Reisebericht aus der Perspektive späterer historischer Erkenntnisse und negiert die politische Staatenkonstellation vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.
Ihre Urteile sind zum Teil falsch und werden durch die Dokumente widerlegt. Unzutreffend scheint mir Hartmanns Bild zu sein, Feuchtwanger habe sich durch die überwältigende Zuwendung und Medienöffentlichkeit in Moskau beeindrucken und bestimmen lassen. „Es muss für den Exilautor überwältigend gewesen sein, nach den Jahren der Isolation plötzlich mit so viel Aufmerksamkeit überschüttet zu werden und wieder Kontakt mit dem Publikum zu finden.“ (H S. 45) Jahre der Isolation? Feuchtwanger hatte im Exil eher mehr als weniger Kontakte. Und Lesungen war nie Feuchtwangers Stil.
Widerlegt wird auch Hartmanns These, Feuchtwangers „Sehnsucht“ nach der Verwirklichung des „Ideals einer vernunftgeleiteten Gesellschaft“ „war stärker als die Macht des Faktischen“. (H S. 98) Dass Hartmann in ihrer Dokumentation die Zeugnisse vorlegt, die Feuchtwangers Kritik an der Sowjetunion zeigen, und die Textstellen im Reisebericht zitiert, in denen Feuchtwanger seine schonungslose Kritik an Stalin formuliert, beweist, dass sie Unrecht hat. (H S. 102) Im Reisebericht steht, wie schon erwähnt, Stalin wolle mit diesen Prozessen sich „an allen denjenigen rächen, die ihn irgendwann kränkten, und alle diejenigen beseitigen, die auf irgend eine Art gefährlich werden können.“ (H S. 141, S. 102)
Es war nicht die „Sehnsucht“, sondern politisches Kalkül, das Feuchtwanger zu seinen Ausführungen bewog. Das ‚Faktische‘ sah, formulierte und äußerte Feuchtwanger durchaus. Sein Eintreten für eine starke Regierung in der Situation der Sowjetunion kommentiert Hartmann als Verrat an den Werten der Aufklärung. Hier fehlt hier der Blick auf die historische Situation der Sowjetunion nach der Revolution. Russland war 1917 ein Agrarstaat mit rückständigen, stark feudalen Besitz- und Eigentumsstrukturen. Ziel der Revolutionäre war, die Eisen- und Stahlindustrie, die der Hauptmotor der Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert im Westen war, rasch zu entwickeln und an das Niveau im Westen heranzuführen. Das ging nur durch einen Gewaltakt, der weitgehend zu Lasten der Bauern geschah. Hinzu kam die Kollektivierung der Landwirtschaftsbetriebe, von der sich die Revolutionäre eine größere Produktivität erhofften. Dass dies zu erheblicher Gegenwehr bei den Bauern führte, ist bekannt. Durchzusetzen waren diese gewaltigen Änderungen nur durch eine starke Regierung. Das ist der Hintergrund von Feuchtwangers Einsicht in die Notwendigkeit einer starken Staatsführung.
Problematisch ist Hartmanns These, Feuchtwanger habe die Diktatur in der Sowjetunion „zum Reich der Vernunft stilisiert“. (H S. 101) In der Gide-Rezension steht: „Die Sowjetunion ist so gefestigt, ihre geformte Vernunftmäßigkeit so sehr Tatsache, daß heute ein Urteil über die Sowjetunion mehr über den Betrachter aussagt, als über das Betrachtete.“ Und dann weist er darauf hin, dass man das Erreichte sehen oder das Negative betonen kann. Das Zitat geht weiter: „Man kann an der Sowjetunion die ungeheuren Erreichnisse des Sozialismus sehen, man kann sehen, wie viel reicher, üppiger, wissender, glücklicher das Leben geworden ist. Man kann aber auch wahrnehmen, daß es sich in diesem Land noch keineswegs behaglich im westeuropäischen Sinn leben läßt,“… (H S. 286) Nicht die Diktatur Stalins wird zum Reich der Vernunft stilisiert, sondern die Gesellschaftsverfassung der Sowjetunion. Hinzu kam Feuchtwangers Meinung, das sowjetische Gesellschaftssystem schütze vor Faschismus. Hartmann zitiert Feuchtwangers in mehrmaliger Wiederholung geäußerte Ansicht, dass in der Sowjetunion eine Gesellschaft nach den Grundsätzen der „Vernunft“ entstehe und nur die Sowjetunion „die Völker vor der faschistischen Barbarei schützen könne“ (Izvestija, 1. Januar 1939. H S. 78). Hartmann zieht aber daraus keine Konsequenzen für Feuchtwangers politischen Willen, mit einem positiven Bericht die Sowjetunion bei den Westmächten zu einer Koalition gegen den Hitlerfaschismus zu empfehlen.
Hartmanns These, „im starken Staat“ könne „sich der Einzelne nur fügen, aber nicht verwirklichen“, wäre entgegenzuhalten, dass die Verwirklichung des Individuums eine bürgerlich kapitalistische Ideologie ist, und dass ein Gegenkonzept einer neuen, von Kollektiven bestimmten Gesellschaft keine Einschränkung individueller Verwirklichung bedeuten muss. Außerdem ist zu bedenken, dass Feuchtwanger am selbstverantworteten schöpferischen Individuum festhielt, besonders im Hinblick auf den Schriftsteller. In einem von Hartmann als Dokument vorgelegten undatierten Redemanuskript heißt es: „Der wirkliche Schriftsteller ist seinem Wesen nach Individualist. Nicht der Staat oder die Gesellschaft kann ihm Aufgaben stellen, nur er selber kann sie sich stellen.“ (H S. 284) Um die Rolle des freien Schriftsteller kreist auch der erste Teil des Gesprächs mit Stalin.
Die gesamte Wertung Feuchtwangers durch Hartmann beruht auf westlichen Ideologemen: Es ist Befürwortern des westlichen Kapitalismus selbstverständlich, dass die Sowjetunion schon wegen ihre sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems negativ ist, von der stalinistischen Diktatur, die Hartmann mit dem kommunistischen System gleichsetzt, gar nicht zu reden.
Es fehlt Hartmann der Blick für historische Gerechtigkeit eines jüdischen Deutschen in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts, der von der NS-Regierung ausgebürgert war, dessen Haus und Vermögen beschlagnahmt, d.h. gestohlen wurde und der an Leib und Leben bedroht war, auch im Ausland. Schließlich entkam Feuchtwanger nur knapp den NS-Häschern. Die Auslieferung an die Deutschen wäre sein Todesurteil gewesen. Was hätte Anne Hartmann denn in einer solchen Situation getan? Die Reinheit der Ideale der Aufklärung beibehalten und mit ihnen untergehen? Wenn sie gekämpft hätte, dann wäre sie in dasselbe Dilemma geraten wie Lion Feuchtwanger, der sich für den Kampf gegen den NS-Faschismus entschied. Schon die Bedrohung des jüdischen deutschen Schriftstellers und Kämpfers gegen den Hitlerfaschismus hätte bei Hartmann und Medicus großen Respekt gegenüber Feuchtwanger erwarten lassen. Auf diesem Hintergrund ist ihr Verriss doppelt verwerflich.
Wer nicht begreift, was es bedeutet, dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg bei der Verteidigung des Landes und der Niederschlagung des deutschen nationalsozialistischen Regimes 20 Millionen Menschen verlor, wer nicht bedenkt, welche überragende Leistung die Rote Armee bei der notwendigen Eroberung Deutschlands vollbrachte, und dass Stalin wesentlichen Anteil an der Organisation der Rüstungsindustrie und der Organisation des Heeres nach der anfänglichen schlimmen Niederlage hatte, der oder die wird nie verstehen, dass jemand wie ein jüdischer deutscher Emigrant Dankbarkeit gegenüber einem Diktator haben kann, selbst wenn dieser Tausende Morde seiner Gegner auf dem Gewissen hat. Das hat nichts mit der Aufgabe von Werten der Aufklärung zu tun, aber mit den höchst belastenden Widersprüchen, in die Menschen wie Feuchtwanger gerieten. Zugegeben: es ist von heute aus gesehen schon eine Zumutung, Feuchtwangers Lob Stalin in seiner Radioansprache vom 10. Januar 1936 zu lesen: „er ist nicht übermäßig höflich, aber er ist auch nicht empfindlich, wenn der Gesprächspartner ihn angreift. […] Menschliches ist ihm nicht fremd. Stalin, wie er einem im Gespräch entgegentritt, ist nicht nur ein großer Staatsmann, Sozialist, Organisator: er ist in erster Linie ein Mensch.“ (H S. 311) Dennoch: Eine historische Würdigung muss diese Widersprüchlichkeit herausarbeiten und sollte erst danach moralisch urteilen. Ein Totalverriss widerspricht dem jetzt detaillierter vorliegenden Bild von Feuchtwangers Absichten und Verhalten 1936/37. Es ist ein anmaßendes, antisemitisches Urteil.
Zu Hartmanns abschließendem Gesamturteil: Feuchtwanger als naiver Depp in Moskau? Nie und nimmer! Er war der Überlegene, in allem, auch und vor allem in seinem Gespräch mit Stalin, er war durch nichts zu bestechen. Er nahm für sein Ziel, die Sowjetunion dem Westen als Bündnispartner zu empfehlen, sehr viel auf sich, üble Kritik auf die Reaktion seines Buches mit den Folgen für seine Exilsituation, vor allem dann in den USA. Hartmanns Wertung ist ein krasses Fehlurteil und arrogant dazu. Hartmann stellt mit ihrem Gesamturteil das Resultat ihrer Dokumentation und auch ihrer Darstellung auf den Kopf.
Hartmanns Urteil mindert den Wert ihrer über weite Strecken vorzüglichen Dokumentation und Kommentierung.
Die Edition
Die in vielem vorbildliche Edition bildet mittelbar ein Gegengewicht zu Hartmanns Essay. Der erste Teil versammelt Briefzeugnisse und Tagebuchnotizen in chronologischer Folge, im zweiten sind längere Texte abgedruckt, sechs Geheimdienstberichte, die Mitschrift des Gespräch mit Stalins, Artikel Feuchtwangers und Artikel über ihn bis zu Rezensionen von Feuchtwangers Reisebuch, die in einem Verzeichnis aufgelistet sind (S. 427f.). Es gibt Sacherklärungen zu den Texten, das Literaturverzeichnis ist unterteilt in Werke und Forschungsliteratur, ein Siglenverzeichnis erschließt die bibliografischen Abkürzungen; am Ende findet sich das Personenverzeichnis. Texte in russischer Sprache wurden von Hartmann selbst ins Deutsche übersetzt. (H S.17)
Das Vorwort berichtet über die Entstehung der Dokumentation, beginnend mit Hartmanns Fund der Aufzeichnungen Krawkinas im Moskauer Archiv der russischen Föderation. Der „Dank“ gibt einen Einblick in die mühsame Arbeit des Recherchierens, die hundertseitige Einleitung erläutert Feuchtwangers Situation 1936/37, die Planung der Reise, deren Verlauf und den Charakter des noch 1937 geschriebenen und veröffentlichten Reisebuches, die Abgrenzung zu André Gide bis hin zu den Rezensionen und Feuchtwangers Verhalten zur Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Auswahl der Zeugnisse bezieht sich natürlich in ersten Linie auf Feuchtwangers Moskaureise, aber die Auswahl ist relativ großzügig, dokumentiert die Vorgeschichte, auch die Versuche Feuchtwangers, die tschechische Staatsbürgerschaft zu erhalten und ein Visum für die USA zu bekommen. Da infolge des Kriegsbeginns die US-Schiffe nicht mehr von Marseille aus nach Übersee fuhren, notiert Feuchtwanger am 29. November 1939: „Damit fällt mein Plan, nach Amerika überzusiedeln, endgültig ins Wasser.“ Das Exit-Visum für Amerika, das er am 19. Dezember 1939 erhält, nutzt ihm nichts mehr. (H S. 259)
Im Gebrauch der Dokumentation hat man mit einer gewissen Unfreundlichkeit gegenüber Leserinnen und Lesern zu kämpfen, denen Werk und Biographie Feuchtwangers nicht in toto präsent sind. So werden häufig Vornamen in den Texten in der Anmerkung nicht mit dem Nachnamen oder auch Nachnamen mit dem Vornamen ergänzt, z.B. Sascha S. 189, Lola S.179, Lola, Lilo, Eva S. 227, Waldmann S. 237. Man muss dann bis zur Erstnennung zurückgehen, bei Lilo zur Anmerkung zum 5. Dezember 1935 – S. 365. Erforderlich wäre jeweils ein Verweis auf die Erstanmerkung gewesen. Bei einer ganzen Reihe von Briefen wird der Ort nicht angegeben, von dem aus die Briefe abgeschickt wurden. Man muss dann die Fußnote auf Seite 111 im Kopf haben, dass „die Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Kommentare etc. des ersten und dritten Teils in Sanary, die des zweiten Teils in Moskau verfasst“ wurden. Da man eine solche Dokumentation nicht linear liest, ist man hilflos. Leser/innnefreundlich wäre es gewesen, Begriffe wie „Emigrantenroman“ im Brief Feuchtwangers an Heinrich Mann vom 6. Dezember 1937 zu erklären. (H S. 234) Das Verzeichnis der Dokumente (H S. 427f.) gehört in das Inhaltsverzeichnis am Beginn des Buches; der Ort zwischen Siglen- und Literaturverzeichnis ist kaum aufzufinden.
Im Literaturverzeichnis wird bei manchen Werken Feuchtwangers das Jahr des Ersterscheinens nicht genannt (Der falsche Nero, Jud Süß, Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau, Waffen für Amerika). Dass die Erstausgabe des Reisetagebuchs Moskau 1937 zuerst im Querido-Verlag erschien, fehlt ebenso wie die Seitenzahl (153 Seiten). Dass man dem Faksimile des Umschlags und Klappentextes in der Einleitung von Hartmann die Information des Verlages entnehmen kann, reicht nicht. Auch wird man nicht informiert, dass die Neuausgabe 1993 im Aufbau-Verlag und als Taschenbuch erschien. Dass es 1946 in Mailand eine italienische Ausgabe gab, wäre zu erwähnen interessant gewesen.
Beim Personenregister fehlt die hilfreiche Information des Geburts- und des Todesjahrs der aufgeführten Personen, wie es heute üblich ist.
Hartmann besitzt ausgezeichnete Kenntnisse der Biographie Feuchtwangers. Mir ist nur ein Fehler aufgefallen: Nach der Zerstörung seiner Bibliothek in Berlin durch die Nationalsozialisten schuf Feuchtwanger im Exil in Frankreich eine neue Bibliothek. Nach der Flucht in die USA baute er sich aber nicht „ein drittes Mal“ „eine große, noch imposantere Bibliothek auf“ (S. 89), denn seiner Sekretärin Lola Sernau (1895-1990) gelang es, die Bücher aus Sanary Sur Mer nach Kalifornien zu schicken.
Literatur
Anne Hartmann, „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation, Wallstein Verlag Göttingen 2017 (akte exil. neue folge, Bd. 1) 456 Seiten, ISBN 978-3-8353-3152-5, 39,- €
Thomas Medicus, Die falschen Freunde. Lion Feuchtwangers Russlandreise: Ediert; kommentiert, in neuem Licht, Süddeutsche Zeitung 13. Januar 2018. S. 18.
Susanne Klingelstein, Skeptisch beobachtete er, euphorisch beschrieb er. Anne Hartmanns grandiose Dokumentensammlung zu Lion Feuchtwangers Moskau-Besuch im Jahr 1936, Frankfurter Allgemeine Zeitung 11. Oktober 2017
Rüdiger Scholz, Unbestechlicher Feuchtwanger. Leserbrief, Süddeutsche Zeitung, Nr 21. 26. Januar 2018
Rüdiger Scholz, Ein deutscher jüdischer Emigrant in heikler Mission in der Sowjetunion Anne Hartmanns Dokumentation zu Lion Feuchtwangers „Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“, literaturkritik de, 2018
https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=
Diese Podcast Serie hat meinen Unterricht revolutioniert und mir geholfen, Literaturgeschichte auf eine fesselnde und leicht verständliche Weise zu vermitteln.
Sophie Müller
Die Online-Literaturgeschichtskurse haben mein Verständnis für die deutsche Literaturgeschichte erweitert. Eine wertvolle Ressource für alle Literaturliebhaber!
Hans Schmidt
Meine Biographie über Max von der Grün
Rüdiger Scholz
Max von der Grün
Politischer Schriftsteller und Humanist
Würzburg, 2015,
600 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-8260-5699-4 49,80 €
Am 7. April 2015 jährte sich der Todestag von Max von der Grün zum 10. Mal.
Zu diesem Datum ist diese umfassende Darstellung von Rüdiger Scholz erschienen. Der vollständige Titel lautet:
Rüdiger Scholz
Max von der Grün
Politischer Schriftsteller und Humanist
Mit einer Würdigung von Werner Bräunigs Rummelplatz
Anhang: Dokumente und Interviews
Das Buch bringt wesentlich neue Gesichtspunkte zu Biographie und Werk von Max von der Grüns. Es räumt mit den eklatanten Fehlern zur Biographie und mit veralteten Vorurteilen zum künstlerischen Vermögen Max von der Grüns auf. Gezeigt wird die Kunst der literarischen Formen und die Kunst seiner Romansprache. Seine Sprachkunst und seine Ironie sind bis heute verkannt und werden neu entdeckt. Erstmals begreiflich wird die Verflechtung von privater Biographie und Gesellschaftskritik im epischen Werk, nicht nur in seiner Autobiographie, der Lebensgeschichte im Dritten Reich, einer Hommage an seine Eltern und Großeltern, die strikte Gegner des Nationalsozialismus waren. Max von der Grüns Schärfe seiner Ironie, die bisher weitgehend unbeachtet blieb, wird im Dienst der Gesellschaftskritik gewürdigt.
Max von der Grün (1926-2005). einer der erfolgreichsten Schriftsteller in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war ein begnadeter Erzähler politischer Literatur. Sein Humanismus wurzelte in seiner Parteilichkeit für die Arbeiterschaft, für die er mit seiner gesamten Publizistik gekämpft hat. Den an Steinstaublunge erkrankten Kumpels hat er in seinem Gesamtwerk ein Denkmal gesetzt.
Scholz zeigt die ganze Breite des Werkes von Max von der Grün, interpretiert seine Romane und, davon ausgehend, seine Filme, seine Erzählungen, seine Oper, seine Revue und seine Reisebeschreibungen, seine Reportagen, seine Rundfunk-Essays, seine Fernseh- und Zeitungsinterviews. Scholz zeigt die durchgehenden Themen auf bis hin zur Darstellung Dortmunds und den Veränderungen des Stadtbildes. Scholz selbst hat in den 1950er Jahren in Dortmund gelebt.
Max von der Grüns Romane und Erzählungen trieben in der Bundesrepublik die Erneuerung der Arbeiterliteratur voran. Mit dem Prozess gegen den Roman Irrlicht und Feuer wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Zensur in der Bundesrepublik eröffnet. Der bekannteste und meist gelesene Autor der Gruppe ’61 thematisierte mit seinem Roman Stellenweise Glatteis die Bespitzelung von Belegschaftsmitgliedern durch illegales Abhören und erwies sich mit diesem Thema als Prophet.
Seine späteren Romane – Flächenbrand, Die Lawine, Springflut – erzählen mit Ironie den Weg der Arbeiterschaft wie des Bürgertums in die Angepasstheit. Dass die spannenden Geschichten, auch die Jugendbücher, zugleich politische Literatur und die private Geschichte seiner Familie im 20. Jahrhundert, sind, macht sein Werk zu einem einzigartigen Dokument von Zeitgeschichte.
Scholz‘ Buch stellt die über dreißigjährige kontroverse Diskussion um die Kunst Max von der Grüns anhand der damals aktuellen Rezensionen dar. Erörtert wird der historische wie der aktuelle Bezug seines Werkes. Erstmals tritt der Zusammenhang von "Irrlicht und Feuer" mit dem Roman "Rummelplatz" von Werner Bräunig hervor, zwei repräsentativen Romanen über die Anfänge der beiden deutschen Teilstaaten aus Arbeiterperspektive. Der große Einfluss beider Romane auf die Politik beider deutscher Staaten zeigt sich in der Gegenüberstellung der Inhalte wie der Querellen bei der Veröffentlichung.
Das Buch enthält das bisher ausführlichste Verzeichnis der Veröffentlichungen von Max von der Grün sowie der Rezensions- und der Forschungsliteratur.
Die Max von der Grün Biographie hat dokumentarische Anhänge: den Briefwechsel zwischen Max von der Grün und Erasmus Schöfer bei der Abspaltung des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt aus der Gruppe 61. – Ein Interview mit Max von der Grün von 1989. - Ein Interview mit dem Max von der Grün Literaturpreisträger Jürgen Thomas Ernst. Das Buch schließt mit dem Gespräch zwischen Erasmus Schöfer und Günter Wallraff über Max von der Grün.
Kommentar:
Das Max von der Grün-Buch von Rüdiger Scholz ist ein imponierend eigenwilliges, unbeirrbar unzeitgemäßes Projekt. Scholz präsentiert das heute bereits weitgehend vergessene Werk dieses Autors in seinem ganzen Umfang, holt dabei auch die einst heftig umstrittene »Literatur der Arbeitswelt« ins Gedächtnis zurück und damit auch das politische Projekt einer »sozialistischen Literatur« - was immer das einst war und was immer es uns heute bedeuten kann. Das alles mit umfangreichen Wissen dargestellt und in der ganzen Breite der mühsam wieder aufgerufenen und sorgfältig belegten historischen Realität.
Scholz hat hier eine schier unglaubliche Menge an Stoff der Vergangenheit entrissen, in einen weiten Rahmen gespannt und geordnet präsentiert. Er hat mit dieser immensen Fleißarbeit die Vielfalt des schriftstellerischen Schaffens von der Grüns gezeigt. Und er hat dabei zugleich daran erinnert, wie ernsthaft, breit und vielfältig die Rezeption von der Grüns war. Erstaunlich, wer alles sich damals mit ihm, seinen Schriften und deren politisch-literarischem Anspruch beschäftigt hat!
Wer Scholz' Buch liest, wird mit der weitgehenden Zustimmung des Verfassers zu Werk und Person von der Grüns konfrontiert und erhält doch zugleich breiten Einblick in die massive Kritik anderer an beidem und in Prinzipien dieser Kritik. Mich überzeugt auch die Komposition: nach der Biographie die Vielzahl der Schriften mal länger, mal kürzer beschrieben, dann Eigenheiten und Strukturen zusammengefasst, dann zwei große Romane ins Zentrum gerückt, von denen der eine das Parallelwerk Werner Bräunings ist( »Rummelplatz«, erst 2007, zwei Jahre nach von der Grüns Tod mit großem Aufsehen rezipiert, also Gegenwart). Und eine kluge Rundung des darstellenden Teils durch ein selbstbiographisch eingefärbtes Kapitel »Dortmund und ich«, mit einem gut abgestimmten Schluss.
Hans Peter Herrmann
Hinweis auf folgende biographische Darstellung von Max von der Grüns Kindheit in Franken und in der Oberpfalz
Werner Künzel – Werner Volkmann:
Max von der Grün
Ein erfolgreicher Schriftsteller, der in Schönwald in die Schule ging
(Arzberger, G) ISBN:
978-3-927313-68-2
82 Seiten - 30,0 x 21,0 cm, 7.50 €
Max von der Grün hat sich häufig zu seiner Kindheit und Jugend geäußert, die er am Rande des Fichtelgebirges, in Franken und in der Oberpfalz verbracht hat. In den autobiographischen Schriften: Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich von 1979 und in: Eine Jugend in Franken von 1990 sowie in zahlreichen Interviews hat er immer wieder Varianten seiner Lebensgeschichte bis zur Abreise ins Ruhrgebiet erzählt. Diese Darstellung ist voller Phantasie, sie ist eine teilweise erfundene Lebensgeschichte, mit der manche wirkliche Lebensdaten nicht übereinstimmen. Warum das so ist, hat mehrere Gründe, nur nicht den, dass Max von der Grün ihn Belastendes verschweigen wollte. Solche Ereignisse gibt es nicht.
Dennoch ist es sehr reizvoll, die wirkliche Kindheitsgeschichte zu erfahren. Werner Künzel und Werner Volkmann, die beide aus Schönwald stammen, haben sich die Mühe gemacht, alle Lebensdaten von Max von der Grün und seiner Familie nach den Standesämtern zu recherchieren. Sie haben Zeugen befragt, die Max von der Grün in der Kindheit und Jugend gekannt haben. Sie haben den KZ-Aufenthalt seines Vaters, der nur sein Stiefvater war, genau recherchiert. Sie haben Fotographien zusammengetragen und erstmals veröffentlicht.
Es geht dabei nicht um eine pingelige Korrektur der Angaben von Max von der Grün, es geht nicht darum, dem großen Schriftsteller schadenfroh Erinnerungsfehler nachzuweisen.
Die Biographie, die hier in den Zeugnissen entsteht, zeigt viel härtere Lebensverhältnisse als das relativ verklärende Bild, das Max von der Grün von seinem Leben und dem seiner Familie gezeichnet hat. Das Leben der Dienstboten, Mägde, Knechte, ungelernten Arbeiter, die es schwer hatten, überhaupt eine Familie zu gründen, weil sie zu arm waren, die mehrfache Trennung von der Mutter, weil ihre Dienstherren kein Kind einer Dienstmagd in ihrem Hause duldeten, die Denunziation des Vaters als Kommunist, seine Ausweisung aus Bayern und sein Inhaftierung im KZ Dachau, die antinationalsozialistische Einstellung des Großvaters und der Mutter – das alles gewinnt in den Recherchen von Künzel und Volkmann eine Plastizität, die ein zwar nicht gänzlich anderes, aber doch ein anderes Bild ergibt als das von Max von der Grün gezeichnete.
Die Biographie Max von der Grüns muß neu geschrieben werden – im Lichte dessen, was Künzel und Volkmann recherchiert haben. Ihre äußerst verdienstvolle Schrift begründet einen neuen Abschnitt in der Diskussion von Leben und Werk Max von der Grüns.
85. Geburtstag von Hans Peter Herrmann
2014 wurde Prof. Dr. Hans Peter Herrmann, bis 1994 Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Freiburg, 85 Jahre alt. Auf dem Fest ihm zu Ehren wurden mehrere Reden gehalten. Die folgende Rede von mir, Rüdiger Scholz, wurde nicht gehalten, sondern erst nachträglich überreicht. Da sie eine historische Einschätzung der Tätigkeit linksoppositioneller Reformer am deutschen Seminar und in der Universität insgesamt enthält, wird sie hier veröffentlicht.
Eine Rede auf dem Fest zum 85. Geburtstag von Hans Peter Herrmann,
die nicht gehalten wurde
Nach zwei Jahrzehnten Abstand ist unsere eigene Geschichte in Gefahr zu verblassen. Es verstärkt sich in unserem Empfinden und Bewußtsein die Tendenz, das Geschehen zu verkleinern, die Antriebe, die aufgebrachte Energie, die Bedeutung der eigenen Identität und die persönliche existentielle Bedrohung als geringer anzusehen, als sie damals waren, die eigenen Leistungen schrumpfen vor unserem Blick zu Liliputtaten.
Eine Ursache dafür ist die unangenehme Tatsache, dass zu wenig von den gesteckten Zielen erreicht wurde, dass wir weitgehend gescheitert sind, dass eigentlich übrig blieb nur das Bewahren der eigenen politischen Position in der Öffentlichkeit mit marginalen Erfolgen.
Gegen das latente und sich mit den Jahren immer weiter verstärkende Vergessen möchte ich hier in Erinnerung rufen:
Hans Peter Herrmann und die meisten der hier Anwesenden hatten das große Glück, in der großen Aufbruchzeit der Bundesrepublik und auch anderer Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg berufstätig zu sein. Mit den Revolten öffneten sich große Chancen für eine tief greifende, wirksame Veränderung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Umgestaltung der Universitätsstrukturen war dabei ein zentraler Punkt, und wir hatten das Glück, in der Universität zu arbeiten.
Hans Peter Herrmann und viele Anwesende hier haben leidenschaftlich dafür gekämpft, mit Einsatz ihrer Karriere und ihrer Existenz. Dass der Kampf um demokratischere und sozial gerechtere Verhältnisse gegen massiven Widerstand geführt werden mußte, dass die Keule des Antikommunismus gegen uns geschwungen wurde, führte zur Bedrohung unserer materiellen Existenz, die Verweigerung der Berufstätigkeit aus politischen Gründen. Es war keineswegs sicher, dass Hans Peter eine Professorendauerstelle bekam; Carl Pietzcker hatte eine naturgemäß zeitlich befristete Assistentenstelle inne, sein politisches Engagement konnte also bequem bestraft werden. Existentiell bedroht, musste er seinen Familienrat einberufen, um zu beraten, was im Falle des Scheiterns seiner Habilitation und der Verweigerung eine Weiterbeschäftigung geschehen sollte. Hanno König, ebenfalls Assistent, rettete sich mit knapper Not auf eine Akademische Ratsstelle. Von der latenten Bedrohung durch den sogenannten Radikalenerlaß von 1972 waren alle von uns betroffen.
Das galt natürlich erst recht für die revoltierenden Studenten. Zwei von ihnen bewarben sich z.B. um die Vertretung einer Stelle, mit summa cum laude Dissertationen als Qualifikation. Sie wurden auf Grund von Voten von 5 Ordinarien in der Fakultätskonferenz abgelehnt, aus politischen Gründen, eine Verletzung des Beamteneides der Ordinarien, was ich vier von ihnen auch vorgehalten habe. Einer der Bewerber war Klaus Theweleit, dessen von Hans Peter Herrmann betreute Dissertation „Männerphantasien“ ein wissenschaftlicher Bestseller wurde; Klaus Theweleit ist heute hier.
Dass für uns oppositionelle Lehrkräfte alles gut ging, war auch das Verdienst von Besonnenheit, die besonders bei Hans Peter ausgeprägt war und Gespräche mit anderen Kollegen offenhielt. Damit die Feindseligkeiten im Kollegium des Deutschen Seminars und im Gemeinsamen Ausschuss der Philosophischen Fakultäten nicht für manchen von uns zum Desaster führte, brauchten wir die Unterstützung von liberalen Reformern in den philosophischen Fakultäten, in der Universität überhaupt. Von ihnen sind heute hier: Der Historiker Gottfried Schramm und der Altgermanist Volker Schupp; Wolfram Mauser ist leider nicht anwesend, Johannes Cremerius lebt nicht mehr.
Wir haben leidenschaftlich für die Veränderung des Lehrstils gekämpft. Die von Studierenden, dann von uns, allen voran von Hans Peter Herrmann, praktizierte und durchgesetzte Gruppenarbeit, die Mitsprache von Studentinnen und Studenten bei der Themenwahl von Seminaren, der gemeinsam mit interessierten Studierenden erstellte und vorangetriebene neue Studiengang, die Forcierung eines sozialgeschichtlichen Verständnisses von Literaturwissenschaft, die bessere Koordinierung von universitärer und schulischer Ausbildung für Lehramtsstudierende – all das wurde mit Enthusiasmus betrieben, mit großem Eifer, mit dem Verzicht auf Publikationen, die der eigenen Karriere dienten.
Der Arbeitseinsatz war groß, denn wir hatten viel neues zu lernen. Etwa 10 Germanistikkollegen trafen sich wöchentlich einmal abends privat, in dem später metaphorisch und ironisch „Rosa“ genannten Kreis, um marxistische Wissenschaft und die Chancen von Psychoanalyse für die Literaturwissenschaft zu diskutieren.
Die politische Arbeit an der Hochschule schloß den Eintritt in die Gewerkschaft ein, die Freiburger Sektion der GEW wurde von uns 1970 neu gegründet, den Kampf um die Gruppenuniversität, Proteste gegen den Versuch eines Roll Back, etwa beim Farben Tragen von Studenten an der Universität, gegen Werbung für Korpsstudenten durch universitäre Publikationen, oder gegen Berufungen von Leuten mit eventuell faschistischen Vokabular in ihren Schriften, usw.. Gekämpft wurde publizistisch für eine historisch dialektische materialistische Literaturwissenschaft, für die Veränderung des Kanons von Literatur, die stärkere Beachtung von Schriftstellerinnen, die Neufundierung der Germanistik in einer materialistischen Gesellschaftswissenschaft, die Diskussion der Rolle der Philologien im gesellschaftlichen Ganzen.
Dieses berufliche Engagement verband sich mit dem außerberuflichen – vom Kampf gegen höhere Straßenbahntarife, gegen die Kriminalisierung von linken Aktiven, gegen Häuserabriß aus Profitgründen, gegen Auftragswissenschaft, gegen Militärforschung an der Universität, gegen die Atomraketen und die Atomkraftwerke, gegen den Irakkrieg, für die Aufarbeitung des Faschismus.
Hans Peter Hermann hat z.B. viel Arbeit in die Recherche und Darstellung der Geschichte der Freiburger Germanistik im Dritten Reich investiert. Sein durch Fakten sehr solide untermauerter und abwägend abgefaßter Beitrag war und ist unangreifbar, ohne das Geringste zu beschönigen.
Die aufgebrachte Kraft, das entfesselte Engagement, das politische Stehvermögen, das uns abverlangt wurde, waren enorm. Die Leistung wiegt umso mehr, als viele Aktivitäten scheiterten.
Man muß schonungslos zugeben: Die Universitätsreform hat 30 Jahre Bestand gehabt, mehr nicht. Mit der Novellierung der Hochschulgesetze um die Jahrtausendwende wurde der Rest an Autonomie der Selbstverwaltung, die seit Gründung der Universitäten vor 600/500 Jahren bestand, zerstört, die Hochschulen als Aktiengesellschaften ohne Aktienkapital konzipiert und von der Wirtschaft abhängig. Heute kann nicht einmal der Fakultätsrat seinen Dekan oder seine Dekanin wählen. Der Kampf um die Trennung von Hochschulforschung und Verwertung durch kommerzielle Firmen, den wir 40 Jahr lang geführt haben, endete mit einer totalen Niederlage.
Die Ansätze von teilweiser studentischer Selbstbestimmung ihres Studiums durch Initiierung von Lehrveranstaltungen, die wir praktiziert haben, sind völlig aufgegeben. Das forschende Lernen für alle Studierende, ein Grundprinzip wissenschaftlicher Ausbildung an den Hochschulen, ist mit dem Bachelor-Master-System endgültig abgeschafft worden. Das Studium ist für Lehramtskandidaten und -Kandidatinnen so praxisfern wie eh und je.
Wir sind gescheitert in dem Versuch, der Literaturwissenschaft ein schärferes und solideres Profil als historische Gesellschaftswissenschaft zu geben. Wir standen mit diesem Ziel sogar international nicht allein da. Die Ansätze und Leistungen einer Literatur- und Sprachwissenschaft als historischer Gesellschaftswissenschaft waren sehr groß und haben bleibende Erkenntnisse hervorgebracht. Seit 1995 hat sich dennoch die Tendenz durchgesetzt, die Literaturwissenschaften in einem vagen Begriff von Kulturwissenschaft aufgehen zu lassen, deren Entpolitisierung für uns eine krasse Niederlage ist. Restbestände unserer Auffassung gibt es nur noch sporadisch, außer in unseren eigenen Publikationen etwa bei dem Forum Vormärzforschung.
In diesen Kämpfen ging es selbstverständlich auch um wirksame Formen der Einflußnahme. Die KLv (Koordinierten Lehrveranstaltungen: 1971-1978) waren der Versuch, Wissenschaft und Studium neu zu organisieren und zu bestimmen von Studierenden und Lehrkräften. Der Grünhof-Kreis (1984-2000) war der Versuch, in einem Fächer übergreifenden Kreis von Dozenten und Dozentinnen auf der Ebene der Freiburger Universität Einfluß zu nehmen. Der Dringenberger Kreis, dessen Wirken Jochen Vogt ironisch verkleinert hat, war der von Hans Peter Herrmann mitgetragene Versuch, über die Universität Freiburg hinaus einen Kreis engagierter Mitstreiter zu gewinnen für die Umgestaltung der Literaturwissenschaft und der Universitätsstrukturen.
Zu den hier skizzierten Aktivitäten möchte ich anmerken: Im Bereich der Neueren deutschen Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Freiburger Universität war es ein Glücksfall, dass sich ein schon 1968 Habilitierter und damit Prüfungsberechtigter für eine neue Universität und eine neue Germanistik engagierte: Hans Peter Herrmann. Er war der älteste unseres Kreises, der nächste war fünf Jahre jünger, ich war der jüngste, 10 Jahre jünger als er. Ein Glücksfall, dass Du, Hans Peter, so besonnen agiertest und damit ein ruhender Pol bei kritischen Stellungnahmen warst. Du warst keine Vaterfigur – die konnte niemand von uns brauchen -, aber eine Figur, die dafür sorgte, dass bei allem revolutionären Elan die Schutzinteressen nicht zu kurz kamen, ohne dass Du ein Bremser warst.
Die zweite Bemerkung: Wie verhält man sich eigentlich in einer Situation, in der man das Scheitern ganz wesentlicher, zum Kernbestand der eigenen Identität gehörender Ziele konstatieren muß? Ist damit alle Leidenschaft, alle geleistete Arbeit, sind alle Ziele von damals nichts mehr wert? Ist es richtig, sie aus der eigenen Vita und dem eigenen Leben zu streichen oder sie dem Geschichtsvergessen anheimfallen zu lassen?
Ute Guzzoni hat dazu gesagt, das Scheitern entwerte nicht, dass man 30 Jahre lang eine andere Wissenschaft vertreten, sehr viele Studierende anders ausgebildet und sozialisiert habe. In die Geschichte geht die Zeit von 1967 bis 1999 ein als Beweis einer anderen Wissenschaft, einer anderen Lehre, eines anderen Verhältnisses von Studenten und Studentinnen zu ihren Lehrerinnen und Lehrern, einer anderen Universitätsstruktur ein. Und es gibt genügend Jüngere, auch hier auf dieser Feier, die der Beweis für das Weiterwirken unserer Ziele sind.
Und, möchte ich hinzufügen, wir leben noch und machen uns nach wie vor öffentlich bemerkbar, wenn auch nicht mehr in der aktuellen Lehre der Universität. Wir wirken weiter mit unserer Kritik auf die Gesellschaft ein und auch mit Projekten.
Besonders aktiv hier wieder bis heute: Hans Peter Herrmann.
Rüdiger Scholz
Wege zu einem gerechteren Bild von „1968“
Unveröffentlichter Text, verfasst 2008
a) Die Ausgangssituation
Man kann Hans-Ulrich Wehlers Diffamierung „der ’68er“, mit er ja nicht allein dasteht, sondern sich im Einklang mit der Mehrzahl der Veröffentlichungen im Jubiläumsjahr 2008 empfinden kann, nur mit einer Skizze der wirklichen Geschichte begegnen. Dies ist um so nötiger, weil in der umfangreichen Literatur über die Protestbewegung eine brauchbare Gesamtdarstellung fehlt und weil der weit überwiegende Teil der vorliegenden Literatur, von Wolfgang Kraushaar über Gerd Langguth, Jürgen Busche und Gerd Koenen bis Hubert Knabe und Götz Aly, insbesondere auch der Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr 2008, die negativen Seiten überbetont.[1]
Die besseren Darstellungen haben zwei Nachteile. Bei der Vorgeschichte gehen sie nur auf wenige politische Hauptereignisse ein wie auf die Anti-Atomtodbewegung, auf den Kampf gegen die Notstandsgesetze oder die Rocker-Bewegung. Erscheinungen des zivilen privaten Lebens werden, wenn überhaupt, nur pauschal genannt. Der zweite Nachteil liegt darin, dass keine der Darstellungen auf den Zusammenhang mit den Streiks und Demonstrationen der Arbeiterschaft in den 40er und 50er Jahren eingeht.
Die abwägenden Urteile finden sich überwiegend in Darstellungen, welche die Protestbewegung international sehen. So sagt Ingrid Gilcher-Holey 2001:
Die Stabilität des Institutionensystems der westlichen Demokratien hat die Herausforderung der 68er Bewegung abgewehrt. [...] Eine Enthierarchisierung von Macht- und Entscheidungsstrukturen ist nicht eingetreten. Nimmt man diese Kriterien, ist die 68er Bewegung mit ihrer politischen Zielorientierung gescheitert. Unterscheidet man indes zwischen dem politischen Programm ([...]) und der kulturrevolutionären Zielorientierung ([...]), fällt das Ergebnis weniger eindeutig aus, kann der 68er Bewegung sowohl kulturelle als auch politische Nachwirkung zugeschrieben werden. [...] Der Demokratisierungsschub durch Selbstorganisation, den die 68er Bewegung freisetzte [...] trugen insbesondere in der bundesrepublik zur Überweindung tradierter obrigkeitsstaatlich orientierter, autoritärer Verhaltensdispositionen bei [...]. Eine Veränderung dieser Mentalitätsstrukturen mitbedingt zu haben ist eine Wirkung, die der 68er Bewegung zugerechnet werden kann[2]
Ähnlich in einem Sammelband des Evangelischen Studienwerks 2008:
Während die „68er“ gemessen an ihren politisch-institutionellen Zielen und Forderungen scheiterten, können sie in einen längerfristigen Wandlungsprozeß eingeordnet werden, da sie die Entwicklung vieler verschiedener gesellschaftlicher Bereiche nachhaltig beeinflußten.
[...] Die „Bresche“, die 1968 in der Tat geschlagen wurde, erweiterte zum einen Wege für eine Reihe von emanzipatorischen Impulsen, die heute nicht nur in der Veteranen-Literatur zu Recht in die Höhe gehalten werden.[3]
Natürlich fällt auch vier Jahrzehnte danach, mit der Zäsur 1989, ein Urteil über die Protestbewegung schwer, das frei von Animositäten ist. Es gibt aber zwei Grundregeln, die den emotionalen Subjektivismus zügeln können: Die Protestbewegung als Motor einer umfassenden nationalen wie internationalen Veränderung von Gesellschaften zu sehen und sie zu messen an dem, was sie vorfand, und an dem, was an Veränderungen stattgefunden hat.
Die Beurteilung der Protestbewegung muß sich zuerst orientieren an dem, was zu Beginn der 60er Jahre war, und zwar aus der Perspektive der negativ Betroffenen.
Heute sind Freiheiten lebbar, die noch vor 50 Jahren seltene Ausnahmen waren oder gar nicht bestanden. Der Befehlston der Eltern und die strikte Gehorsamspflicht der Kinder ihnen gegenüber sind nicht mehr oberstes Gebot der Erziehung, das Schlagen von Kindern als Erziehungsmittel ist öffentlich verfemt, in Schulen und Kindergärten verboten. In den Schulen ist der Frontalunterricht mit der absoluten Dominanz des Lehrers und der Lehrerin nicht mehr die ausschließliche Form des Unterrichts. Die starke Isolierung des Lernens bei jedem und jeder einzelnen ist aufgebrochen, die Rituale des Gehorsams und der Unterwerfung haben sich gelockert. Kindersexualität anzuerkennen, bedeutet nicht mehr den Untergang des Abendlandes. Es darf über Selbstbefriedigung, Liebe und Koitus gesprochen werden; Sexualkundeunterricht ist Pflichtfach. Die furchtbaren „Fürsorgeanstalten“ sind aufgelöst und einem System kommunaler Kinderheime gewichen; seit neuestem beschäftigt sich ein vom Bundestag 2009 eingesetzter „Runder Tisch“ „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ mit dem Unrecht in den Heimen bis 1972. Resozialisierung ist heute ein wichtiger Bestandteil von Gefangenen. Die psychiatrischen Landeskrankenhäuser, in der 50er Jahren meist gefängnisähnliche Verwahranstalten von psychisch Kranken, sind heute in der Regel Krankenhäuser mit einem gänzlich anderen Umgangsstil mit PatientInnen.
Heute ist man und frau mit 18 Jahren volljährig. Eltern dürfen ihren Kindern erlauben, in ihrer Wohnung mit einen Freund oder Freundin in einem Zimmer zu übernachten. Liebespaare ohne Trauschein bekommen ohne weiteres eine Wohnung. Wohngemeinschaften von Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters sind akzeptiert, erhalten Mietverträge, es gibt meist keine Verdächtigung mehr, eine promiskuitive linke Kommune zu betreiben.
Es ist selbstverständlich, dass auch Mädchen eine Ausbildung machen für einen Beruf, der sie ernähren kann. Frauen haben das Recht, in der Ehe selbst zu bestimmen, ob sie arbeiten gehen, sie können den ehelichen Beischlaf verweigern; Vergewaltigung in der Ehe ist ein Strafrechtsdelikt. Ungewollte Schwangerschaft kann abgebrochen werden. Bei der Scheidung, nach der nicht mehr nach der Schuld gefragt wird, sind Ehefrauen, die nur in der Familie gearbeitet habe, finanziell besser versorgt. Homosexualität unterliegt nicht mehr dem Strafrecht, gleichgeschlechtliche Paare brauchen sich nicht mehr zu verstecken, können sogar heiraten. Wehrdienstverweigerer haben nicht mehr das Ansehen von Drückebergern, sondern gelten als sozial und politisch Engagierte. Seit 1970 kann man auch nicht mehr wegen „Gotteslästerung“ oder „Blasphemie“ angeklagt und verurteilt werden, sondern nur noch wegen „Vergehen wider die Religion“ oder „Religionsbeschimpfung“.
Bis in Einzelheiten des Lebensstils sind die Freiheiten spürbar: Der Schlipszwang für Männer ist in vielen Bereichen nicht mehr so rigide, der Unterschied zwischen Alltags- und Sonntagskleidung ist entfallen, Liebespaare dürfen sich ohne Beanstandung auf der Straße küssen, Studenten/Studentinnen duzen sich wie auch in vielen anderen Zirkeln der Gesellschaft üblich, usw..
Das alles gab es 1960 nicht und mußte erst nach heftigen und langen Kämpfen mühsam durchgesetzt werden. Man und frau wurden erst mit 21 Jahren volljährig, was zur Folge hatte, dass unmündige Jungen zum Wehrdienst gezogen und zum Schießen und Töten ausgebildet wurden; das Recht auf Wehrdienstverweigerung wurde nach Kräften unterlaufen. Eltern konnten ihren Kindern das Heiraten bis zum Alter von 21 Jahren verbieten. Sexuelle Aufklärung gab es weder in der Schule noch im Elternhaus. Über gesundheitliche Schäden der Selbstbefriedigung kursierten wildeste Gerüchte („Gehirnerweichung“). Vorehelicher Geschlechtsverkehr wurde von Eltern und anderen Verwandten als schwere moralische Verfehlung angesehen und entsprechend geahndet. Wenn Kinder ihre/n Liebespartner/in im Haus der Eltern übernachten ließen, konnten die Eltern wegen Kuppelei angezeigt und bestraft werden. Abtreibung stand unter Strafe, ebenso gelebte Homosexualität. Von den Kirchen, insbesondere von der katholischen Kirche, wurde sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe gepredigt, Themen wie Selbstbefriedigung und Koitus waren in Schule und Elternhaus tabu.
Vergewaltigung in der Ehe war dem Ehemann erlaubt. Er konnte von seiner Frau auch verlangen, dass sie zuhause bleibt und nicht erwerbstätig ist. Bis 1959 noch waren die von Beginn 1949 an verfassungswidrigen Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches von 1896 in Kraft, welche alle Entscheidungen über Belange der Familie dem Mann vorbehielten, z.B. über den Aufenthaltsort und das Recht, den Arbeitsvertrag seiner Ehefrau zu kündigen.
Trotz der Erfahrung zweier Weltkriege war es immer noch nicht in allen Klassen der Bevölkerung selbstverständlich, dass Mädchen einen Beruf erlernen und ausüben, um finanziell selbständig zu sein. Wohngemeinschaften erhielten nur in Ausnahmefällen und nur in großen Städten einen Mietvertrag. Wer die christliche Religion auch nur milde verspottete, konnte wegen „Gotteslästerung“ angeklagt und verurteilt werden. Als z. B. 1965 fünf sog. Gammler an die Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche mit Kreide schrieben: „Jesus war der erste Gammler“, wurden sie von der Berliner Polizei festgenommen.[4] Als die Zeitschrift Pardon in ihrer Osterausgabe 1970 mit dem Bild eines ans Kreuz genagelten Osterhasen gegen die Kommerzialisierung des Osterfestes satirisch vorging, kam es zu einer Anzeige wegen „Gotteslästerung“, dann zu „Religionsbeschimpfung“ modifiziert.
Der Gehorsamszwang für Kinder wurde massiv durchgesetzt. Schläge als Erziehungsmittel waren im Elternhaus die Regel, auch noch in Schulen zugelassen. Die Dominanz der Lehrerinnen und Lehrer machte den Unterricht zu einer Einbahnstraße. Selbstbestimmtes Lernen in kleinen Gruppen gab es so gut wie nicht. Das Lernen war Sache jedes und jeder einzelnen. Ganz schlimm war es in vielen Fürsorgeanstalten. Resozialisierung von Strafgefangenen war erst eine Forderung, in den Gefängnissen keine Realität. Das Erziehungsziel bestand in der rigiden Durchsetzung von Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Unterordnung, prinzipielle Achtung vor älteren Menschen; Leistung und Gehorsam standen an oberster Stelle. Mit Primärtugenden wie Gemeinsinn, Solidarität, Verantwortung und Engagement für Mitmenschen, schon gar in fernern Ländern, genereller Verzicht auf Gewalt, Ablehnung des Wehrdienstes mit der Waffe – damit war es weit schlechter bestellt.
Man kann und muß das, was an positiver Umgestaltung erreicht wurde, unter zwei Aspekten sehen. Der eine ist der Blick auf den Umbruch in den westlichen Gesellschaften. Die fortschreitende Industrialisierung erzwang eine quantitative Ausweitung von HochschulabsolventInnen und damit die Umwandlung der Hochschulen zu Großunternehmen. Die alte Form der Eliteausbildung war nicht mehr tragfähig, es mußte eine Art Bildungsexplosion erfolgen mit weitreichenden Folgen für das Verhältnis der Elternbildung und deren Berufe zu denen der Kinder. Umbrüche gab es auch in der Familienstruktur und in den Geschlechterbeziehungen, die Werte und Ziele der Sozialisation veränderten sich und mußten sich verändern. Der neue Wohlstand führte zu neuen Lebensformen und Verhaltensweisen, Askese z. B. war in der alten Form kein lebbares Ziel mehr. Die Verantwortlichkeit am Arbeitsplatz wuchs mit der Komplizierung der Berufsanforderungen, Selbständigkeit und Kooperationsfähigkeit ersetzten Befehlsstrukturen. Das Selbstwertgefühl und das Selbstbewußtsein veränderten sich. Dieser internationale Prozeß erzwang Reformen auch im westlichen Deutschland, denen aber starke konservative Kräfte entgegenstanden, die dies verhindern wollten und lange auch verhinderten.
Der andere Aspekt ist der Blick auf die Geschichte des Kampfes um Reformen, den ich im folgenden skizziere, denn er macht den Verlauf und die Formen des Protestes verständlich. Der Zorn der Jüngeren entzündete sich an Widersprüchen: Wehrdienst ab 18 Jahren ja, Mündigkeit vor 21 nein. In nur wenigen Familien gab es eine Kultur der Diskussion über Wünsche von Kindern; die Regal war der Befehl ohne Diskussion. In den Schulen wurden Demokratie und Verantwortung gepredigt, im konkreten Fall galt die Meinung von SchülerInnen nichts. Die mit viel Getöse eingerichtete „Schülermitverantwortung“ (SMV) entpuppte sich als Hohlform. Klassen- und SchulsprecherInnen hatten zu funktionieren nach Vorgaben der LehrerInnen, Rektoren und Direktoren, das konkrete Verfechten von Interessen der SchülerInnen gegen Lehrer und Lehrerinnen führte fast regelmäßig zum Eklat und zur Unterdrückung durch Einfordern des Gehorsams. Mitbestimmung gab es auch in den Universitäten nicht, nicht für die AssistentInnen, nicht für die Dozentinnen, für die StudentInnen schon gar nicht.
Peter Schneider hat die Situation so skizziert:
'68 war eine Umkrempelung des Lebens. Man kann '68 überhaupt nicht verstehen, wenn man sich nicht mit den 50er Jahren beschäftigt. Die 50er Jahre waren emotional von absurden Verboten und Verklemmungen geprägt. Die meisten dürften noch mit dem wilhelminischen Handwerkszeug der Erziehung – nämlich Rute, Stock und Teppichklopfer – aufgezogen worden sein. In der Schule herrschte zwischen Lehrern und Schülern ein klares, nie angezweifeltes Obrigkeitsverhältnis: der Lehrer hatte immer Recht, der Schüler immer Unrecht. Wir sind damals mit dem Gefühl aufgewachsen, in einer Käseglocke zu leben, in der man keine Luft bekam und ein großes Schweigen herrschte. Dieses Schweigen betraf keineswegs nur die Nazivergangenheit, sondern jede Art von emotionalen Konflikten: ob es um Geld ging oder um den Anspruch, sich mit einem Liebespartner zu treffen. Einen Teil der Jugend hat damals das Gefühl erfasst: raus aus diesem emotionalen Gefängnis, es muss etwas geschehen, was auch immer. Die 68er-Bewegung hat eine absolut notwendige und fällige Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik bewirkt. Ihr größter Verdienst ist vielleicht, dass sie endgültig mit der Kultur des Gehorsams in Deutschland gebrochen hat. (Bundeszentrale für politische Bildung, Internet: http://www.bpb.de/themen/XZVVC3,0,0,Die_Bedeutung_von_1968_heute.html)
Dieser autoritäre Druck wurde erzeugt von Personen, die bereits im Dritten Reich erwachsen gewesen waren. Deren Darstellung von NS-Staat und Krieg wurde mit zunehmender Kenntnis der wirklichen Vorgänge als heuchlerisch empfunden. Wenn über das Leben im „Dritten Reich“ gesprochen wurde, nahmen die Kinder das Fortbestehen des Nationalsozialismus und Antisemitismus in den Köpfen der Eltern wahr.
Natürlich wurde in den Familien über den Zweiten Weltkrieg gesprochen, in der Regel aber nur von den eigenen Opfern. Vertriebene und Ausgebombte klagten über ihre materiellen Verluste, den Verlust der „Heimat“. Beim 1950 gegründeten „Block der Heimatvertriebnen und Entrechteten“ wird diese Haltung schon im Titel deutlich. Alle erzählten schreckliche Dinge von Polen und Russen, jede/r kannte irgend jemanden, die vergewaltigt worden war. Rückkehrer aus britischer Kriegsgefangenschaft berichteten, dass Engländer Brotreste in Kübel geworfen und vor hungernden Gefangenen mit Säure übergossen hätten. Aus russischer Kriegsgefangenschaft Rückkehrende erzählten, dass sie geschlagen wurden. Außerdem wurde mit Überheblichkeit von der geistigen Unterlegenheit und Primitivität von Russen erzählt, ein Muster, das dann Heinz Konsalik in seinem Roman Der Arzt von Stalingrad auf die Spitze trieb, was dem Roman eine Millionenauflage bescherte. Daß Deutschland den Zweiten Weltkrieg vom Zaum gebrochen hatte, wurde, wenn nicht gar geleugnet, von den Erzählungen überlagert, die Deutschland und die Deutschen als Opfer hinstellten.
Nur zwei Dinge kamen in den Erzählungen nicht vor: Was mit den Juden geschah, die aus der Nachbarschaft verschwanden; über die brennenden Synagogen 1938 verlautete kein Wort. Wenn die Worte „KZ“ und Konzentrationslager überhaupt fielen, dann als Darstellung von Freilufterziehungsanstalten. Geschwiegen wurde auch darüber, was die Deutsche Wehrmacht auf ihrem Ostfeldzug angerichtet hatte.
Diese Verlogenheit wurde praktiziert von Eltern, die mit dem Brustton des Stärkeren verkündeten, solange die Kinder ihre Füße unter ihren Tisch stellten, hätte alles nach ihrem Willen zu geschehen, von Lehrern, die Notengeben als sadistische Herrschaftsausübung praktizierten. Die Konsequenz der familiären Situation war, dass ein beträchtlicher Teil der so erzogenen Kinder ihre Eltern als unerträglich empfand danach strebte, möglichst früh von zuhause wegzukommen. Der Studienort wurde möglichst weit weg vom Ort der Eltern gewählt, damit man nicht so oft nach Hause fahren mußte.
Verlogen war auch die Idealisierung der alten Rollen in der Familie – Vater Herrscher, Ehefrau und Kinder untertänig - durch den ersten Familienminister (1953-1962), den erzkatholischen fünffachen Vater Franz-Josef Würmeling. Denn Realität war, dass es infolge des Krieges viele Familien ohne Ehemann und Vater gab, die Mutter arbeitete, um Geld zu verdienen, und die Kinder selbstverständlich im Haushalt mitarbeiteten. Und viele Frauen lebten allein oder mit einer Freundin zusammen; sie fielen aus Würmelings ideologischem Familienkonzept ganz heraus.
Angemaßte Autorität und Herrschaft wiederholten sich in weiteren sozialen Bereichen und in der Öffentlichkeit. Ob Betrieb oder öffentlicher Dienst: stets die gleichen autoritären Strukturen. Dadurch entfachten die Widersprüche zwischen den demokratischen Lehren und der Wirklichkeit insbesondere den Zorn der Jüngeren. Die wichtigsten:
- In den Schulen und in der Öffentlichkeit wurde verkündet, dass mit dem Rückzug der alten Kolonialmächte aus den Kolonien der Kolonialismus zuende gehe. Dann wurde aber bekannt, dass große internationale Konzerne nach wie vor die ehemaligen Kolonien fest im Griff ihrer Ausbeutung hatten. Daraus entstand eine verschärfte Kritik an den industrialisierten Ländern, die von dieser Ausbeutung profitierten. Die Bewegung pro Dritte Welt war die Konsequenz .
- Die USA wurden nach 1945 in den Westzonen und später in der BRD von den Medien als positiv demokratisches Land aufgebaut und von der Bevölkerung auch so empfunden, als ein Land, das befreiten Ländern Freiheit und Selbstbestimmungsrecht zu garantieren schien, für die BRD der Garant für die Unwiederholbarkeit des Faschismus. Das Bild änderte sich durch das brutale Verhalten der USA gegenüber lateinamerikanischen Ländern, in denen ohne Bedenken faschistische Militärregimes unterstützt wurden. Mittels Kapitaldrucks international operierender Firmen, vor allem der Ölfirmen, wurden diese Länder schamlos ausgebeutet.
Den Gipfel bildete der Vietnamkrieg, den die USA nach der geschlagenen Kolonialmacht Frankreich fortsetzten nach der Dulles-Doktrin, die USA würden überall auf der Welt eingreifen, wenn ein Land kommunistisch zu werden drohte. Nicht nur, dass die USA gegen ihre eigene Forderung nach Gewährleistung des Selbstbestimmungsrechts der Völker verstießen: mit der Terrorisierung der Bevölkerung durch Napalm-Brandbomben und mit dem Einsatz des Entlaubungsmittels Agent Orange, mit dem die USA den größten Chemiewaffenkrieg in der Weltgeschichte führten, in einem Land, das die USA überhaupt nicht bedroht, in dem die USA nichts zu suchen hatten, praktizierten sie einen brutalsten Imperialismus.
Vietnam wurde der moralische Zusammenbruch der USA. Der immer wieder beschworene Humanismus des Westens erwies sich als hohle Phrase für die brutalste Kriegführung in der Kriegsgeschichte überhaupt, gegen ein Land der Dritten Welt.
Jüngst hat der Berliner Verleger Klaus Wagenbach in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 30. Mai 2009 die Situation der 50er Jahre knapp und drastisch vor Augen geführt:
Ich habe immer mein eigenes Volk sortieren müssen. 1954, als sie in Bern Fußballweltmeister wurden, habe ich in Frankfurt gehört, wie nach der Deutschland-Hymne wie früher das Horst-Wessel-Lied gebrüllt wurde. Das Gebrüll des Dritten Reiches konnte Sie in den Wochenschauen hören, und im Rundfunk wurde noch immer gebellt. Wenn einer mal Gitarre spielte, kam sofort der Polizeiknüppel. Das waren die Schwabinger Krawalle. Sie machten sich doch damals praktisch schon strafbar, wenn Sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne verheiratet zu sein. Wenn Hildegard Knef eine halbe Brust heraushängen ließ, wurde die Aktion „Saubere Leinwand“ aktiv.
Die Bundesrepublik war bis in die 60er Jahre ein Obrigkeitsstaat mit parlamentarisch demokratischem Appendix. In den Schaltstellen der Gesellschaft saßen Menschen, in der Regel Männer, deren Ziel es war, die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches der Wilhelminischen Ära, das weiterhin in Kraft war, möglichst unverändert zu lassen und Strukturen des NS-Staates unter der Hülle der Demokratie weiterzuführen. Die Abwehr von Reformen wurde mit deren vermeintlicher kommunistischer Tendenz begründet.
Es war die tägliche Erfahrung des Widerspruchs zwischen propagierter Humanität und praktizierter Inhumanität, die Wut auslöste. Die Reaktion von Jüngeren war ein Auszug aus der von Eltern, Lehrern und Schul(di)rektoren, Unternehmern und Gewerkschaftsführern, von Bundeskanzler, Minister und Ministerpräsidenten verordneten Unmündigkeit. Kants „Sapere aude“, wage selbst zu denken, wurde praktiziert und führte zu einer neuen Selbständigkeit und Identität bei den Protestierenden, lange bevor Protestdemonstrationen zu Zusammenstößen mit der Polizei führten.
b) Verfassung und Verfassungsbrüche
Es waren nicht nur die autoritären Strukturen, die unerträglich wurden. Das tatsächlich praktizierte Besitz- und Rechtssystem wurde als ungerecht und als asozial empfunden. Es war die weitere finanzielle Belastung der LohnarbeiterInnen und –Arbeiter, die massivere Proteste auslösten. Die Eskalation bei Demonstrationen ergab sich aber erst durch das brutale Vorgehen der Polizei auf Regelverletzungen von Demonstranten wie Sitzblockaden. Die Überreaktion der Polizei und deren bewußte Gewalt gegen Demonstrierende zeigte, wie schnell das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden konnte.
Wie das ablief, ist an einem konkreten Beispiel aus den Anfängen zu zeigen. In Freiburg begann die Protestbewegung 1. Februar 1968 mit einer Sitzblockade auf den Straßenbahnschienen vorwiegend durch Schüler, gerichtet gegen Fahrpreiserhöhungen bis zu 50 Prozent. Dazu gehört eine Vorlaufzeit: Schüler hatten schon 1967 das „Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler“ (AUSS) gegründet und kämpften für eine Stärkung der Schülermitverantwortung (SMV), für Sexualerziehung in der Schule, gegen die Notstandsgesetze, für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und gegen die Krieg in Vietnam. Im November 1967 hatte sich in Freiburg die „Sozialistische Schülergewerkschaft“ gegründet mit Forderungen nach Selbstbestimmung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Vorausgegangen war auch ein Bremer Protest gegen ähnlich exorbitante Fahrpreiserhöhungen.
Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen hatten Tradition. Am 10. Mai 1951 demonstrierten 1500 Studierende gegen den Wegfall von Schüler-/Studentenmonatskarten für die Hochbahnen in Hamburg. Sie wurden von der Polizei unter Einsatz von Wasserwerfern zusammengeschlagen, 70 wurden verletzt. Gegen 22 Demonstrierende, darunter ein Arbeiter, wurde wegen „schweren Aufruhrs“, „Landfriedensbruchs“ und „Überschreitung der Bannmeile“ ermittelt. Die Preiserhöhungen wurden nicht zurückgenommen. Das Gericht erkannte sie sozialen Gründe der Demonstrierenden an, ließ die schweren Vorwürfe fallen, 17 Beschuldigte wurden gar nicht erst angeklagt, sprach drei Angeklagte frei und bestrafte zwei wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung zu je 100 DM Geldbuße.[5]
In Freiburg kam es erst zu einem Eklat, als der Stadtrat trotz des Protestes die horrenden Fahrpreiserhöhungen nicht zurücknahm und die Polizei bei erneuten Demonstrationen am 7. und Februar 1968 mit Wasserwerfern gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten vorging. Die Demonstrierenden verloren: der Stadtrat nahm die Preiserhöhungen nicht zurück. Im März 1968 bildete sich in Freiburg der Republikanische Club und damit ein Zentrum offener Diskussionen.[6]
Die Eskalierung der Gewalt ging, besonders in den Jahren 1967 bis 1975, wie schon bei zahlreichen Demonstrationen von Studenten und Studentinnen in den fünfziger Jahren, in der Regel von Polizei, Politik und rechten Zeitungen aus.[7] Dabei erwies sich, dass die Verfassungsrechte nach Belieben beiseite geräumt wurden von denen, die sich als Schützer der Verfassung aufspielten. Das Demonstrationsrecht wurde von der Polizei vielfach verletzt, von der Knüppelei in Berlin am 2. Juni 1967 bis zu Einkesselungen von Demonstrierenden. Bei Festnahmen wurden rechtsstaatliche Regeln wie Verhältnismäßigkeit der Gewalt der Polizei, Anruf eines Anwalts, Unterbringung unter menschenwürdigen Umständen, usw. vielfach verletzt, bis heute. Die Justiz erwies sich, zumindest in der ersten Instanz, fast immer als Büttel von Regierung und Polizei.
Verfassungsbruch bedeutete auch das Agieren des Verfassungsschutzes. Die bekannten Fälle: Ein Agent des Berliner Verfassungsschutzes, Peter Urbach, provozierte zu Gewalt. Im Auftrag des Berliner Innensenators Kurt Neubauer versuchte er, bei der Anti-Springer-Demonstration nach dem Attentat auf Rudi Dutschke mit Brandsätzen das Abfackeln von Auslieferungsfahrzeugen zu provozieren; außerdem verschaffte er RAF-Leuten Waffen. Der Verfassungsschutz sprengte am 25. Juli 1978 ein Loch in die Gefängnismauer der Justizvollzugsanstalt in Celle, um einen Ausbruch von Sigurd Debus vorzutäuschen.
Im Verlauf des Protestes schon vor 1968 entstand zu Recht der Eindruck einer Hetze von Medien, Regierungsmitgliedern und Firmenleitungen zur Unterdrückung von Protesten, ein Klassenkampf von oben durch eine Sprache der Gewalt, dann, durch die Polizei, auch durch Knüppelgewalt.
Zur Entstehungsgeschichte der Protestbewegung sind die oft dargestellten Vorgänge bei Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 zu verstehen. Hier protestierten Jugendliche, vorwiegend Studenten, gegen einen Herrscher, dessen autokratisches Regime, in dem es Folterungen gab, die Unterstützung der USA hatte, dem Verbündeten der BRD. Die DemonstrantInnen wurden mit Knüppeln von sogenannten Jubelpersern, die vom iranischen Geheimdienst angeworben worden waren, angegriffen. Die Polizei schritt dagegen nicht ein, im Gegenteil: sie machte am Nachmittag Hatz auf Demonstrierende, nahm Demonstranten fest, und ein Polizist, angestachelt von der Polizeiführung, hart gegen die Demonstrierenden vorzugehen, die als kommunistischer Abschaum galten, erschoß Benno Ohnesorg, von hinten, in den Kopf.
War schon die Terrorisierung der Demonstrierenden durch die Polizei ohne den Toten ein Skandal, so offenbarte der Versuch, den Mord den Demonstranten in die Schuhe zu schieben, die Parteilichkeit der Polizei und damit des Staates überhaupt. Dass dies nicht gelang, der Täter, der Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras, ermittelt und angeklagt wurde, war nur den Recherchen und dem Druck der Protestierenden zu verdanken. Dass Kurras, der noch nach seiner Tat der Meinung war, er hätte noch achtzehnmal schießen sollen, freigesprochen wurde, u.a. weil kein Polizist das wirkliche Geschehen bezeugte, war, zusammen mit der brutalen Hatz auf friedliche Demonstrierende, der eigentliche Skandal, denn er bewies die krasse Parteilichkeit von Justiz und Staat, die Verletzung von Gesetzen und der Verfassung. Daran ändert auch nichts, dass Kurras jüngst (Mai 2009) als SED-Mitglied und Spion für die DDR enttarnt wurde. Ebenso skandalös war die Inhaftierung von Demonstrierenden und die Anklage. Fritz Teufels Entlarvung des Gerichts veränderte die Öffentlichkeit in der BRD. Mit der Nichtahndung des Mordes an Benno Ohnesorg und der Berliner Kumpanie der Polizei und der Justiz mit dem Mörder geriet der Staat in eine Schieflage.
Heute ist durch Fakten belegt, dass Konservative in Regierungen und anderen Schaltstellen der Gesellschaft den Klassenkampf durch den Versuch schürten, Eskalationen zu erzeugen, die den Protestierenden in die Schuhe geschoben werden konnten.
Die Diskussion nach dem Untergang der DDR wird bis heute auch mit der Vokabel geführt, die DDR sei ein „Unrechtsstaat“ gewesen, wie ja auch Wehler behauptet. Dieser politische, nicht juristische Begriff, spielte in der Diskussion um den NS-Staat nach 1945 eine Rolle. Mit dieser Bezeichnung für den NS-Staat wurde z.B. Ernst Otto Remer 1952 wegen Verleumdung der Widerstandkämpfer von 1944 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Seit 1989 wurde der Begriff bei der Bewertung von Verfassungsbrüchen und Menschenrechtsverletzungen durch die SED und Regierungsorgane des DDR-Staates wiederbelebt.
Diese Meinung und Vokabel sei den DDR-Kritikern unbenommen. Sie wird erst schief dadurch, dass die BRD im Vergleich zur DDR als Rechtsstaat bezeichnet wird. Damit war es aber so weit nicht her. In der BRD gab es staatlich organisierten Verfassungsbruch, auch ohne Demonstranten. Das bekannteste Beispiel ist die Verletzung des Postgeheimnisses bei Briefen und Paketen, aber auch beim Telefon, die im selben Ausmaß wie in der DDR praktiziert wurde.[8] Der Artikel 10 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949: „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich“ wurde keine Wirklichkeit; sie waren verletzlich und wurden von der Regierung permanent verletzt. Im September deckt das Fernsehmagazin „Panorama“ illegale Abhörpraktiken des Verfassungsschutzes auf. Die Konsequenz: „Panorama“-Leiter Rüdiger Proske und der Redakteur Karl-Heinz Wocker verlieren ihre Posten.[9] Im August 1964 wird aufgedeckt, dass monatlich 800.0000 Postsendungen aus der DDR in die BRD dort als „staatsgefährdend“ eingestuft und vernichtet werden, ohne dass die EmpfängerInnen davon etwas erfahren.[10]
Seit den 60er Jahren gibt es eine Tendenz, die in der Verfassung garantierten Freiheitsrechte immer weiter einzuschränken. Die Liste der Versuche, den Staat in einen Überwachungsstaat mit Zügen von faschistischer Diktatur umzuwandeln, die es in allen westlichen Demokratien gegeben hat und gibt, ist auch in der BRD lang. Ein Grundrecht wie freie Meinungsäußerung hat niemals umfassende Realität erlangt, im Deutschen Fernsehen gibt es keine systemkritischen Beiträge, die Unterhaltungssendungen sind auf ein rigide konservatives Familien- und Persönlichkeitsbild festgelegt. Das Versammlungsrecht wurde eingeschränkt, verfassungswidrige Gesetze wie das Kontaktsperregesetz und den Paragraphen 129a des Strafgesetzbuches – Bildung einer terroristischen Vereinigung - beschlossen. Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen war Jahrzehnte nicht einmal in Gesetzen umgesetzt, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums wurde durch die Steuergesetzgebung, aber auch durch die „Freiheit“ des Umgangs mit Häusern, immer mehr auf den Kopf gestellt - bis heute.
c) Die Proteste der Arbeiterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Bewegung von der APO über die Studentenunruhen bis zu Bürgerinitiativen hat eine lange Vorgeschichte, ohne welche die massiven Demonstrationen seit 1967 nicht zu verstehen sind. Sie beginnt schon mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg gab in den vierziger Jahren Streiks und kommunistische Aufstände in Westdeutschland. Wegen der katastrophalen Versorgungslage kam es Anfang Februar 1947 im Ruhrgebiet zu Streiks und Massenprotesten: In Essen streikten am 3. Februar 30.000, in Oberhausen am Tag darauf 5.000, am 10. Februar 10.000, in Müllheim 12.000.[11]
Nach der Währungsreform gab es im Juli 1948 einen Generalstreik. Dieser Generalstreik mobilisierte die größte Zahl von Arbeitenden in den westlichen Besatzungszonen, der späteren BRD. [ausführen]
Der Kampf um die Demokratisierung von westdeutschen Großbetrieben, die vom Faschismus belastet waren, ist, wenn auch erfolglos, heftig gewesen.[12] Es gab schon in den 40er und in den 50er Jahren zahlreiche Streiks und Betriebskämpfe um Mitbestimmung, besonders gegen das Betriebsverfassungsgesetz, Proteste gegen die Wiederbewaffnung, gegen den Generalvertrag mit den drei westlichen Siegermächten, gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Eine Bremer HistorikerInnengruppe hat in einer vierbändigen illustrierten Geschichte diese Kämpfe von 1949 bis 1959 dokumentiert.[13]
Ein Markstein des Protestes war der Versuch, die kritische Darstellung der Arbeitsbedingungen im westdeutschen Bergbau im Roman Irrlicht und Feuer von Max von der Grün, 1963 erschienen, zu verbieten, Autor und Verlag mit enormen Schadensersatzforderungen zu ruinieren. Der Protest der Öffentlichkeit war so stark, dass die Justiz keine Kumpanei mit den Unternehmen riskieren konnte und die Klage abwies. Dasselbe wiederholte sich seit 1964 mit Günter Wallraffs Reportagen aus der Bundeswehr und aus Industriebetrieben.
Auch für die Proteste gegen die Notstandgesetze und die Ermordung von Benno Ohnesorg durch die Polizei gibt es einen Vorläufer. Gegen den 1952 geplanten Generalvertrag mit den westlichen Siegermächten und der Notstandsklausel darin gab es heftigen Protest. Dem Aufruf zur „Friedenskarawane der Jugend“ folgten 30.000 Jüngere nach Essen zur Demonstration am 11. Mai. Unmittelbar zuvor wurde die Demonstration verboten, wegen Teilnahme von (ehemaligen) Mitgliedern der seit dem 26. Juni 1951 in der BRD verbotenen Freien Deutschen Jugend (FDJ). Das Verbot kam zu spät. Die TeilnehmerInnen waren bereits angereist, wußten nicht von dem Verbot und demonstrierten. Das gab der Polizei, die mit einem Riesenaufgebot Essen regelrecht besetzt hatte, Gelegenheit zu Prügelorgien und Schußwaffengebrauch. Polizisten schießen von hinten auf Flüchtende. Der Männer werden getroffen, einer, der 21jährige Münchner Eisenbahnarbeiter Philipp Müller, wird getötet.
Auch hier verdreht die Springerpresse die Vorgänge und schürt Kommunistenhass. Die Welt behauptet, „getarnte FDJ“ habe auf Polizisten geschossen. „Zum ersten Male seit Kriegsende wurde am Sonntag bei einer Demonstration von Kommunisten auf die Polizei scharf geschossen.“[14] Diese Behauptung mußte er Leiter der Essener Schutzpolizei zurücknehmen. Nach der Ermordung Philipp Müllers kommt es in Düsseldorf, Kiel, Mannheim und Wuppertal zu Demonstrationen mit Tausenden von TeilnehmerInnen; in Ost-Berlin findet eine Massenkundgebung mit 500.000 TeilnehmerInnen statt.
14 Tage später, am 25. Mai, protestieren erneut Tausende gegen den Generalvertrag und die Wiederbewaffnung. Bei dem Kampf gegen die Remilitarisierung sind viele Gruppen aktiv, vom der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN), bis zum „Demokratischen Frauenbund Deutschlands“. Am 6. April 1952 rufen 800 Jugendliche beim „Hessentreffen der jungen Generation“ in Offenbach zum Kampf gegen die Wiederaufrüstung auf.[15] In vielen Städten gibt es Protestkundgebungen, in Hamburg nehmen am 12. April 1952 Tausende teil.[16] Die Gewerkschaften sind gespalten, der DGB ruft nicht zum Widerstand gegen die Remilitarisierung auf.
Auch hier ist der Widerstand erfolglos. Wie bei den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze 1968 fruchtet der Widerstand gegen den Generalvertrag nichts. Am 26. Mai 1952 wird der Vertrag unterzeichnet, am 19. März 1953 vom Bundestag ratifiziert, gleichzeitig mit dem Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), der die Bundesrepublik zur zweitstärksten westeuropäischen Militärmacht machen wird. Bei der zweiten Lesung der beiden Verträge Anfang Dezember 1952 kommt es zu in Bonn zu Protesten, die Polizei verhindert ein Eindringen in die Bannmeile, mit Passierscheinen ins Bundeshaus Eingedrungene werden überwältigt. Adenauer behauptet in seiner bekannt differenzierenden Art, wer gegen die Verträge sei, liefere „unser deutsches Volk der Knechtschaft durch den Bolschewismus aus“, das Parlament stehe „vor der Wahl zwischen Sklaverei und Freiheit.“[17]
Und auch das Nachspiel zu dem brutalen Polizeieinsatz in Essen geht wie dann 1967 in Westberlin aus: Die zehn wegen Aufruhr und Landfriedensbruch angeklagten Demonstranten – ein Maler, ein Student, zwei Bergleute, ein Schleifer, ein Bäcker, ein Postfacharbeiter, ein Maschinist, ein erwerbsloser Arbeiter, eine Frau, die sich als berufslos bezeichnet – werden im Oktober 1952 vom Landgericht Dortmund, das während des Prozesses rund um die Lübecker-Straße mit neu errichteten, massiven stählernen Schlagbäumen abgeriegelt war, zu Haftstrafen zwischen drei und fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt.[18] Die meisten Zeugen waren Polizeibeamte, und das auf dem Hintergrund, dass die Polizei ihre Knüppeleien und ihren Schußwaffengebrauch rechtfertigen muß. „Im Gegensatz zu den FDJ-Demonstranten wird gegen die Polizisten, die am 11. Mai in Essen die Schüsse auf die Fliehenden abgegeben und dabei Philipp Müller tödlich verletzt haben, keine Anklage erhoben.“[19] Dazu paßt, dass es Anfang November 1952 bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen 80 ehemaligen NSDAP-Funktionären gelingt, unbeanstandet auf Listen der CDU, FDP, DP und BHE in Gemeinderäte zu gelangen.[20]
Es sind 1952 nicht in erster Linie Studenten, die da protestieren, sondern Arbeiter. Von den beiden durch Pistolenschüsse Schwerverletzten ist der eine, Bernhard Schwarze, Sozialdemokrat, der andere, Albert Bretthauer, Gewerkschafter.
Sehr große Aktivität zeigt Arbeiterschaft bei den Kämpfen 1952 gegen das Betriebsverfassungsgesetz, das weder den Betriebsangehörigen noch den Gewerkschaften Mitspracherechte in wirtschaftlichen Belangen der Firmen einräumt.
In Düsseldorf, wie in vielen anderen Städten, streiken am 15. Mai 1952 45.000 ArbeiterInnen und demonstrieren. Auch hier geht die Polizei brutal vor. Es gibt viele Warnstreiks. In Bonn wird einen Tag lang der öffentliche Verkehr lahmgelegt. In Braunschweig demonstrieren 40.000, ebenfalls so viele in Gelsenkirchen, in Köln 50.000, in Bielefeld 55.000, ebenso in Mannheim, in Duisburg 45.000, in Ludwigshafen 40.000, in Kiel 35.000, in Minden 30.000, in Wuppertal 25.000, in Kassel 20.000, ebenso viele in Hagen und in Lünen, in Osnabrück 15.000, ebenso viele in Oberhausen, in Krefeld und in Leverkusen, in Hamborn und in Wilhelmshaven je 12.000, in Bochum und in Worms je 10.000, in Reutlingen 7.000, in Fürth 4.000.
In Bremen demonstrieren am 5. Juni 60.000, in Dortmund am 24. Mai 80.000, in Nürnberg 80.000, in Frankfurt am 20. Mai 1953 100.000, in München am 26. Mai 120.000, der größten Veranstaltung, die München je erlebt hat, in Hamburg sogar 150.000.[21] Insgesamt nehmen eineinhalb Millionen an den Streiks, Demonstrationen und Protestkundgebungen teil.[22]
Die Aktionen führen nicht zum Erfolg, vor allem durch das Verhalten des Vorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Zu dem angesichts der starren Haltung von Bundesregierung und Regierungskoalition eigentlich notwendigen Generalstreik kann sich die DGB-Spitze nicht aufraffen. Im Gegenteil: sie sorgt für Abwiegelung. Die riesigen Proteste verpuffen, weil der Gewerkschaftsbund mitten in den Streiks und Kundgebungen mit der Adenauer-Regierung Kontakt aufnimmt, auf ein Angebot der Bundesregierung eingeht und Vertreter in eine Kommission zur Überarbeitung des Betriebsverfassungsgesetzes vor der Abstimmung im Bundestag entsendet. Im Gegenzug stellt der Gewerkschaftsbund die Protestdemonstrationen ein.
Der Gewerkschaftsbund wird aber gelinkt, denn die Arbeiter-Vertreter werden nur angehört, mitzubestimmen haben sie schon in der Kommission nichts.[23] Verantwortlich für diesen Kurs des DGB ist deren Vorsitzender Christian Fette, strikter Antikommunist und ein Befürworter der Remilitarisierung. Der DGB-Vorstand und mit ihm Fette hatte am 1. September 1950 alle Gewerkschaftsverbände aufgefordert, alle Funktionäre und Angestellten fristlos zu entlassen, welche die Arbeit der SED in irgendeiner Form unterstützen.[24] Am 19. Juli wird das Betriebsverfassungsgesetz vom Bundestag beschlossen und tritt am 11. Oktober 1952 in Kraft. Wegen seiner Kungelei mit den Regierungsparteien wird Fette im Oktober als DGB-Vorsitzender abgewählt, auch das DGB Vorstandmitglied Hans vom Hoff, einer der vier DGB-Vertreter in der Kommission. Das aber nützt nichts mehr.
Die Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen gegen das Betriebsverfassungsgesetz sind der größte und letzte Kampf der deutschen, westdeutschen Arbeiterschaft um eine wirkliche Mitbestimmung in den Betrieben. Die Niederlage ist so total und furchtbar wie die Niederlage ostdeutscher ArbeiterInnen ein Jahr später. Der Kampf gegen das schrankenlose Privateigentum von Betrieben wurde auf der ganzen Linie verloren. Schlimmer noch: Betriebsangehörige und Gewerkschaften werden durch das Gesetz bei Strafe der Entlassung verpflichtet, ausschließlich für die Ziele und nach den Vorgaben der Firmenbesitzer zu handeln, d.h. zu kuschen.
Die Niederlage wird später noch mehrmals sinnfällig. Die Forderung nach paritätischer Mitbestimmung im neuen Grundsatzprogramm des DGB vom November 1963 kann nicht durchgesetzt werden. Die Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes vom 15. Januar 1972 und vor allem das Mitbestimmungsgesetz vom 4. Mai 1976 bestätigen die Niederlage. Ein Leitender Angestellter auf Arbeitnehmerseite und das Doppelstimmrecht des Aufsichtsratsvorsitzenden im Fall einer Pattsituation machen aus der paritätischen Mitbestimmung eine Farce.
Von dieser Niederlage 1952 erholt sich das deutsche Proletariat nicht mehr. Es muß sich dem System des schrankenlosen Besitzindividualismus fügen. Schon mit dem Protest von 60.000 Menschen in München gegen Preiserhöhungen am 4. August 1950 hatte die Gewerkschaft keinen Erfolg.[25] Die Arbeiterschaft samt Gewerkschaften verabschiedet sich aus der Geschichte – bis heute. Die Gewerkschaften beschränken sich auf Lohnkämpfe und gelegentliche Kämpfe um den Erhalt von Betrieben, die das System nicht antasten. In den 60er Jahren sind es dann Schriftsteller (Gruppe 61, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt) und Studenten, die den Kampf gegen Unternehmerwillkür und das System des unbeschränkten Privateigentums von Betrieben von vorn beginnen.
Das Betriebsverfassungsgesetz hat auch Auswirkungen auf andere Institutionen, auf Behörden, Schulen, Hochschulen. Überall, wo Menschen gegen Lohn und Gehalt arbeiten, findet keine Mitbestimmung statt. Die Bundesrepublik Deutschland wird, wie andere kapitalistische Staaten auch, kein wirklich demokratischer Staat. Der Staat stagniert als bürgerlich parlamentarische Demokratie mit formaler Gewaltenteilung auf der Basis von autoritär geführten Firmen in Privatbesitz. Welche Partei auch immer an der Macht ist - es gibt keine Alternative zu einer Politik im Interesse der Privateigentümer und Kapitalbesitzer. In Arbeit, Bürokratie und Ausbildung bleibt die BRD ein autoritärer oligarchischer Staat.
Und auch das zeigen die Demonstrationen der 50er Jahre: Die Polizei steht rechts, mißachtet vielfach das Demonstrationsrecht, in Zusammenarbeit mit den Behörden und der Justiz. Das Muster des Verhaltens wird schon 1950 sichtbar. Als am 1. August junge Pioniere, die von einem Ferienaufenthalt in der DDR zurückkommen, von nationalistischen Schlägertrupps überfallen werde, schaut die Polizei zu, ohne einzugreifen.[26] Diese Prägung hat Folgen für die Auseinandersetzungen der 60er und siebziger Jahre. Mit nur wenigen Modifikationen hält die Rechtslastigkeit der Polizei bis heute an.
Die Notstandsgesetze
Im Januar 1962 legt die Bundesregierung einen ersten Entwurf für eine Notstandsgesetzgebung vor, im November 1962 folgt ein modifizierter Entwurf. Die SPD, die wegen der Zweidrittelmehrheit für eine Verfassungsänderung zustimmen muß, ist unter Bedingungen zur Zusammenarbeit bereit. Die Gewerkschaften, allen voran die IG Metall, dagegen lehnen das gesamte Vorhaben strikt ab.
Die Anti-Atomtod-Bewegung
Die Kampagne gegen Atomwaffen beginnt in England mit einem 80 Kilometermarsch der „Campaign for Nuclear Disarmament“ Ostern 1959, ein Jahr später gibt es den ersten Ostermarsch in der Bundesrepublik. In jedem folgenden Jahr werden die TeilnehmerInnezahlen größer. 1967 wird die Kampagne erweitert zur „Kampagne für Abrüstung“ und 1968, im Zuge der Kämpfe gegen die Notstandsgesetzgebung, zur „Kampagne für Demokratie und Abrüstung.
Diese Protestbewegung ist nicht von Studenten inspiriert. Aber immerhin bringt die Studentin Gudrun Ensslin zusammen mit Bernward Vesper 1964 einen Sammelband heraus mit Texten von SchriftstellerInnen gegen die Atombombe.[27]
Studentische Proteste
Die Potestdemonstrationen seit 1967 werden zu Recht mit Studenten und Studentinnen in Verbindung gebracht. Studentischer Protest hat 1967 bereits ein fast zwanzigjährige Tradition. Während 1933 die Studierenden weit überwiegend Sympathisanten und Parteimitglieder der Nationalsozialisten waren und diese mit ihrer Unterstützung die „Säuberung“ der Hochschulen vornehmen konnten, wenden sich Studierende nach 1945 mit Protestaktionen gegen Nationalsozialisten in der Öffentlichkeit, gegen soziale Verschlechterungen, gegen die rigide Abschottung gegenüber der DDR, für ein europäisches Bürgerrecht.
Der Kampf gegen die öffentliche Präsenz und Anerkennung von Nationalsozialisten wurde im Fall des Filmregisseurs Veit Harlan, der mit Jud Süß einen der schlimmsten antisemitischen Hetzfilme der Nazizeit gedreht hatte, neben Mitgliedern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes vorwiegend von StudentInnen und SchülerInnen getragen.[28] Als Harlan 1949 und, nach Aufhebung dieses Urteils durch den Obersten Gerichtshof der britischen Besatzungszone, erneut 1950 vom Hamburger Landgericht von der Anklage „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ freigesprochen wird, dessen Vorsitzender Richter Walter Tyrolf während der NS-Zeit Staatsanwalt am Sondergericht Hamburg war und in mehreren Bagatellfällen wie leichtem Diebstahl und "Rassenschande" für die Todesstrafe plädiert hatte, die auch vollstreckt wurde,[29]kommt es in mehreren Städten zu Protesten und Protestdemonstrationen: in Westberlin, Hamburg, Frankfurt a.M., München, Göttingen, Herford, Stuttgart, Neu-Isenburg, Ahrensburg.
In Freiburg knüppelt die Polizei am 16. Januar 1952 auf DemonstrantInnen, unter ihnen viel StudentInnen, ein und schlägt brutal wehrlose Harlan-Gegner zusammen. Der frühere Freiburger SDS-Vorsitzende und späterer Justizminister von Baden-Württemberg (1966-1972), Rudolf Schieler, wurde, als er einen prügelnden Polizisten nach seinem Namen fragte, unter dem Ruf „Jetzt kommst du Sozialistenschwein an die Reihe“ niedergeschlagen, erleidet eine Platzwunde am Kopf und trägt eine schwere Gehirnerschütterung davon.[30]
Diese Brutalität der Polizei führt bundesweit zu mehreren Protesten. Der Journalist Otto Häcker sah sich in seinem Kommentar in der Stuttgarter Zeitung „ins Dritte Reich zurückversetzt“: „Die Brutalität, mit der er [der Polizeigeist] vorging, überschritt jedes Maß. Es muß weiter festgestellt werden, daß die antisemitischen Hetzer, die sich die Situation zunutze machten, nicht in einem einzigen Fall von der Polizei gestellt wurden. Unter deren Schutz konnten sie tätlich gegen die Demonstranten vorgehen. Wenn man sah – so berichten viele Zeugen –wie zu dem Geschrei ‚Judenknechte’ mit dem Gummiknüppel der Takt geschlagen wurde, glaubte man sich ins Dritte Reich zurückversetzt.“[31]
Wie stark die Faschisten in Westdeutschland waren, beweisen nicht nur die beiden Urteile des Richters Tyrolf. Den ersten Freispruch am 23. April 1949 beklatschen 200 ZuhörerInnen und ein Teil der 100 Presseleute frenetisch, springen auf die Bänke und tragen Veit Harlan unter Jubel aus dem Gerichtssaal. „Seit der Prozeßeröffnung am 3. März war es bereits mehrfach sowohl im Gerichtssaal als auch auf der Straße zu antisemitischen Kundgebungen und Tumulten gekommen.“[32] Beim zweiten Prozeß wird die ehemalige Sekretärin der Filmabteilung beim Propagandaministerium, Karena Niehoff, nach ihrer Aussage, Veit Harlan habe das ursprüngliche Drehbuch zu Jud Süß nachträglich antisemitisch verschärft, tätlich angegriffen. „Als ein jüdischer Journalist gegen die ‚offensichtlich antisemitische Haltung’ der Zuhörerschaft protestiert, läßt der Gerichtsvorsitzende Walter Tyrolf den Saal unter Tumulten räumen.“[33] Den zweiten Freispruch begründete Tyrolf mit dem Argument, “’Antisemitismus an sich’“ sei nicht strafbar, „solange dadurch die Gesetze der Humanität nicht mißachtet würden.“[34] Das war ein Freibrief für Antisemitismus. Das Urteil führte zu in Frankfurt, Hamburg, München und Westberlin zu Protesten – weitgehend von Studentinnen und Studenten.
Seit März 1951 wurden Aufführungen von Filmen Veit Harlans durch Protest- und Störaktionen be- und verhindert. Proteste richten sich auch gegen das öffentliche Auftreten von Kristina Söderbaum und Werner Krauss, die in Jud Süß Hauptrollen spielten. Am 7. und 8. Oktober 1950 demonstrieren „Hunderte von Studenten“ in Westberlin gegen ein Gastspiel, in dem Werner Krauss mitwirkt; die Polizei geht mit Gummiknüppeln gegen die DemonstrantInnen vor.[35] Das wiederholt sich bei einem zweiten Gastspiel von Werner Krauss in Westberlin am 7. bis 11. Dezember 1950. Unter Einsatz von Wasserwerfern wird auf tausend StudentInnen eingeprügelt, zwei Frauen werden von Polizisten niedergetreten und müssen ins Krankenhaus, in das bereits vier Verletzte mit Kopfverletzungen eingeliefert sind. Am 11. Dezember demonstrieren bereits viertausend Antifaschisten.[36]
In Freiburg tritt der jüdische Student Arnold Goldberg aus Protest gegen eine erneute Aufführung eines Harlan-Films am 12. Juni 1952 in den Hungerstreik. Am 16. Juni kommt es zu einem Protestmarsch von Studenten zum Kino der Aufführung, der in einem Handgemenge mit 4000 Harlan-Anhängern endet.[37] Die Proteste flammen bei jedem Versuch von Kinos, Harlan-Filme vorzuführen, wieder auf und ziehen sich bis 1959 hin. Angeheizt wurde die Situation noch durch ein Gerichtsurteil des Hamburger Landesgerichts am 18. November 1950, das dem Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth verbot, zum Boykott von Harlan-Filmen aufzurufen.[38] Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Urteil kassiert - erst 1958, als fast alles vorbei war.[39]
Mit der Bewegung gegen Veit Harlan waren StudentInnen in der Öffentlichkeit erstmals in der jungen Bundesrepublik in größerem Ausmaß als Protestierende präsent. 2009 urteilte Paul Munzinger in der Süddeutschen Zeitung: „Besonders die Studenten machten Front gegen Harlan und seine Filme. [...] Die Anti-Harlan-Bewegung lieferte einen Vorgeschmack auf die Ereignisse, die fünfzehn Jahre später eine ganze Generation auf die Straße treiben sollte.“[40]
Dabei war die antinationalsozialistische Haltung in der Studentenschaft nicht unumstritten. Während die Asten von Heidelberg, Mainz und Frankfurt a.M. Solidaritätserklärungen mit den protestierenden und geprügelten Freiburger StudentInnen abgeben, spricht sich der „Verband Deutscher Studentenschaften“ (VDS) lediglich für eine strenge Untersuchung aus.[41] In Erlangen organisiert der Asta-Vorsitzende der Universität, Heinrich Ziegenhain, Mitglied einer schlagenden Verbindung, Anfang 1952 eine Solidaritätskundgebung für Veit Harlan. Er wird daraufhin auf der Delegiertenkonferenz des VDS Anfang März 1952 in Oberursel scharf gerügt und muß die Konferenz vorzeitig verlassen. Er tritt als Erlanger Asta-Vorsitzender zurück. Erinnert wird daran, dass der NS-Studentenbund in Erlangen als erster deutscher Universität noch vor 1933 die absolute Mehrheit errungen hatte. Der VDS empfiehlt in einer einstimmig angenommenen Entschließung den Studentenschaften der Hochschulen, sich dem Aufruf von Erich Lüth „Friede mit Israel“ anzuschließen.[42]
Im Kampf gegen Veit Harlans Filme gab es Unterstützung von Professoren. So schlossen sich der Rektor und sieben Professoren der Hamburger Universität dem Aufruf von Erich Lüth an. [43] Nach der Knüppelorgie der Polizei in Freiburg stellen sich der Rektor, Prof. Johannes Vincke, der Prorektor, Prof. Friedrich Oelkers, und die Professorenschaft hinter die Protestaktionen der StudentInnen.[44]
StudentInnen waren auch anderswo aktiv. Es gab schon früh Aktionen für ein Europa ohne Grenzen. Am 6. August 1950 z.B. reißen 300 StudentInnen in der Pfalz die Grenzanlagen zum französischen Elsaß Frankreich nieder; mit dabei ist Helmut Kohl.[45]
Die Unterstützung von Professoren war die Ausnahme. Der rigide Antikommunismus der Etablierten führte zur Gegnerschaft von Studierenden und Professoren, die dann bei der Frage der Mitbestimmung in den Universitätsgremien eskalierte.
Proteste begannen in kleinen Kreisen, z. T. wenig öffentlich, mit kleineren Reibereien. Als der Freiburger Stadtrat Im Mai 1956 den Austausch von studentischen Theatergruppen mit der DDR verbietet und den Auftritt einer Leipziger Studententheatertruppe, die Ernst Tollers Stück Feuer aus Kesseln spielen wollte, untersagt, greift die Freiburger Studentenzeitung dieses Verbot an. Im Juni 1956 z.B. empört sich der Student Hanno König in einem Artikel in der Freiburger Studentenzeitung darüber und meint, es sei „unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit man von uns auf den Kopf zu erwartet, daß wir keine Kommunisten sind“. Das löst rechte Proteste und den Ruf nach Sanktionen für die Redakteure aus: „Die Freiburger Studentenzeitung treibt eine linksgerichtete Parteipolitik“ „Bleibt abzuwarten, was gegen die Verantwortlichen der Freiburger Studentenzeitung unternommen wird.“[46]
Es ließen sich sehr viele solcher Auseinandersetzungen auflisten, die in der Regel mit demselben Resultat ausgingen wie bei den Freiburger Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr: die autoritären Staatsgewalten gaben nicht im mindesten nach.
d) Öffentlichkeit und Zensur
Ein Märchen ist Wehlers These von der funktionierenden Öffentlichkeit in der BRD, wie die Strauß-Affäre bewiesen habe. Richtig ist: im Verlauf der Protestbewegung ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, an der die systemkonforme Medienwelt nicht ganz vorbeigehen konnte, ähnlich wie in der DDR, in der es ebenfalls zu Auseinandersetzungen zwischen Etablierten und ReformerInnen kam, die trotz SED-Kontrolle aller Medien Öffentlichkeit in Konflikten herstellten. Die tatsächlichen Möglichkeiten der Kritik waren jedoch auch in der BRD radikal eingeschränkt. Es gab eine enorm wirksame Zensur.
Die Besonderheit in der BRD bestand darin, dass die öffentliche Kritik an der Politik der USA, etwa am Korea-Krieg, zu Anklagen vor amerikanischen Gerichten auf westdeutschem Boden. Lilly Wächter, die Vorsitzendes des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD), wird wegen ihrer Kritik am Korea-Krieg am 6. September 1951 in Stuttgart verhaftet und am 4. Oktober von einem amerikanischen Gericht in Stuttgart zu einer Gefängnisstrafe von acht Monaten und einer Geldbuße von 15.ooo DM verurteilt, sitzt davon 3 Wochen ab und wird am 4. Oktober 1951 entlassen.[47] Fünf Frankfurter CDU-Mitglieder, die Antikriegsplakate geklebt hatten und damit auch gegen den Korea-Krieg protestierten, werden von einem britischen Militärgereicht zu Gefängnisstrafen von drei und sechs Monaten verurteilt und – das ist bezeichnend, anschließend aus der CDU ausgeschlossen.[48]
Die öffentliche Kritik wird weiter eingeschränkt durch den im Juli 1951 neu eingeführten Straftatbestand der „Staatsgefährdung“. Obwohl das Delikt aus Hindenburgs Notverordnung von 1931 und aus der NS-Zeit, 1934, stammt, wird diese Strafrechtsänderung mit den Stimmen der SPD beschlossen. Auf Grund dieses Tatbestands der „Staatsgefährdung“ werden allein zwischen 1952 und 1954 8000 Strafverfahren wegen politischer Delikte eingeleitet. Das führt zu verstärkter innerer Zensur, denn bei jeder politischen Kritik müssen die KritikerInnen mit Gefängnis rechnen.[49]
Für die BRD kam hinzu, dass nach der Vernichtung der demokratischen Linken 1933 diese nach 1945 im Westen nicht restituiert wurde. Linke JournalistInnen und SchriftstellerInnen gingen in den kommunistischen Osten, die wenigen in der BRD konnten keine neue linke Öffentlichkeit durchsetzen. Schon zu Beginn der Bundesrepublik wird die kommunistische Publizistik massiv behindert und verfolgt. Bereits im August 1950 “setzt eine Verbotswelle gegen kommunistische Tages- und Wochenzeitungen ein, weitere folgen.“[50] Dabei geht es nicht nur um kommunistische Blätter. Die Kampagne wird genutzt, um unliebsame Kritiker der CDU und der FDP mundtot zu machen. Drei Conferenciers des Bayerischen Rundfunks, die den „Stockholmer Appell“ zur Ächtung der Atombombe unterzeichnen, werden von ihren Posten abgesetzt.[51] Verboten werden seit dem 3. August 1950: Sozialistische Volkszeitung, Frankfurt; Hamburger Volkszeitung; Volksstimme, Köln; Freies Volk, Düsseldorf; Neue Volkszeitung, Dortmund; Volks-Echo, Detmold; Badisches Volksecho, Mannheim; Unser Tag, Freiburg. Es folgen noch im August: Südbayrische Volkszeitung, München; Nordbayrische Volkszeitung, Nürnberg; Norddeutsches Echo, Kiel; Tribühne der Demokratie, Bremen. Durch Gerichtsbeschluß erscheint die Nordbayrische Volkszeitung wieder ab 1. September. Andere erreichen ihre Wiederzulassung und erscheinen bis zum KPD-Verbot 1956.
Die Austrocknung einer kritischen Publizistik wird nach dem Verbot der KPD am 17. August 1956 massiv verstärkt. Es verschwinden: Freies Volk, Düsseldorf; Unser Weg, Düsseldorf; Wissen und Tat, Düsseldorf, Norddeutsches Echo, Kiel; Hamburger Volkszeitung; Tribüne der Demokratie, Bremen; Neue Volkszeitung, Essen; Neue Niedersächsische Volksstimme, Hannover; Volks-Echo, Bielefeld; Sozialistische Volkszeitung, Frankfurt; Unser Tag, Mannheim; Bayerisches Volks-Echo, München; Volksstimme; Stuttgart; Spiegel der Woche, Düsseldorf.[52]
Die Situation Ende der fünfziger Jahre war die, das eine Kritik des internationalen Kapitalismus erst einmal kein Gehör fand, weil es keine linken Zeitungen gab, in Rundfunk und Fernsehen sowieso keine Systemkritik geduldet wurde, aber auch Zeitschriften und Verlage keine Systemkritik veröffentlichten und verlegten. Der Verleger Axel Springer hatte in den fünfziger Jahren einen Medienkonzern aufgebaut, der die Vielfalt der Presse durch Monopol bedrohte. Seine negative Einstellung zu Reformen der Gesellschaft spiegelten seine Zeitungen, allen voran die Bildzeitung, deren aggressive Sprache bei den Millionen von autoritären Charakteren ankam. Nicht zu Unrecht hat man diese Hetze als Mitursache für den Morde von Kurras an Benno Ohnesorg und den Mordversuch von Bachmann an Rudi Dutschke bezeichnet.
Es gab seit Mitte der 50er Jahre in der BRD überhaupt keine öffentlich präsente Linke, keine linken Organisationen, keine linken Parteien, keine linke Publizistik; denn selbst Der Spiegel, das politische Vorzeige-Enthüllungsmagazin, recherchierte und berichtete kapitalismuskonform. Wolfgang Abendroth und die Frankfurter Schule, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno am Frankfurter Institut für Sozialforschung, das am 6. August 1950 wieder eröffnet wurde, waren die einzigen, die als Linke überhaupt wahrgenommen wurden. Sogar gemäßigt kritische Schriftsteller mußten sich von Politikern als „Pinscher“,[53] später auch als „Ratten und Schmeißfliegen“[54] diffamieren lassen. Die Restitution einer öffentlich wahrgenommenen Linken mußte erst – gegen den massiven Widerstand des Axel Springer-Verlags, der CDU, aber auch der FDP und der SPD, durchgesetzt werden.
Die Situation war so schlimm, dass Pressedienste zur Verbreitung unterdrückter Nachrichten geschaffen werden mußten, 1966 der „Berliner Extra-Dienst“ und später, 1973, der in Frankfurt erscheinende „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ (ID, bis 1981). Gegen den öffentlichen Rundfunk wurden, um unterdrückte Nachrichten zu verbreiten und Fakten richtig zu stellen, freie Radios gegründet, anfangs illegal, etwa 1977 Radio Dreyeckland am Oberrhein, das älteste der freien Radios in Deutschland. Max von der Grün und dann Günter Wallraff erfuhren sehr schnell, wie ihnen Möglichkeiten der Veröffentlichung von Wirklichkeit hinter Fabrikmauern genommen wurden. Von der Grün durfte jahrelang in keiner Gewerkschaftszeitung mehr publizieren, sein Roman Irrlicht und Feuer wurde nur in der DDR verfilmt, Wallraff war das Deutsche Fernsehen zur Veröffentlichung seiner Reportagen versperrt. Jüngst hat Walter Mossmann an seinem Beispiel das Ausmaß an Zensur in der BRD dargestellt.[55]
Anders ausgedrückt: Die Behauptung von der Pressefreiheit erwies sich in der konkreten politischen Situation als Märchen. Zwar mit anderen Mechanismen, aber im Resultat glich die Medienzensur in der BRD, so die Wahrnehmung von Kritikern, weitgehend der der DDR.
e) Theorie und Praxis der Protestbewegung
Um die Protestbewegung angemessen zu skizzieren, sind ihre entscheidenden Merkmale zu nennen. Obwohl in der Praxis verbunden, lassen sich für die Zwecke der Darstellung die Diskussionen zur Analyse von Gegenwart und unmittelbarer Vergangenheit und die neuen theoretischen Konzepte von den praktischen Zielen und Handlungen unterscheiden.
Die Einheit von sexueller und sozialistischer Revolution
Der Kampf gegen Autoritäten und für die Selbstbefreiung wurde auf mehreren Ebenen geführt. Zur Selbstbestimmung gehörten nicht nur Freiheiten des Lernens und Arbeitens, sondern auch der Sexualität.[56] Die Liberalisierung der Sexualität hat sich als zweischneidig erwiesen. Die Aufhebung der Prüderie in Praxis und öffentlicher Darstellung schlug um in die Pornographisierung des öffentlichen Lebens, vor allem auch in der Werbung, und schuf eine neue Unterdrückung, vor allem für Frauen, deren Persönlichkeitsbild herabgedrückt wurde zum Sexualobjekt für Männer. Das Ziel der Befreiung bestand im Abbau von Schuldgefühlen gegenüber sexuellen Wünschen und genitaler Liebe, in der besseren Integration der Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit. Rainer Langhans hat das spät so formuliert:: „Wir haben mehr vorgehabt, als nur den Sex zu befreien. Das gehörte dazu, doch im Grund genommen ging es um den Menschen als Ganzes. Um ein zärtliches Gefühl füreinander.“[57] Dieses Ziel ist bei vielen und im Bild der Öffentlichkeit von der Sexualität erreicht worden, für alle, denn das Thema Sexualität erstreckte sich auf die gesamte Bevölkerung. Die Ehe verlor an Bedeutung für das Zusammenleben der Geschlechter, der erste Geschlechtsverkehr geschah immer früher.[58]
Dass mit der ökonomischen Vernutzung der liberalisierten Sexualität das Gegenteil der Befreiung der Persönlichkeit eintrat, nämlich ihr Herauslösen aus der personalen Liebe und damit die Desintegration der Persönlichkeit, zeigt, welche Folgen die kapitalistische Ökonomisierung von positiven Merkmalen der Umgestaltung des Menschenbildes haben kann.
Sexuelle Revolution war aber nur eine Analogiebildung zur eigentlichen Revolution, dem Sturz des Kapitalismus. Das Jahr 1967 war ein Jahr der Gärung, auch für die BRD, mit dem Vietnam-Tribunal in Stockholm im Mai, der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni, der Demonstration von 250.000 Amerikaner in Washington vor dem Pentagon gegen den Vietnamkrieg am 21. Oktober, der Erstürmung der Juristischen Fakultät der Universität in Madrid am 27. Oktober durch Studierende und dem anschließenden Demonstrationszug von 20.000; in Prag löst die Polizei am 31. Oktober eine Studentendemonstration auf, mit Gewalt.
Der Begriff der Revolution war in den Medien. Hans Magnus Enzensbergers Kursbuch 9 trug den Titel „Vermutungen über die Revolution. Kontroversen über den Protest“. Der Spiegel fragte 1967: „Ist eine Revolution unvermeidlich?“ 26 Autoren, eine Autorin (Gabriele Wohmann) und 15 ASTA-Vorsitzende nehmen Stellung zu Enzensbergers Behauptung: „Tatsächlich sind wir heute nicht dem Kommunismus konfrontiert, sondern der Revolution. Das politische System in der Bundesrepublik läßt sich nicht mehr reparieren. Wir können ihm zustimmen, oder wir müssen es durch ein neues System ersetzen.“[59]
Die Faschismus-Diskussion
Einer der Ausgangspunkte für die Neubelebung marxistischer Gesellschaftsanalyse war die Faschismusdiskussion. Der überwiegende Teil der Historikerzunft an den Hochschulen und der etablierten Medien hatte sich auf die These geeinigt, der NS-Staat sei das Resultat einer verbrecherischen Clique. Außerdem grassierte die Totalitarismusthese: Deutschland 1933-1945 , Sowjetunion und China nach 1945 sind faschistische Staaten. Gegenthesen wurden nur von ausländischen Historikern publiziert.
Die Faschismus-Diskussion gewann an Aktualität durch das Verhalten der USA in Vietnam. Für immer mehr Selbstdenkende wurde deutlich, das sich die USA mit dem Vietnamkrieg auf dem Weg in einen Staat mit faschistischen Zügen befanden. Diese Einsicht löste eine Debatte aus über die gesellschaftlichen Bedingungen des Übergangs demokratischer Staaten zum Faschismus. Die Analyse werte ich – ganz im Gegensatz zu Wehler – als eine der scharfsichtigsten Debatten, welche die Bundesrepublik je erlebt hat. Unter argumentativer Zurückweisung der bisherigen Theorien über den deutschen, italienischen, spanischen und portugiesischen Faschismus wurde deutlich, dass die faschistische Diktatur als Staatform zum Kapitalismus gehört wie die parlamentarische Demokratie. Faschistische Diktaturen entstehen in Krisen des Kapitalismus, welche die parlamentarische Demokratie nicht in den Griff bekommt, ihre Legitimation beziehen sie aus der vermeintlichen Abwehr des Kommunismus. Damit war die These von der einmaligen Entgleisung Deutschlands widerlegt. Alle westlichen Demokratien sind, so wurde klar, in der Gefahr, unter bestimmten Bedingungen in eine faschistische Diktatur überzugehen.[60]
Seit Mitte der 60er Jahre, als der Kapitalismus in die erste große internationale Krise nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet, bestand in mehreren Ländern die Gefahr eines Rechtsputsches. In Griechenland putschten am 21. April 1967 die Obristen und errichten eine faschistische Militärdiktatur. In Italien bereitete die rechtsradikale Geheimloge Propaganda Due (P2) für den Fall eines kommunistischen Wahlsieges einen Militärputsch vor. Wäre das geschehen, dann hätte es von Portugal über Spanien und Italien bis nach Griechenland einen südeuropäischen Gürtel von faschistischen Staaten gegeben.
Die These von der Faschismusanfälligkeit kapitalistischer Staaten bestätigte sich in Südamerika. Bis in die 70er Jahre gab es faschistische Diktaturen: In Brasilien seit 1964, in Bolivien Militärdiktaturen seit 1964, Hugo Banzer seit 1971, in Paraguay Alfredo Stroessner seit 1958, in Nicaragua die Somozas 1957, Terror in Guatemala seit 1963, die Tupamaros in Uruguay führen 1967 zur Aufhebung der Grundrechte, in Chile Pinochet, Militärdiktaturen in Argentinien seit 1966, seit 1976 Videla.
Alle diese faschistischen Diktaturen wurden von den USA unterstützt. Chile bildet den weltweit sichtbaren Fall der rechtslastigen Politik der USA: Der gewählte Marxist Salvador Allende wurde durch einen vom CIA und US-Firmen finanzierten und initiierten Militärputsch gestürzt, erschossen, am 11. September 1973. Dieses Datum, dieser andere 11. September, markiert die Chancenlosigkeit sozialistischer Reformen in kapitalistischen Staaten. Es war klar, dass es Staaten wie den USA nicht um das Wohl der Bevölkerung in Südamerika ging, sondern um Ausbeutung, um den freien Zugang internationaler US-Firmen zu den Märkten und Ressourcen südamerikanischer Länder. Schon Allendes moderater Versuch einer Korrektur der Eigentumsverhältnisse wurde von den USA mit einer faschistischen Diktatur beantwortet. Der Sturz Allendes war die Betätigung für alle, dass ihr Streben nach einer sozial gerechteren Gesellschaft zur Intervention der USA führen würde – auch in Europa. Wann immer es in Europa durch Wahlen zu einer Situation kommt, welche die Einführung sozialistischer Reformen ermöglicht, würden US-Panzer rollen, nicht anders als russische Panzer in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968.
Sah man sich daraufhin die BRD an, war eine Gemengelage aus fortbestehenden undemokratischen Strukturen unübersehbar, als Erbe des Nationalsozialismus, als Niederlage der Arbeiterschaft um Mitbestimmung in Betrieben 1952, durch Versuche von Teilen der Unternehmerschaft, weitere demokratische Rechte auszuhebeln. Unternehmerische Willkür gegenüber Arbeitern war in Betrieben gang und gäbe, wie krasse Beispiele zeigten, die Günter Wallraff 1967 aufdeckte, der auch nachwies, das einige größere Firmen dazu übergingen, illegal ihren Werkschutz zu bewaffnen.[61] Dazu paßte, dass die Hamburger Werft Blohm & Voss Kriegsschiffe für den faschistischen Staat Portugal baute. Da die Startbahn West am Frankfurter Flughafen zusammenhing mit der Nutzung des Flughafens durch die USA für ihre internationalen Einsätze, brauchte sich niemand zu wundern, dass gegen die Startbahn West gekämpft wurde, dieser Kampf als Kampf gegen den latenten kapitalistischen Faschismus verstanden wurde.
Als bedrohlich wurde auch der Erfolg der NPD durch ihren Einzug in das Landesparlament von Hannover im Juni 1967 empfunden, denn das signalisierte das Erstarken der faschistischen Strömung in der BRD. Als dann die große Koalition aus CDU und SPD seit 1966 versuchte, ein neues Ermächtigungsgesetz zur Aufhebung der Demokratie in der BRD-Verfassung zu verankern, die sog. „Notstandsgesetze“, war das Maß voll; es kam zu massiven öffentlichen Protesten.
Es kann doch nicht geleugnet werden, dass sich bei diesen Demonstrationen Verteidiger der Demokratie zusammenfanden. Wenn sich Wehler schon als Demokrat geriert, dann hätte er die Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze als hochachtbare Verteidigung der Demokratie würdigen müssen.
Als Gefahr für die Demokratie wurde auch die mangelnde rechtliche Verfolgung von NS-Straftätern empfunden. Der Auschwitz-Prozeß 1964, der überhaupt nur durch die Leistung des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zustande kam und in dem die Zeugenaussagen einen sehr großen Teil zumindest der jüngeren BundesbürgerInnen erschütterte, endete – wie schon erwähnt - neben zehn lebenslänglichen Strafen mit einer Reihe von skandalös milden Urteilen, die als Provokation der Opfer und der BRD als Staat empfunden wurden, als nationalsozialistische Parteilichkeit der bundesdeutschen Justiz.[62]
Die systematische Erforschung des Zusammenhangs von Kapitalismus und Faschismus und die Sensibilität für die Tendenzen der westlichen parlamentarischen Demokratien in Richtung faschistischer Strukturen gehört zu den großen Leistungen der bundesdeutschen Protestbewegung.
Die marxistische Geschichtswissenschaft
Eine der ganz großen Leistungen der ’68er Bewegung ist die Wiederentdeckung der marxistischen Gesellschafts- und Geschichtstheorie für die Erklärung der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Geschichte. Im 19. Jahrhundert entstanden und im Kaiserreich durch überzeugende Leistungen wie Werner Sombarts mehrbändiges Werk Der moderne Kapitalismus (1902-1927), durch die Arbeiten Joseph Alois Schumpeters, Karl Lamprechts, Franz Oppenheimers, Jakob Strieders, Max Webers, Ernst Troeltschs geachtet, in der Weimarer Republik weiter entfaltet, zertrümmerte die NSDAP nach 1933 diese Publizistik in Deutschland. Auch nach 1945 konnte sich, wegen des rigiden Antikommunismus und damit Antimarxismus, dieses Denken nur in den kleinen Inseln Marburg und Frankfurt fortsetzen; es mußte in den 60er Jahren fast neu entdeckt werden.
Die Weiterentwicklung des Marxismus, der sog. unorthodoxe Neomarxismus, d.h. ein Marxismus als dialektisch materialistische Auffassung von Gesellschaften und ihrer Geschichte, abseits des Marxismus-Leninismus der Ostblockstaaten, war in der BRD wie in anderen westeuropäischen Ländern auch ein großer Fortschritt in den Geschichtswissenschaften wie in der öffentlichen politischen Publizistik.
Erstmals seit den zwanziger Jahren entstand wieder eine Diskussion über die aktuelle Entwicklung des Kapitalismus, seiner Strukturveränderungen und der Prognose seiner weiteren Entwicklung. Die Dialektik wurde neu entdeckt, der Begriff „Ideologie“ füllte sich mit Inhalten aus der Marx-Engels-Tradition, usw.
Wie schon dargestellt, war eine der großen Leistungen die Diskussion über den Zusammenhang von Kapitalismus und faschistischer Diktatur. Die Aufarbeitung des (deutschen) autoritären Charakters und seine Rolle bei der Judenvernichtung, anknüpfend bei den beiden Studien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, den 1950 im Exil in New York erschienenen Studies in Prejudice, 1968 deutsch unter dem Titel Der autoritäre Charakter, ferner die 1936 im Exil in Paris erschienenen Studien über Autorität und Familie, wurden Meilensteine in der Kritik der jüngeren und jüngsten deutschen Gesellschaftsgeschichte. Die Arbeiten von Herbert Marcuse, der im Exil in Kalifornien geblieben war, führte in die Diskussion das Thema der Verbindung von psychoanalytischer und marxistischer Gesellschaftskritik ein.
Der Kampf der konservativen universitären Soziologie, Psychologie und Geschichtswissenschaften gegen Psychoanalyse und marxistische Kategorien in der Erforschung der Geschichte machten besonders Jüngeren klar, welche Denkhemmungen der rigide Antikommunismus in den BRD-Wissenschaften und –Publizistik aufgebaut hatte und verteidigte.
Dieser Kampf um die Durchsetzung unterdrückter Denkansätze hatte auch praktische Folgen, nicht nur im Kampf um Stellenbesetzungen an Universitäten und Möglichkeiten der Publikation. Denn die Resultate der Analysen zwangen zu oppositionellem Handeln.
Die Psychoanalyse
Ebenso hart war der Kampf um die Durchsetzung der Psychoanalyse als Wissenschaft und Heilmethode. Von den Nationalsozialisten verfolgt, flohen Freud und mit ihm alle deutschen und österreichischen Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker ins Ausland. Besonders in England und in den USA erlebte die Psychoanalyse als Wissenschaft und Therapiemethode einen großen Aufschwung. Nach 1945 mußte in Westdeutschland bei null begonnen werden. Die Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, wurde 1947 gegründet, 1959 das Frankfurter „Sigmund-Freud-Institut“ mit dem Untertitel: „Forschungsinstitut für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“, beide von Alexander Mitscherlich, der 1947 im Auftrag der Alliierten eine Kommission zur Beobachtung des Nürnberger NS-Ärzte-Prozesses leitete. Mit Alfred Lorenzer begann 1968 die psychoanalytische Sozialisatíonstheorie.
Es gelang allerdings nicht, die Psychoanalyse an den bundesdeutschen Universitäten zu etablieren. Sowohl die an den philosophischen Fakultäten angesiedelten Psychologischen Institute wie auch die medizinische Psychiatrie wehrten sich mit allen Mitteln gegen die Besetzung von Professorenstellen mit Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen. Erst in der Studentenrevolte wurde soviel Druck erzeugt, dass ein Wandel eintrat. In Freiburg z. B. wurde 1971 eine Abteilung Psychosomatik neben der etablierten Psychiatrie gegründet. Den Lehrstuhl für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin erhielt 1972 mit Johannes Cremerius ein Psychoanalytiker.
Ebenso umkämpft war die Psychoanalyse in den Gesellschaftswissenschaften. Nur an wenigen Universitäten wurden – wie in Freiburg seit 1970 - Lehrveranstaltungen über psychoanalytische Literaturwissenschaft angeboten. Heute ist das alles wider vorbei. Der Nachfolger von Cremerius ist kein Psychoanalytiker mehr, seit 2005 wird psychoanalytische Literaturinterpretation an der Universität nicht mehr gelehrt.
Mit der Aneignung der Psychoanalyse veränderte sich das Menschenbild. Die Erkenntnisse über Kindersexualität, über die Rolle der Sexualität bei den kindlichen psychischen Entwicklungsstufen und über den Machtkampf zwischen Eltern und Kindern, das familiäre Psychodrama, spielten sowohl in der antiautoritären Erziehung wie auch in der Auseinandersetzung mit der faschistischen Elterngeneration eine große Rolle. Anschaulich machte das der Roman von Bernward Vesper Die Reise, 1977 als Fragment aus dem Nachlaß 1977 erschienen; Vesper, Sohn des faschistischen Schriftstellers Will Vesper und eine Zeit lang mit Gudrun Ensslin liiert, mit der er ein Kind hatte, war 1971 durch Selbsttötung gestorben.
Die aus der nachfreudianischen Psychoanalyse vor allem in den angelsächsischen Ländern hervorgegangenen Schizophrenieforschung krempelte ein weiteres Mal das Menschenbild um.
Die Aneignung von Marxismus und Psychoanalyse in der Studentenrevolte trug bei einem beträchtlichen Teil der akademischen Nachkriegsgeneration die Begründung eines neuen Menschen- und Gesellschaftsbildes.
Die Internationalität der Bewegung
Die marxistische Analyse des kapitalistischen und auch des östlichen Sozialismus-Kommunismus führte zu einer neuen Einschätzung der BRD in der Staatengemeinschaft. Was ging die Deutschen in der BRD der Imperialismus der USA und Englands an? Es wurde allmählich deutlich, dass die BRD, seit dem Ende des Ersten Weltkrieges selbst keine Kolonialmacht mehr und auch sonst ohne große Kolonialtradition, an der ökonomischen Ausbeutung der Dritten Welt über das westliche Großkapital beteiligt war. Es wurde allmählich bewußt, was heute unbestritten ist, dass die internationale Kreditierung von Entwicklungsländern diese unter das Joch des Dollars und der unfairen Weltmarktpreise zwang.[63]
Das war die Fortsetzung des Kolonialismus mit ökonomischen Mitteln, ein ökonomischer Imperialismus zum Nachteil der nicht so hoch industrialisierten Staaten. Wen wundert es, dass sich die Meinung bildete, dieser Imperialismus könne nur durch eine Revolution beseitigt werden? Wen wundert es, dass aus der Wut über das weltweite soziale Unrecht sich viele mit den deklassierten Staaten und Klassen solidarisierten und sich David-Gestalten wie Che Guevara, Fidel Castro oder Ho Chi Minh verbunden fühlten, die dem ökonomischen Imperialismus trotzten?
Mittelbar beteiligt war die BRD auch am Vietnamkrieg, als Verbündeter der USA und mit der Drehscheibe des Militärflughafens Frankfurt. Unternehmer, CDU, FDP und Katholische Kirche befürworteten den Vietnamkrieg mit der als heuchlerisch empfundenen Argumentation, in Vietnam verteidigten die USA die Freiheit der westlichen, sprich kapitalistischen Welt. Günter Wallraff deckte auf, dass deutsche katholische Funktionäre, „Würdenträger“, den Einsatz von Napalm in Vietnam vertretbar fanden.[64] Der Internationale -Kongress am 17. Februar 1968 in Berlin, in der Straße des 17. Juni 135, mit der anschließenden Demonstration war der Beginn einer Vielzahl von Demonstrationen in Deutschland gegen den Vietnamkrieg bis zum Rückzug der USA aus Vietnam.
Die Vietnam-Bewegung ging von London aus. Am 16. November 1966 referiert Bertrand Russel (1872-1970) auf der Pressekonferenz in der Londoner Caxton-Hall über amerikanische Verbrechen während des Vietnamkrieges. Der greise Russel wird zum Ehrenpräsidenten des Vietnam-Tribunals gewählt, das im Mai 1967 in Stockholm und im November 1967 in Roskilde tagt. Dem Tribunal gehören an: Jean Paul Sartre als Ankläger, Günther Anders, Stokeley Carmichael, Wolfgang Abendroth und Peter Weiss – also gleich drei Deutsche. Bei diesem Tribunal werden die USA wegen des Vietnam-Krieges der Aggression und des Völkermords schuldig gesprochen.[65]
Mit dem radikalen Wandel des Bildes der Weltmacht USA war für die Kritiker fast zwangsläufig verbunden eine Kritik des Kapitalismus als Imperialismus, und das betraf auch die BRD und ihre immer mächtiger werdenden internationalen Konzerne. Wer also die Ursache für die neu entstehende Diskussion um antikapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme und Forderungen nach Sozialismus und Kommunismus sucht, findet die Antwort im Imperialismus der USA und ihrer Verbündeten. Die Entstehung dieser Bewegung gegen den imperialen Kapitalismus zeigt, dass ein hoch achtbarer Humanismus Antriebskraft und Ziel des Handelns war.
Die Protestbewegung war von Anfang an international im dreifachen Sinn. Es war eine Bewegung in fast allen Industriestaaten des Westens (und auch, mit nur z.T. anderen Themen und anderen Zielen, im Ostblock).[66] Sie war international dadurch, dass es rasch, schon Anfang der 60er Jahre, zu Solidarisierungen mit Protestierenden in anderen Ländern kam, sich früh eine Kommunikation mit Protestgruppen anderer Länder, vor allem in Italien und in Frankreich, herstellte. Und sie war international, weil sie das globale Herrschaftssystem Kapitalismus in allen Ländern erfaßte und Aufstände und Rechtsputsche im Zusammenhang der Interessen der führenden kapitalistischen Länder USA und England sahen.
Für einen Historiker wie Wehler mit seinem Anspruch einer Gesellschaftsgeschichte kann daher die Entwicklung der Protestbewegung in der BRD nicht abgelöst dargestellt werden von der brutalen Entwicklung des Kapitalismus in der Dritten Welt, an der auch die BRD ökonomisch beteiligt war und ist.
Die Dritte Welt-Bewegung
Eine tragende Säule der Protestbewegung wurde Mitte der 60er Jahre der Kampf gegen den Imperialismus in der Form der Solidarisierung mit unterdrückten Staaten und den darin unterdrückten Klassen, meist ehemaligen Kolonien. Das Engagement für Gesellschaften der sog. Dritten Welt hat mehrere Motive.
„Dritte Welt“ verband sich mit der Vorstellung der Blockfreiheit von Staaten. Sich hier zu engagieren bedeutete die Ablehnung des Blocks West wie des Blocks Ost, die Ablehnung der Nato wie der Warschauer Paktstaaten.
„Dritte Welt“ schien die Möglichkeit zu eröffnen, einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus West und Sozialismus/Kommunismus Ost zu gehen, setzte Phantasien frei von einer Gesellschaft jenseits von kapitalistischer Marktwirtschaft und sozialistischer Planwirtschaft.
„Dritte Welt“ war assoziiert mit „Drittem Stand“, Tiers Etat in der Französischen Revolution, woher der Begriff auch stammt, also mit sozialem Engagement für das Proletariat, für die Armen und Unterdrückten. „Dritte Welt“ meinte neben Bourgeoisie West und Parteibonzentum Ost das Weltproletariat der Staaten, meist ehemalige Kolonien. Es galt, den USA und der Sowjetunion selbständige Volkswirtschaften auf der Basis weitgehender Selbstversorgung und einem fairen, solidarischen internationalen Handel abzutrotzen.
„Dritte Welt“ stand daher auch für eine Revolution des Kapitalismus West und des Sozialismus Ost.[67]
Kein Wunder, dass viele sich hier engagierten, z.T. auch mit dem Bewußtsein, Schuld der westlichen, ökonomischen Ausbeutung anzuerkennen und abzutragen. Dieses Engagement unterstützte Befreiungsbewegungen, ihren Kampf gegen den Postkolonialismus. Die erfolgreiche kubanische Revolution 1958 wurde zur Hoffnung auf einen Weltsieg gegen den kapitalistischen Imperialismus.
Formen der Organisation
Dass es den allermeisten Protestierenden nicht um eine Revolution im Sinne eines Umsturzes ging, zeigen die Organisationsformen. Demonstrationen entwickelten sich aus konkreten Anlässen, die DemonstrantInnen waren nicht organisiert.
Die Medienlandschaft in der Bundesrepublik war der Spiegel der Parteienlandschaft. Die „staatstragenden“ Regierungsparteien CDU und FDP praktizierten einen rigiden Antikommunismus, der dem der McCarthy-Ära in den USA stark ähnelte, sichtbar etwa bei der Einstellung von Beamten. Die SPD hatte sich 1959 von jeglicher Form von sozialistischem Wirtschaftsmodell verabschiedet und ihre akademische Jugendorganisation, den „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS), die diesen Ruck in die kapitalistische Konformität nicht mitmachen wollte, 1960 kurzerhand aus der Partei katapultiert.
Links von der SPD gab es fast keine Parteiorganisationen. Der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) hatte man sich per Beschluß des Verfassungsgerichts schon frühzeitig – 1956 - entledigt. Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) wurde wegen ihrer Abhängigkeit von der SED nicht ernst genommen; Ansätze boten lediglich seit 1960 die pazifistische Deutsche Friedensunion (DFU) und der von Wolfgang Abendroth nach seinem Ausscheiden aus der SPD 1960 gegründete Sozialistische Bund. Einzig der SDS spielte die Rolle einer institutionalisierten Organisation, obwohl der SDS nur ein Studentenbund war.
Es gab also keine Partei oder Organisation, die zum Sammelbecken und Zentrum einer neuen linken Bewegung hätte dienen können. Die „Kampagne für Demokratie und Abrüstung“ entstand 1960 gegen die Atombomben. Es gab „Republikanische Clubs“, die z.T., wie in Berlin, auch von der DDR gesponsert wurden. Das „Kuratorium Notstand der Demokratie“ entstand 1966 zur Abwehr der Notstandsgesetze, 1969 wurde das „Sozialistische Büro“ in Offenbach gegründet, das bis 1997 bestand und die Zeitschrift links herausgab; das SB war ebenfalls keine Partei.
Es gab während der 60er Jahre fast keine festen Organisationsstrukturen, und auch in der Protestbewegung selbst wurden feste Strukturen bewußt nicht geschaffen. Die APO war eine Bezeichnung für die verschiedenen Strömungen des Protestes gegen die Politik der großen Koalition aus CDU und SPD seit 1966 und die von dieser Regierung, die die Zweidrittelmehrheit im Bundestag hatte und damit Verfassungsänderungen wie die Notstandsgesetze beschließen konnten. Die APO forderte eine Demokratisierung der Universitäten, sie kritisierte die gesellschaftliche Verdrängung der Verbrechen des Nationalsozialismus durch die Elterngeneration, und sie beteiligte sich am weltweiten Protest gegen den Vietnamkrieg. Demonstrationen und eine neue politische Publizistik zeigten die öffentliche Präsenz, aber sie war keine Organisation, ein Beweis für die Spontaneität, den Charakter konkreter Ziele und das jeweils konkrete Anliegen.
Das läßt sich auch an den sich entwickelnden Formen von Öffentlichkeit zeigen. Die Riten des Lächerlichmachens von Autoritäten wie Professoren („Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“) und Richtern (Fritz Teufels Aufstehen im Berliner Gerichtssaal mit der Bemerkung: „wenn es denn der Wahrheit dient“), das Sich-nicht-mehr-gefallen-lassen von Bevormundung und angemaßter Herrschaft – das ist, wie immer auch die konkreten Ziele der Umgestaltung des Staates nicht durchgesetzt werden konnten, eine bleibende Leistung der ’68er Bewegung.
Neue Formen öffentlichen Theaters, auf Straßen Plätzen, in anderen Räumen als denen des etablierten Theaters, zeigten die Spontaneität und das Unorganisierte der Protestbewegung und stellten eine neu Form von Öffentlichkeit her. Theater wurde neu entdeckt als Ort und als Mittel, Gesellschaft und Staat zu provozieren. Aktionen wie Marktstände mit Musik, Szenen, politischen Parolen und politischen Diskussionen, Unterschriftenaktionen gegen Mißpolitik schossen wie Pilze aus dem Boden. Es gab schon 1966 eine Aufbruchstimmung zu neuer Solidarität unter Kritikerinnen und Kritikern der bestehenden Gesellschaft, die heute kaum noch nachvollziehbar ist, die aber viele, wenn auch viel zu wenige, in ihren Bann zog, Proteste an allen Ecken und Enden förderte und so einen Wandel des öffentlichen Klimas vermittelte.
Die Ursachen lagen in den politischen Verhältnissen und in den Zielen der Protestbewegung. Trotz der vielen Proteste und Demonstrationen mit z.T. hohen TeilnehmerInnenzahlen gab es keine Massenbewegung für eine Demokratisierung, schon gar nicht eine Massenbewegung für eine sozialistische Gesellschaft. Es gab schlicht zu wenig Menschen, die hätten organisiert werden müssen, sollen oder können. Vor allem aber verhinderte die Aversion gegen alle Formen von Organisation, eine Konsequenz der faschistischen Vergangenheit und der Ablehnung hierarchischer Strukturen, eine schnelle feste Organisationsform.
Zudem war die ’68er Bewegung bei wenigen Grundgemeinsamkeiten im Kampf gegen autoritäre Strukturen eine sehr heterogene Bewegung. Gemeinsamkeiten stellten sich her bei konkreten Anlässen, etwa gegen Wiederbewaffnung, gegen Notstandsgesetze, gegen das Wiederstarken des Faschismus, gegen die staatliche Unterstützung von faschistischen Regimes, gegen den Vietnamkrieg, gegen den US-Imperialismus überhaupt, gegen staatliche Repression von Gesellschaftskritik, für Mitbestimmung der Arbeitenden in den Betrieben.
Die größte Gemeinsamkeit war der Versuch, neue Solidarität zu praktizieren, gegen den Egoismus und die Konkurrenz der kapitalistischen Gesellschaft. Solidarisierung war ein immer wiederkehrendes Schlagwort bei den Demonstrationen. Die Demonstrationen haben ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit in einer auf Vereinzelung und Disparität ausgerichteten Gesellschaft geschaffen. Der gemeinsame Kampf war ein solidarischer Kampf für eine solidarisch lebende und handelnde Gesellschaft, nicht nur im nationalen Rahmen, sondern international. Besonders die Solidarisierung mit den vom Kolonialismus und den mächtigen Industriestaaten ausgebeuteten armen Ländern, aber auch mit den Schwarzen im Apartheidstaat Südafrika, mit den Schwarzen in den USA, war eine wirksame Klammer der Protestierenden und hat das Klima in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit nachhaltig verändert.
Alles andere war kontrovers, schon bei der Frage der Art des Protestes und den Formen der Organisation schieden sich die Geister, das Überwiegen von Aversionen gegen alle festen Formen wegen deren zwangsläufiger Hierarchisierung änderte sich seit 1969. Die Meinungen waren gespalten, sie reichten von straffer Organisation bis zur anarchischer Spontaneität. Ziele wie der Sturz des kapitalistischen Systems und die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft waren Utopien, die unter den gegebenen Umständen nicht die geringste Chance einer Realisierung hatten.
Von daher erklären sich die vielen Versuche linker Gründungen von Parteien, die meist als kleine, oft studentische, Organisationen ihren Ausgangspunkt nahmen, z.B. „Gruppe internationaler Marxisten“ (GIM), „Marxistisch-Reichistische Initiative“ (MRI), usw.. Nach dem Stand sozialistischer Ideen und Systeme begriffen sich Gruppen als Marxisten-Leninisten, Trotzkisten, Maoisten, Anhänger der Roten Khmer oder Anarchisten oder auch als Anhänger des Ostblock-Kommunismus, es entstanden straffe Parteiorganisationen, die im Mißverhältnis zur Zahl der AnhängerInnen standen: KPD/AO (Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation; KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands), PLPI (Proletarische Linke. Parteiinitiative); etwas größer war die DKP (Deutsche Kommunistische Partei). Man hat diese Gruppen als Zerfallsprodukte des SDS bezeichnet. Das ist zu kurz. Die Zersplitterung eines Teils der Linken in diesen Gruppen ist die Konsequenz aus dem Willen zur Veränderung in einer historischen Situation, in der die große Mehrheit der Bevölkerung keine Veränderung will. Im besseren Fall hatten die Gruppen die Funktion, in Diskussionen die Analyse der Gesellschaft voranzutreiben.
Bürgerinitiativen
Die wirksamste Organisationsform war die Bürgerinitiative in der Nachfolge der Außerparlamentarischen Opposition (APO).[68] Bürgerinitiativen haben eine Reihe von spektakulären Naturbedrohungen und -zerstörungen im Dienste des Profits verhindert. Dass am Oberrhein kein neues Großindustriegebiet entstand, ist nur Bürgerinitiativen zu verdanken. Am Maßstab der Entwicklung der bundesrepublikanischen Demokratie und der in ihr lebenden Menschen ist die Bürgerbewegung, die Studentenbewegung, die APO das beste gewesen, was der jungen deutschen Demokratie passiert ist. Es war eine Bewegung, welche die unselige deutsche Geschichte der Untertanenmentalität, des autoritären Charakters, stoppte und durchbrach.
Auch vom Standpunkt der bürgerlichen parlamentarischen Demokratie ist die Ausmerzung einer systemkritischen Linken für die demokratische Weiterentwicklung schädlich. Eine überragende Leistung der Protestbewegung seit Mitte der 60er Jahre bestand in der Wiedererrichtung einer öffentlich präsenten Linken.
Sturz des Kapitalismus und die Theorie der Revolution
Wer den Kapitalismus bekämpfen will, braucht eine Idee von einer besseren Ökonomie und Gesellschaft. Die eine Perspektive besteht in einer Verbesserung des Systems, ohne deren Grundlagen anzutasten, die andere in einem neuen System. Von der Geschichte der Gesellschaftstheorien und der Weltgeschichte der letzten vierhundert Jahre her war es logisch, dass die favorisierte Gesellschaftsutopie in einer neu zu entwerfenden Form von Sozialismus oder Kommunismus bestand. Der SDS als Jugendorganisation der SPD hielt an der ursprünglich und viele Jahrzehnte von der SPD propagierten Idee einer sozialistischen Gesellschaftsverfassung fest. Während die SPD ihre Zielvorstellung Sozialismus als antikapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem im November 1959 mit dem Godesberger Programm, dem „Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, das genau dreißig Jahre verbindlich blieb, aufgab und an die Stelle einen Reformkapitalismus setzte, macht der SDS diese Kehrtwende nicht mit und wurde deshalb aus der SPD hinausgeworfen.
Die Kernfrage lautete für viele daher nicht, ob das Ziel der Sozialismus sei, sondern wie dieser neue Sozialismus aussehen könnte und sollte. Die etablierten sozialistischen Staaten unter der Oberherrschaft der Sowjetunion boten für die meisten der Protestierenden keine positive Perspektive; sie waren eher ein abschreckendes Beispiel. Wer wie Rudi Dutschke aus der DDR kam und das System am eigenen Leib erlebt hatte, war gegen den Ostblocksozialismus. Vorstellbar war nur ein demokratischer Sozialismus, worunter wirkliche Mitwirkungsrechte der Arbeitenden gemeint waren.
Das viele verbindende Ziel der Überwindung des Kapitalismus als System der Weltherrschaft mündete nicht ein in einheitliche Vorstellungen von sozialistischer Gesellschaftsform. Hinzu kamen Divergenzen über den Weg zum Antikapitalismus, vom revolutionären Umsturz bis zur gewaltlosen Überwindung in einer anderen Praxis von Produzieren und Leben. Ungeklärt war auch die Machtverteilung in einer klassenlosen Gesellschaft und die Verteilung der Rollen zwischen den Geschlechtern. Da in allen westlichen Industrieländern das Proletariat seinen Frieden mit dem Kapitalismus gemacht hatte, war auch die Frage, wer denn eigentlich den Sturz des Kapitalismus leisten solle. In heftigen Diskussion wurde um Vorstellungen und deren mögliche Praxis gerungen.
Verständlich, dass über den revolutionären Sturz nachgedacht, gesprochen und geschrieben wurde. Ganz unrealistisch war das nicht, wie der Mai 1968 in Frankreich zeigte, der De Gaulles fünfte Republik an den Rand ihres Untergangs brachte. Zugleich war eine Revolution für die BRD extrem unrealistisch, da große Teile der Bevölkerung und vor allem auch der Arbeiterschaft mit der linken Studentenbewegung nichts am Hut hatten, aggressiv darauf reagierten, vielfach mit Naziparolen wie „Rübe ab“ und „Vergasen“. Der Dutschke-Attentäter Bachmann hatte einen Zeitungsausriß aus der Deutschen Nationalzeitung vom 22. März bei sich mit der Schlagzeile: Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg".
Die Folge dieser Situation war eine Vielzahl von Ansätzen zu sozialistischen Gesellschaftsmodellen, zur möglichen Revolution und zur revolutionärer Praxis, zur Strategie der Mobilisierung, zu Formen der Aktion und Organisation. Die Vorstellungen des SDS und des Spartakus, Einzelner wie Rudi Dutschke, Hans-Jürgen Krahl oder Bernd Rabehl klaffen weit auseinander, angesichts einer mangelnden vorrevolutionären Situation begreiflich.
Die wichtigsten Bewegungen mit unterschiedlicher Resonanz und Dauer sind: Die Hippie-Bewegung als Verweigerung bürgerlicher Lebensformen, die Alternativbewegung mit Versuchen der Praxis von neuen Formen kollektiven Arbeitens und Lebens, die Naturschutz-Bewegung, aus der die Partei „Die Grünen“ hervorging, die sich dauerhaft etablieren konnte, die Bewegung für eine ökologische Landwirtschaft, die Anti-Atomkraft-Bewegung, die Friedensbewegung, Die Dritte-Welt-Bewegung, der neue Feminismus.
Die Gewalt
Am Anfang stehen Erfahrungen von Zwängen, die als einengend, ungerecht und unlebbar empfunden werden. Über demokratische Formen der Diskussion hier Änderungen zu schaffen, erwies sich als erfolglos. Aus Gesprächen mit den Machthabern der angegriffenen Positionen folgten keine Änderungen. Verbale Proteste wurden ignoriert. Öffentliche Demonstrationen wurden von Behörden und Justiz verboten, von der Polizei behindert. Aus geringstem nichtigen Anlaß griffen Polizisten bei Demonstrationen zum Knüppel und setzten Wasserwerfer ein. Diese Gewalt löste neue Proteste aus.
Als Gewalt wurden von Jüngeren nicht nur die dargestellten Unfreiheiten im persönlichen Lebensstil angesehen, sondern auch die zunehmend krassen Unterschiede in der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Preiserhöhungen waren schon Anfang der fünfziger Jahre Anlaß zu Massenprotesten, da noch gewerkschaftlich organisiert. Da es ab 1953 eine kämpfende Lohnarbeitsklasse nicht mehr gab, mußten sich die Jüngeren selbst wehren. Das erklärt, warum die Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen von Schülern und Studenten getragen wurden. Mit der harten Haltung der Stadtverwaltungen erklärt sich, dass diese Proteste zu Sitzblockaden auf Straßenbahnschienen führten. Dieses Lahmlegen des Straßenbahnverkehrs war in den Augen des etablierten Systems Anwendung von Gewalt, eine Nötigung, die mit der polizeilichen Gewalt der Knüppel und der Wasserwerfer beantwortet wurde.
Erst durch Blockade und Polizeiknüppel wurde die Öffentlichkeit auf den Konflikt aufmerksam, eine Grundbedingung dafür, dass überhaupt die Chance bestand, in bürgerlichen Medien wahrgenommen zu werden und Anlaß für demokratische Gremien wie Stadtparlament, Land- und Bundestag, sich mit den Konflikten überhaupt zu befassen.
Es ging also schon bei dem Öffentlich-Machen von Forderungen nicht ohne Verletzungen von Regeln des Zusammenlebens ab. Verbote von Demonstrationen wurden unterlaufen durch „Spaziergänge“ und „spontanes“ Straßentheater, die dann Orte wie Kaufhäuser verstopften und durcheinander brachten. Auf die Forderung nach Mitsprache von Studierenden und Mittelbau in den Universitäten, nach Mitsprache von Schülerinnen und Schülern in den Schulen mußte durch Protestformen aufmerksam gemacht werden, durch Verletzungen der etablierten Umgangsformen. SchülerInnen verlangten Diskussionen im Unterricht über ihre Forderungen, erschienen nicht zum Unterricht und demonstrierten in der Innenstadt, Studenten inszenierten „Sit-ins“, „Teach-ins“ und Go-ins“, d.h. besetzten Seminarbibliotheken, Räume tagender Gremien wie Senat oder Fakultätsversammlung, sprengten Vorlesungen, funktionierten Seminare um. Diese an sich harmlose, weil passive „Gewalt“ wurde in der Regel beantwortet mit Strafsanktionen: Eintragung ins Klassenbuch und Zeugnis, Beschwerde bei den Eltern, (vorübergehende) Relegation; in der Universität Abdrehen von Mikrofonen, Räumung von Hörsälen und Tagungsräumen durch Polizei.
Diese Erfahrungen lehrten, dass in der Realität der Bundesrepublik die Verfassung pervertiert ist: Es geht nicht alle Gewalt vom Volke aus, sondern von der reichen Minderheit der Etablierten und deren Polizei.
Als zweites Feld der Gewalt wurde der Umgang der führenden Industrienationen mit den weniger reichen Staaten und vor allem mit den ehemaligen Kolonien angesehen. Die ökonomische Ausbeutung der Rohstoffe, die Chancenlosigkeit der emporkommenden armen Nationen und die Benachteiligung der Schwellenländer auf dem Weltmarkt führten zu einem Bewußtsein, daß ökonomischer Druck eine Form der Gewalt ist – Gewalt, gegen die man sich auch in den Industrieländern wehren muß. Die Dritte-Welt-Bewegung ist die Antwort auf die ökonomische Gewalt.
Ein weiteres Feld war die Gewalt von Weißen gegen Schwarze, in den USA, in Südafrika. Die Free Speech-Bewegung 1964 in Berkeley in Kalifornien gegen die Diskriminierung von Schwarzen in den USA gilt als der Beginn der internationalen Protestbewegungen der 60er Jahre.[69]
Der Häuserkampf
Zurück zum inneren Zustand der BRD. Es kam mehreres zusammen, um gegen die etablierten Zustände anzugehen und sich für einen Wandel zu engagieren. Unmittelbar erlebt wurde ein als willkürlich und ausbeuterisch empfundener Umgang mit Eigentum. Die als strukturelle Gewalt bezeichnete Verschlechterung von Lebensverhältnissen durch Preistreibereien wurde am Abriß alter, aber noch gut erhaltener Häuser deutlich. Jugendliche wehrten sich gegen die schrankenlose Nutzung von allem und jedem im Dienste des Profits. Die Städte veränderten ihr Gesicht. In mehreren Städten wurden alte Häuser umgebaut oder abgerissen, um Neubauten zu errichten. Damit ging preiswerter Wohnraum verloren, denn nach Um- oder Neubau waren die Mieten für die bisherigen Bewohner nicht mehr bezahlbar. Jugendzentren erhielten Räumlichkeiten von der Stadt oder Gemeinde nur schwer oder gar nicht oder wurden bald geräumt. Für alternative Lebensformen gab es nur schwer Wohnungen und Häuser. Mit diesem System Abriß und Luxussanierung wurde die in der Verfassung verankerte Sozialpflichtigkeit des Eigentums verletzt, mit Hilfe von Gerichten, die stets für die Hauseigentümer „Recht“ sprachen. Die Folge war die Besetzung leerstehender, für den Abriß vorgesehener Häuser, die dann mit einem oft martialischen Polizeiaufgebot geräumt wurden. Die Auslegung, wer hier Gewalt ausübte, war an die Interessen gebunden. Für Hausbesitzer und das sie stützende Rechts- und Polizeisystem war die Besetzung Hausfriedensbruch, eben Gewalt. Für Hausbesetzer war der Umgang mit dem Haus Gewalt gegen Sachen, auch gegen potentielle Mieter, deren Chancen auf bezahlbaren Wohnraum schwanden. Gewalt war dann auch die oft martialische polizeiliche Räumung der Häuser.
In dem auch in Freiburg massiven Kampf gegen Häuserabriß wurde die Allianz von Besitz, Regierung, Polizei und bürgerlicher Presse in die Demonstrierenden eingeknüppelt. Das Polizeiheerlager vom Juni 1980 am Dreisameck in der mit Natostacheldraht abgesperrten Kaiser-Joseph- und der rechten Dreisamuferstraße wie in einem schweren Bürgerkrieg, eine Demonstration brutaler Gewalt, machte sinnlich erfahrbar, was staatliche Gewalt im Dienste asozialen Umgangs mit Wohnungseigentum ist.
Die Demonstrationen seit 1967
Erlittene Gewalt führt keineswegs sofort zur Gegengewalt. Es muß eine Schwelle des Unrechts überschritten werden, um Aktionen auszulösen. Diese Schwelle wurde in der BRD erreicht und überschritten durch die Erschießung Benno Ohnesorgs ohne Sanktionen für den schießenden Polizisten und durch die Hetze der Springerpresse gegen revoltierende Studenten und Studentinnen, die zum Attentat auf Rudi Dutschke führte.
Bei den Berliner Ereignissen am 2. Juni 1967 gab es zwei Akte: Daß Jubelperser DemonstrantInnen verprügeln konnten, weil die dabeistehende Polizei das zuließ, war ein Akt staatlicher Gewalt durch Preisgabe des Gewaltmonopols. Daß ein fliehender Demonstrant von einem Polizisten von hinten in den Kopf geschossen wurde, war eine durch nichts gerechtfertigte staatliche Gewalt, war Mord. Mit dem Versuch, die Tat linken Demonstranten in die Schuhe zu schieben und mit den Freisprüchen für den Schützen, den Polizeiobermeister Kurras, kippte in den Augen der Demonstrierenden die Situation. Zum zweitenmal in der kurzen Geschichte der Bundesrepublik – aber das wußten nur ganz wenige der Demonstrierenden – wurde ein Demonstrant von einer Polizeikugel von hinten tödlich getroffen, und wieder wurde der Schütze nicht belangt. Der Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland verwandelte sich in einen Unrechtsstaat.
Gegengewalt gab es dennoch erst fast ein Jahr später beim Attentat auf Rudi Dutschke. Diese zu Recht auch der Springer-Presse und ihrer Hetze zur Last gelegte Tat löste Blockaden vor Springer-Druckereien aus, bei denen Fensterscheiben eingeworfen und Auslieferungsfahrzeuge in Brand gesteckt wurden, mit Brandsätzen, die, wie sich später herausstellte, der Sympathisant der Kommune I, Peter Urbach, ein Spitzel im Auftrag des Berliner Innensenators Kurt Neubauer und des Westberliner Verfassungsschutzes, beschafft hatte. Bei den Demonstrationen in München kommen am Ostermontag der Fotograf Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck ums Leben, offenbar durch Steinwürfe von Protestierenden, letztlich unter nie ganz geklärten Umständen, aber kein Polizist. Die Gewalt gegen die Auslieferungsfahrzeuge war eine symbolische und zugleich konkrete Antwort auf die Gewalt, die Springer-Blätter mit ihrer Hetze gegen die protestierenden Studentinnen und konkret gegen Rudi Dutschke praktiziert hatten.
Die Eskalation ging, so die Erfahrung der Protestierenden, von den Etablierten aus, die sich des Polizeiapparats nach Belieben bedienen konnten. Da es kaum Erfolge gab, war eine Eskalation die logische Folge. Die RAF hat angefangen mit Gewalt gegen Sachen auf dem Hintergrund der Meinung, dass die BRD ein strukturell faschistischer Staat sei, gegen den man mit den bekannten Protestaktionen nichts ausrichten könne und der faschistsiche Charakter des Staates durch Terror aufgedeckt werden müsse.
Dass einige ursprünglich demokratische Linke auf die Idee kamen, die BRD durch Terror politisch verändern zu wollen, hat der Bewegung natürlich erheblich geschadet. Denn es konnte gegen eine böswillige Presse und elektronische Medienöffentlichkeit nicht ausreichend vermittelt werden, dass die Bewegung insgesamt mit der inhumanen und politisch abstrusen Theorie und Praxis der sog. „Roten Armee Fraktion“ nichts gemein hatte. Dafür war das Klima viel zu aufgeheizt. Den Rechten lieferte – und liefert bis heute – die RAF einen bequemen Vorwand, die Bürgerprotestbewegung insgesamt zu verteufeln, wie an Wehlers fünftem Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte zu sehen ist. Die RAF hat nicht einmal ihr erstes Ziel erreicht, den faschistoiden Charakter des Systems der BRD zu beweisen. Zwar plädierten manche für offenen Rechtsbruch – so schlug etwa der hoch achtbare Antifaschist Golo Mann vor, RAF-Gefangene als Geiseln zu nehmen, und bei der Veröffentlichung des „Mescalero“-Artikels, der sich aus Anlaß der Ermordung des Staatsanwalts Buback gegen Mord aussprach, wurde der Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Brückner vom Dienst suspendiert. Zwar wurde Brückner Jahre später rehabilitiert, aber so spät, dass er auf seinen Lehrstuhl nicht mehr zurückkehrte. Aber dennoch: insgesamt veränderte sich die BRD nicht in einen faschistischen Staat.
Naturschutz und Anti-Atomkraftbewegung
Aus ähnlichen Motiven entstand der Kampf für den Schutz der Natur, gegen die schrankenlose Ausbeutung der Bodenschätze, gegen Atomkraftwerke als Stromlieferanten. Antriebe für diesen Kampf lagen auch in der Brutalisierung der Lebensverhältnisse, die Kapital und Staat erzwangen. Die Folge war eine Alternativbewegung, die neue Lebensformen ausprobierte, gegen den Konsumzwang und dessen Korrelat, das Joch der Arbeit in einer schlecht bezahlten Tätigkeit. Es entstand die Ökologiebewegung zum Schutz von Natur und Nahrungsmitteln. Der Kampf gegen Atomkraftwerke war ein Kampf gegen die Gefahr die ungeheuren Gefahren, aber auch der Kampf gegen den zu befürchtenden Atomstaat, der schon zur Sicherung der Atommeiler faschistische Zwangsmethoden anwenden müsse. Die Notprogramme für einen schweren Störfall zeigten, dass es keineswegs abwegig war zu befürchten, dass die Polizei ganze Gebiete absperren und die dort Eingeschlossenen ihrem Schicksal überlassen würde.
Kinderläden, Schulversuche, Universität
Angesichts einer familiären und schulischen Erziehung zum gehorchenden Untertan war es konsequent, eine antiautoritäre Erziehung zu fordern und zu praktizieren. Nur so sind die antiautoritären Kinderläden zu verstehen, und obwohl sie bis heute angefeindet sind, hat sich ihr Ansatz als richtig erwiesen: Erziehung zu selbständig urteilenden und handelnden Menschen, die fähig sind, das System, in dem sie leben, in seinen negativen Seiten zu durchschauen und sich dagegen zu wehren.[70]
Die Kritik an den autoritären Strukturen der Schulen und Universitäten hat zu einem großen Aufschwung in der Diskussion über Bildung, Pädagogik, Unterricht und Lehrinhalte geführt.
Als im März der Pädagoge Georg Picht mit seiner These vom „Bildungsnotstand“ in der BRD Aufsehen erregt, beginnen StudentInnen massiver, die Demokratisierung der Hochschulen zu fordern. Die Forderung nach Drittelparität – in den Beschlußgremien ein Drittel ProfessorInnen, ein Drittel Mittelbau, ein Drittel StudentInnen – wird in der Öffentlichkeit diskutiert.
Versuchsschulen wie die Glocksee-Schule in Hannover (1972 gegründet, bis heute bestehend) oder die Laborschule in Bielefeld´(1974 als Versuchsschule gegründet, bis heute bestehend), die Hessischen Rahmenrichtlinien für das Fasch Gesellschaftslehre an Hessischen Schulen, die 1972 diskutiert und 1973 beschlossen wurden, der Kampf gegen die das dreigliedrige Schulsystem und dessen soziale Selektierung, der Kampf um eine andere Form von Hochschulunterricht (gegen Vorlesung und Frontalunterricht, für Gruppenarbeit und selbstbestimmte Themen des Forschens in der Ausbildung) und die Umgestaltung der Selbstverwaltung der Universitäten zu demokratischeren Institutionen sind Folgen des Versuchs, autoritäre Strukturen aufzubrechen und durch demokratischere zu ersetzen. Der Kampf um Gegenmodelle war heftig, weil bis heute starke gesellschaftliche Kräfte gegen Selbstbestimmung, Selbstgestaltung und Mitentscheidung arbeiteten und arbeiten. An den Hochschulen sind mit Anbruch des neuen Jahrtausends fast alle demokratischen Strukturen wieder beseitigt, Universitäten haben nur noch eine rudimentäre Selbstverwaltung mit stark eingeschränkter Entscheidungsmöglichkeit; sie werden heute wie Wirtschaftsunternehmen geführt und verwaltet.
Frauenbewegung
Last not least ist die neue Frauenbewegung, die in den 70er Jahren den Anschluß an die internationale Frauenbewegung gewann, eine der großen Leistungen der 68er Bewegung, selbst wenn man bedenkt, dass sie in der BRD auch gegen das Mackertum der neuen linken Genossen gerichtet war. Die oben skizzierten Freiheiten von Frauen sind in harten Kämpfen erreicht worden. Dieser Kampf dauert an. Die Frauenbewegung hat zu einem, wenn auch immer noch nicht befriedigenden, neuen Bild des Verhältnisses der Geschlechter geführt. Auch die Frauenbewegung hat in ihrem Kampf um die Gleichberechtigung keine feste, übergreifende Organisationsstruktur geschaffen.
Literaturverzeichnis 68er
Quellensammlungen und Lexika
Archiv für soziale Bewegungen (2003), Hg., gleich wird’s grün. Freiburger Fahrpreiskämpfe 1968, CD-Rom mit Begleitheft, Freiburg 2003.
Bögeholz, Hartwig (1995), Die Deutschen nach dem Krieg. Eine Chronik. Befreit, geteilt, vereint: Deutschland 1945-1995, Reinbek, Rowohlt, 1995
Bräunig, Werner, u.a. Hg., Vietnam in dieser Stunde, Halle, Mitteldeutscher Verlag, 1968
Ebbinghaus, Angelika, Hg., Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte, Wien, Promedia, 2008
Heidenreich, Gert, Die ungeliebten Dichter. Die Ratten- und Schmeißfliegen-Affäre. Eine Dokumentation, Frankfurt a.M., Eichborn, 1981
Kraushaar, Wolfgang, Die Protest-Chronik 1949-1959, 4 Bde., Hamburg 1996
Protest! Literatur um 1968, Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs, Marbach 1998
Russel, Bertrand, u. a, Das Vietnam-Tribunal oder Amerika vor Gericht, Reinbek, Rowohlt, 1968. Dies., Das Vietnam-Tribunal II, Reinbek, Rowohlt, 1969
Sievers, Rudolf , Hg., 1968. Eine Enzyklopädie, Frankfurt, suhrkamp 2004
Wallraff, Günter, 13 unerwünschte Reportagen, Köln 1969
Wolff, Frank; Windaus, Eberhard, Hgg., Studentenbewegung 1967-69. Protokolle und Materialien, Frankfurt a.M, Roter Stern, 1977
Erinnerungen
Rainer Langhans, Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre, Berlin, Blumenbar, 2008
Mossmann, Walter, realistisch sein: das unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen, Berlin, edition Der Freitag 2009.
Schneider, Peter, Rebellion und Wahn. Mein ’68. Autobiographische Erzählung, Köln, Kiepenheuer & Witsch 2008
Darstellungen
Abendroth, Wolfgang, Hg., Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Kapitalismus, Frankfurt a.M. – Wien 1967
Busche, Jürgen (2003), Die 68er. Biographie einer Generation, Berlin, Berlin Verlag, 2003
Claßen, Johannes, Bibliographie zur antiautoritären Erziehung, Heidelberg 1971
Foschepoth, Josef, Postzensur und Telefonüberwachung in der Bundesrepublik Deutschland (1949–1968), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 57. Jg., 2009, Heft 5, S.413-426.
Frei, Norbert (2008), 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München, dtv, 2008
Gilcher-Holtey, Ingrid. Die 68er Bewegung. Deutschland-Westeuropa-USA, München, Beck, 2001
Haug, Wolfgang Fritz, Der hilflose Antifaschismus. Zur Kritik der Vorlesungsreihen über Wissenschaft und NS an deutschen Universitäten, Frankfurt a.M., suhrkamp, 1967
Henne, Thomas; Riedlinger, Arne, Hgg., Das Lüth-Urteil aus (rechts-)historischer Sicht. Die Konflikte um Veit Harlan und die Grundrechtsjudikatur des Bundesverfassungsgerichts, Berlin, Berliner Wissenschaftsverlag, 2005.
Herzog, Dagmar, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, München, Siedler, 2005 (amerikanisch Princeton 2005)
Huster, Ernst-Ulrich; Kraiker, Gerhard; Scherer, Burkhard; Schlotmann, Friedrich-Karl; Welteke, Marianne, Determinanten der westdeutschen Restauration 1945-1949, Frankfurt 1972
Kosel, Margret, Gammler, Beatniks, Provos. Die schleichende Revolution, Frankfurt a.M., Bärmeier & Nickel, 1967
Kühnl, Reinhard, Liberalismus – Faschismus, Reinbek, Rowohlt, 1972
Kühnl, Reinhard, Faschismustheorien. Ein Leitfaden, Reinbek, Rowohlt, 1979
Nolte, Ernst, Hg., Theorien über Faschismus, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1967
Otto, Karl A., Vom Ostermarsch zur APO. Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik 1960-1970, Frankfurt a.M., Campus 1977.
Rosenberg, Rainer, u.a., Hgg., Der Geist der Unruhe. 1968 im Vergleich. Wissenschaft - Literatur – Medien, Berlin 2000
Saage, Richard, Faschismustheorien. Eine Einführung, München, Beck, 1976
Sassen, Saskia, Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Gramm, Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag, 2008 (Zuerst: Territory –Authority – Rights. From Medieval to Global Assemblages, Princeton University Press 2006).
Sohn-Rethel, Alfred, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Aufzeichnungen und Analysen, Frankfurt a.M., suhrkamp, 1973
Schaffrik, Tobias; Wienges, Sebastian, Hgg., 68er Spätlese – Was bleibt von 1968? Berlin, Lit Verlag, 2008.
Schmidt, Eberhard, Die verhinderte Neuordnung 1945-1952. Zur Auseinandersetzung um die Demokratisierung der Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 1970.
Schmidt, Ute; Fichter, Tilman, Der erzwungene Kapitalismus. Klassenkämpfe in den Westzonen 1945-48, Berlin 1971, S.25f.
Wippermann, Wolfgang, Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion, Darmstadt, Wiss. Buchgesellschaft, 1972
Wojak, Irmtrud, Fritz Bauer. 1903-1968. Eine Biographie, München, C. H. Beck, 2009
[1] Die folgende Darstellung stützt sich: 1. auf meine eigenen Erfahrungen als aktiver Teil der Protestbewegung. 2. Auf die angegebenen Quellen. Sammlungen: Frank Wolff; Eberhard Windaus, Hgg., Studentenbewegung 1967-69. Protokolle und Materialien, Frankfurt a.M, Roter Stern, 1977. 3. Auf vorzugsweise folgende Literatur: Karl A. Otto, Vom Ostermarsch zur APO. Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik 1960-1970, Frankfurt a.M., Campus 1977. - Rainer Rosenberg u.a., Hgg., Der Geist der Unruhe. 1968 im Vergleich. Wissenschaft - Literatur – Medien, Berlin 2000. – Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er Bewegung. Deutschland-Westeuroopa-USA, München, Beck, 2001. Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München, dtv 2008. Freis Buch fußt auf dem von Gilcher-Holtey. – Rudolf Sievers, Hg., 1968. Eine Enzyklopädie, Frankfurt, suhrkamp 2004. – Áuf die Erinnerungsbücher von Aktiven: Peter Schneider, Rebellion und Wahn. Mein ’68. Autobiographische Erzählung, Köln, Kiepenheuer & Witsch 2008. - Walter Mossmann, realistisch sein: das unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen, Berlin, edition Der Freitag 2009.[2] Gilcher-Holtey 2001, S.126f.[3] Tobias Schaffrik; Sebastian Wienges, Hgg., 68er Spätlese – Was bleibt von 1968? Berlin, Lit Verlag, 2008. Darin: 1. Zitat: Sebastian Wienges, Die Stille der Revolution. Einführende Überlegungen zu „1968“, S.1-9, hier S.7. 2. Zitat: Stefan Malinowski, Alexander Sedlmaier, Keine richtige Revolution in der falschen. „1968“ als Avantgarde der Konsumgesellschaft, S.182-209, hier S.209. Katja Winter und Nathalie Nicolay, Sprachlichkeit um 1968 und ihre Folgewirkung, S.120-140, halten der 68er Bewegung „die Demokratisierung des Redens und der Handlungsräume“ zugute. Ss.140. – Die Umbrüche in 40 nationalen Gesellschaften stellt dar Ronald Ingelehart, Kultureller Umbruch. Wertewandel in der westlichen Welt, Frankfurt a.M. New York, Lang, 1989.[4] Margret Kosel, Gammler, Beatniks, Provos. Die schleichende Revolution, Frankfurt a.M., Bärmeier & Nickel, 1967, S.88. Erwähnung auch bei Walter Mossmann in seiner Autobiographie: realistisch sein: das unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen, Berlin 2009, S.42. – Frei, 1968, S.132. [5] Protestchronik, S,554f..[6] Archiv für soziale Bewegungen, Hg., gleich wird’s grün. Freiburger Fahrpreiskämpfe 1968, CD-Rom mit Begleitheft, Freiburg 2003.[7] So richtig Gernot Folkers, Studentenbewegung und Gewalt. Eine kritische Selbstreflexion, in: 68er Spätlese, 2008, S.19-28, hier S.21. [8] Josef Foschepoth, Postzensur und Telefonüberwachung in der Bundesrepublik Deutschland (1949–1968), in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 57. Jg., 2009, Heft 5, S.413-426. Die Bundesregierung gab im Dezember 2009 auf eine parlamentarische Anfrage zu, “dass bis 1990 Post aus der DDR von westdeutschen Behörden kontrolliert wurde.” Ohne gesetzliche Grundlage. Pressemitteilung APD vom 20. Dezember 2009, hier Süddeutsche Zeitung vom 21. 12. 2009.[9] Bögeholz (1995), S.296/98.[10] Bögeholz (1995), S.308.[11] Darstellung bei: Ute Schmidt, Tilman Fichter, Der erzwungene Kapitalismus. Klassenkämpfe in den Westzonen 1945-48, Berlin 1971, S.25f.. - Ernst-Ulrich Huster; Gerhard Kraiker; Burkhard Scherer; Friedrich-Karl Schlotmann, Marianne Welteke, Determinanten der westdeutschen Restauration 1945-1949, Frankfurt 1972.[12] Eberhard Schmidt, Die verhinderte Neuordnung 1945-1952. Zur Auseinandersetzung um die Demokratisierung der Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 1970. [13] Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949-1959, 4 Bde., Hamburg 1996. Auf diese ganz vorzügliche Sammlung von Ereignissen auf der Basis von Zeitungsartikeln in Form einer Chronik stützt sich die folgende Darstellung in erster Linie.[14] Protest-Chronik, S.603-607.[15] Protest-Chronik, S.585.[16] Protest-Chronik, S.588.[17] Protest-Chronik, S.696.[18] Ein Schlagbaum war in der Lübecker-Straße vor dem Haus Nr. 34 installiert, unmittelbar vor dem Fenster der Wohnung, in der meine Familie 1952 gewohnt hat. Ich habe auch die Protestdemonstrationen in Erinnerung und die immer wiederholte, im Ton einer Rede von ganz schlimmen Sachen vorgetragene Erklärung, das seien alles Kommunisten.[19] Protest-Chronik, S.678.[20] Protest-Chronik, S.687.[21] Protest-Chronik, S.608f., 611.[22] Die Summe ergibt sich aus den aus Zeitungsmeldungen zusammengestellten Zahlen in der Protest-Chronik, S.608-642.[23] Protest-Chronik, S.630.[24] Protest-Chronik, S.284.[25] Protest-Chronik S.265.[26] Protest-Chronik S.264.[27] Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe, studio literatur gudrun ensslin (studio-bibliothek 1) Vorwort von Bernward Vesper, Stuttgart-Cannstatt 1964. Protest!, S.20.[28] Zum Kampf gegen die öffentliche Präsenz von Veit Harlan, Kristina Söderbaum und Werner Krauss und von Harlan-Filmen Protest-Chronik S.2498-2500: Die Anti-Harlan-Bewegung. Zu Harlan: Frank Noack, Veit Harlan. Des Teufels Regisseur, München 1998.[29] Michael Marek, Der Veit Harlan Prozess, Internetseite: Shoa.de: „Trotzdem erhielt auch Tyrolf nach dem Krieg eine Unbedenklichkeitserklärung. Er wurde unter anderem Vorsitzender Richter im Hamburger Euthanasieprozeß, der fast zeitgleich zum Harlan-Verfahren lief. Wieder ging es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wieder sprach Tyrolf die wegen Totschlags angeklagten Ärzte frei. Ende der 50er Jahre wurde gegen Tyrolf wegen seiner Tätigkeit am Sondergericht ermittelt. Doch das Verfahren wurde eingestellt - mangels Tatverdacht, wie es offiziell hieß. Auch das ist exemplarisch: Nach 1945 wurde kein einziger NS-Jurist wegen seiner Vergangenheit in der Bundesrepublik verurteilt.“ [30] Protest-Chronik S.542-545.[31] Otto Häcker, Testfall der Demokratie, in: Stuttgarter Zeitung, 9. Februar 1952. Protest-Chronik S.545. - Ähnliche Äußerungen von Demonstranten wie „Rübe ab!“ „Unter Adolf hätte man euch vergast!“ mußten sich Demonstranten Ende der 60er Jahre anhören, ebenso die rechte Parteilichkeit der Polizei erleben.[32] Protest-Chronik S.58.[33] Protest-Chronik S.212.[34] Protest-Chronik S.218.[35] Protest-Chronik S.309.[36] Protest-Chronik S.335-337.[37] Protest-Chronik S.629.[38] Lüth hatte in einem Artikel für Die Neue Zeit seinen Boykott-Aufruf gerechtfertigt, Darin heißt es: „‚Ein Mann, der einen mörderischen Hetzfilm produzierte, der in einem zweiten Film >Kolberg< zu sinnlosem Durchhalten bis zur Selbstvernichtung aufrief, der in einem dritten Film >Die goldene Stadt< durch die infame Wahl von Darstellertypen und Handlungsmotiven ein ganzes Volk (die Tschechen) als untermenschlich zu diffamieren suchte und der noch im letzten Kriegsjahr bereit war, gegen jede historische Wahrheit den >Kaufmann von Venedig< in einen antisemitischen Hetzfilm umzufälschen, dessen ganzes Wirken also die Mordhetze der Nazis und die Massenvernichtung an Andersdenkenden und Andersrassigen förderte, machte sich selber damit für die Demokratie untragbar.’“ Protest-Chronik S.294f.[39] Das Urteil gilt als bedeutend für die Meinungsfreiheit in der BRD. Siehe: Thomas Henne; Arne Riedlinger, Hgg., Das Lüth-Urteil aus (rechts-)historischer Sicht. Die Konflikte um Veit Harlan und die Grundrechtsjudikatur des Bundesverfassungsgerichts, Berlin, Berliner Wissenschaftsverlag, 2005.[40] Paul Munzinger, der Fall Veit Harlan, Süddeutsche Zeitung Nr. 145, 27. Juni 2009, S. V2/6.[41] Protest-Chronik S.544.[42] Protest-Chronik S.567-569.[43] 19. Dezember 1950. Protest-Chronik S.340.[44] Protest-Chronik S.542.[45] Protest-Chronik s.266f.[46] Hanno König, ...und die Großwetterlage, in: Freiburger Studentenzeitung, 6. Jg., Nr. 4, Juni 1956, S.2. Reaktionen in der Folgenummer 5. Juli 1956, S.3[47] Protest-Chronik S.479, 497, 583.[48] Protest-Chronik S.268f.[49] Protest-Chronik S.455f.[50] Protest-Chronik S.159.[51] Protest-Chronik S.264.[52] Protest-Chronik S.1427-1430.[53] „Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an!“ Ludwig Erhard am 9. Juli 1965 über 25 deutsche Autoren, die ein Plädoyer für einen Regierungswechsel veröffentlicht hatten. (Wikipedia)[54] Franz Josef Strauß Juli 1978 über den Schriftsteller Rolf Hochhuth und andere Kritiker des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger. Gert Heidenreich, Die ungeliebten Dichter. Die Ratten- und Schmeißfliegen-Affäre. Eine Dokumentation, Frankfurt a.M., Eichborn, 1981.[55] Mossmann 2009, S.113-122.[56] Zu dieser Geschichte jetzt übersichtlich Dagmar Herzog, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, München, Siedler, 2005 (amerikanisch Princeton 2005), die Kapitel zwei bis sechs.[57] Rainer Langhans, Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre, Berlin, Blumenbar, 2008, S.61.[58] Zahlen bei Gunter Schmidt, Sexualität, In: 68er Spätlese, 2008, S.46-57, hier S.53.[59] Protest! (1998), S.65.[60] Wolfgang Wippermann, Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion, Darmstadt, Wiss. Buchgesellschaft, 1972. Richard Saage, Faschismustheorien. Eine Einführung, München, Beck, 1976. Kühnl, Reinhard, Faschismustheorien. Ein Leitfaden, Reinbek, Rowohlt, 1979. Wolfgang Abendroth, Hg., Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Kapitalismus, Frankfurt a.M. – Wien 1967. Wolfgang Fritz Haug, Der hilflose Antifaschismus. Zur Kritik der Vorlesungsreihen über Wissenschaft und NS an deutschen Universitäten, Frankfurt a.M., suhrkamp, 1967. Ernst Nolte, Hg., Theorien über Faschismus, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1967. Reinhard Kühnl, Liberalismus – Faschismus, Reinbek, Rowohlt, 1972. Alfred Sohn-Rethel, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Aufzeichnungen und Analysen, Frankfurt a.M., suhrkamp, 1973.[61] Günter Wallraff, Wehe, wenn sie losgelassen! In: G.W. 13 unerwünschte Reportagen, Köln 1969 (zuerst in: Pardon 6, 1967)[62] Dazu die hervorragende Biographie über Fritz Bauer, der sich 1968 selbst tötete: Irmtrud Wojak, Fritz Bauer. 1903-1968. Eine Biographie, München, C. H. Beck, 2009. [63] Etwa bei Saskia Sassen: Das Paradox des Nationalen.[64] Günter Wallraff, Napalm? Ja und Amen, in: G. W., 13 unerwünschte Reportagen, Köln 1969. [65] Bertrand Russel u. a, Das Vietnam-Tribunal oder Amerika vor Gericht, Reinbek, Rowohlt, 1968. Ders. Das Vietnam-Tribunal II, Reinbek, Rowohlt, 1969. Werner Bräunig, u.a. Hg., Vietnam in dieser Stunde, Halle, Mitteldeutscher Verlag, 1968. Protest! Literatur um 1968, Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs, Marbach 1998, S.14f.[66] Gute Darstellung bei Norbert Frei, Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008.[67] Eine gute knappe Darstellung bei Walter Mossmann 2009, S.132-137.[68] Diese These bei Walter Mossmann, 2009, S.173.[69] Frei, 1968, S.213.[70] Dazu Herzog 2005, S.198-211. Ferner: Meike Sophie Baader, 1968 und die Erziehung, in: 68er Spätlese, 2008, S.58-77. Die Literatur zu den Kinderläden ist umfangreich: Johannes Claßen, Bibliographie zur antiautoritären Erziehung, Heidelberg 1971.
Prof. Dr. Rüdiger Scholz
Schriftenverzeichnis
Bücher:
Rüdiger Scholz, Welt und Form des Romans bei Jean Paul, Bern-München 1973, Francke-Verlag, 357 Seiten (Dissertation Freiburg 1970).
Rüdiger Scholz, Die beschädigte Seele des großen Mannes. Goethes "Faust" und die bürgerliche Gesellschaft, Rheinfelden 1982, Schäuble-Verlag, 273 Seiten (Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft Band 5) (Habil. Schrift Freiburg 1980). - 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 1995, 320 Seiten. (Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft Band 25) 3. überarbeitete und um die jüngsten Forschungen aktualisierte Auflage Würzburg 2011, 505 Seiten
Rüdiger Scholz, Goethes "Faust" in der wissenschaftlichen Interpretation von Schelling und Hegel bis heute. Ein einführender Forschungsbericht, Rheinfelden 1983, Schäuble-Verlag, 223 Seiten. 2. überarbeitete und erweiterte Ausgabe 1993, 325 Seiten (Deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft Bd 22)
Rüdiger Scholz, Hans Peter Herrmann, Literatur und Phantasie. Schöpferischer Umgang mit Kafka-Texten in Schule und Hochschule, Stuttgart 1990, Metzler Verlag, 216 Seiten
Rüdiger Scholz, Verleumdung von Wissenschaftlerinnen und Zensur. Der Fall Dyck, Jens und Ueding. Eine Dokumentation von Rüdiger Scholz, PC-Erfassung von Egon Clute-Simon, Freiburg 1991, 2. ergänzte Auflage 1991, Privatdruck
Rüdiger Scholz, Ende. Germanist am Deutschen Seminar der Universität Freiburg 1968-2004. Blick zurück – eher im Zorn. Eine Rede an die Studierenden. Freiburger Universitätsrede, Freiburg 2004, Privatdruck, 52 Seiten
Rüdiger Scholz, Die Geschichte der Faust-Forschung, 2. Bde, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2011, 922 Seiten. 2. erweiterte Auflage 2023, 1262 Seiten
Rüdiger Scholz, Max von der Grün. Politischer Schriftsteller und Humanist. Mit einer Würdigung von –Werner Bräunigs Rummelplatz, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2015, 604 Seiten
Rüdiger Scholz. Die heimliche Autobiographie des Gotthold Ephraim Lessing, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2020, 500 Seiten
Rüdiger Scholz, Die Weltgeschichte und der große Dichter. Heinrich Heines Denkschrift über Ludwig Börne und die innere Biographie. Ein Lehrbuch, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2021, 612 Seiten
Briefwechsel Erasmus Schöfer - Rüdiger Scholz, Weilerswist, Dittrich Verlag, 2023, 396 Seiten
Herausgeber:
K. R. Eissler, Goethe. Eine psychoanalytische Studie. 1775-1786. In Verbindung mit Wolfram Mauser und Johannes Cremerius herausgegeben von Rüdiger Scholz, 2 Bde, Frankfurt 1983 und 1985, Verlag Stroemfeld/Roter Stern, 1807 Seiten (zugleich Übersetzer des 2. Bandes).
Kritik der Sozialgeschichtsschreibung. Zur Diskussion gegenwärtiger Konzepte, herausgegeben von Rüdiger Scholz, Hamburg 1990, Argument-Verlag (Argument-Sonderband AS 166).
Rüdiger Scholz, Klaus-Michael Bogdal, Hgg., Literaturtheorie und Geschichte. Zur Diskussion materialistischer Literaturwissenschaft, Opladen 1996.
Das kurze Leben der Johanna Catharina Höhn. Kindesmorde und Kindesmörderinnen im Weimar Carl Augusts und Goethes. Die Akten zu den Fällen Johanna Catharina Höhn, Maria Sophia Rost und Margaretha Dorothea Altwein, hg. v. R. Scholz, Würzburg, Verlag Königshausen & Neumann, 2004, 176 Seiten. 2. Auflage unter dem Titel: Goethe und die Hinrichtung von Johanna Höhn, Würzburg 2020, Verlag Königshausen & Neumann, 475 Seiten
Wissenschaftliche Beiträge - gedruckt:
Rüdiger Scholz, Wie „Der Spiegel" mit der Psychoanalyse umspringt, Psyche 41, 1987, S.457-463.
Rüdiger Scholz, Frühe Zerfallserscheinungen des bürgerlichen Selbst, in: Jb. der Psychoanalyse 23, 1988, S. 213-241.
Rüdiger Scholz, Eine längst fällige historisch-kritische Gesamtausgabe: Jakob Michael Reinhold Lenz, Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 34, 1990, S.195-229.
Rüdiger Scholz, Zur Biographie des späten Lenz. In: Lenz-Jahrbuch. Sturm-und-Drang-Studien, St. Ingbert 1991, S. 106-134.
Rüdiger Scholz, Der Müttermythos, in: Aufsätze zu Goethes "Faust II", herausgegeben von Werner Keller, Darmstadt 1991, S.80-92 (überarbeitetes Kapitel aus: R. Scholz, die beschädigte Seele, s.o.)
Rüdiger Scholz, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der Geschichtsschreibung. Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus in neueren Gesamtdarstellungen und Wirtschaftsgeschichten, in: Rüdiger Scholz, Herausgeber, Kritik der Sozialgeschichtsschreibung, Hamburg 1990, S.11-48.
Rüdiger Scholz, Gesellschaftsgeschichte als "Paradigma" der Geschichtsschreibung. Das theoretische Fundament von Hans-Ulrich Wehlers Deutsche Gesellschaftsgeschichte, in: Rüdiger Scholz, Herausgeber, Kritik der Sozialgeschichtsschreibung, Hamburg 1990, S.87-133.
Rüdiger Scholz, Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst, von Karl Wilhelm Ferdinand Solger, in: Lexikon literaturtheoretischer Werke, hg. v. R.G. Renner und E. Habekost, Stuttgart 1995, S.126f.
Rüdiger Scholz, Das Ornament der Masse. Essays, von Siegfried Kracauer, in: Lexikon literaturtheoretischer Werke, hg. v. R.G. Renner und E. Habekost, Stuttgart 1995, S.257f.
Rüdiger Scholz, Partijnaja organizacija i partijnaja literatura (Parteiorganisation und Parteiliteratur), von Vladimir Iljic Lenin, in: Lexikon literaturtheoretischer Werke, hg. v. R.G. Renner und E. Habekost, Stuttgart 1995, S.266f.
Rüdiger Scholz, Die Sickingen-Debatte. Briefwechsel zwischen Ferdinand Lassalle, Karl Marx, Friedrich Engels, in: Lexikon literaturtheoretischer Werke, hg. v. R.G. Renner und E. Habekost, Stuttgart 1995, S.348f.
Rüdiger Scholz, Die Gewalt dichterischer Ideologie. Das Bild der "Kindsmörderin" in der Literatur und die soziale Wirklichkeit, in: H. Bay, Chr. Hamann, Hgg., Ideologie nach ihrem 'Ende'. Gesellschaftskritik zwischen Marxismus und Postmoderne, Opladen 1995, S.245-268.
Rüdiger Scholz, Die Parteilichkeit fiktionaler Literatur, in: R. Scholz, K.-M. Bogdal, Hgg., Literaturtheorie und Geschichte. Zur Diskussion materialistischer Literaturwissenschaft, Opladen 1996, S.217-236.
Rüdiger Scholz, Jakob Michael Reinhold Lenz, in: Deutsche Biographische Enzyklopädie, hg. v. Walther Killy und Rudolf Vierhaus, Bd 6, München 1997, S.324.
Rüdiger Scholz, Dialektik, Parteilichkeit und Tragik des historisch-politischen Dramas "Carolus Stuardus" von Andreas Gryphius, in: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft, Jg. XXIX, 1998, 2. Halbband, S. 207-239
Rüdiger Scholz, Goethe und die Menschenrechte im Staate Weimar. Ein Lehrstück zur politischen Parteilichkeit der Klassik, in: Colloquia Germanica, Bd. 33, 2000, S.367-385.
Rüdiger Scholz, J. M. R. Lenz, An den Geist, in: Lenz-Jahrbuch, Bd. 10/11, 2000/01, 2003, S. 173-192
Rüdiger Scholz, J. M. R. Lenz, An mein Herz, in: Lenz-Jahrbuch, Bd. 10/11, 2000/01, 2003, S. 147-171
Rüdiger Scholz, Zur gegenwärtigen Bedeutung von Arbeiterliteratur, in: Volker Zaib, Hg., Kultur als Fenster zu einem besseren Leben und Arbeiten. Festschrift für Rainer Noltenius, Bielefeld 2003, S.147-171
Rüdiger Scholz, Goethes Schuld an der Hinrichtung von Johanna Höhn, in: Goethe-Jahrbuch 2003, Weimar 2004, S.324-331
Rüdiger Scholz, Intellektuellenrevolte und Betriebskämpfe in der Bundesrepublik Deutschland 1968 bis 1989. Erasmus Schöfers Sisyfos-Romane, in: Peter Weiss Jahrbuch, Bd. 14, 2005, S.157-181. Auch in: Unsichtbar lächelnd träumt er Befreiung. Erasmus Schöfer unterwegs mit Sisyfos, Berlin 2006, Dittrich Verlag, S.54-81
Rüdiger Scholz, Goethes Agieren im Weimarer Staat und die Humanität der Klassik, in: Colloquia Germanica 37, 2004, erschienen 2005, S.129-151.
Rüdiger Scholz, Entgegnung zu Günter Jerouschek: Skandal um Goethe? Goethe-Jahrbuch 122, 2005, Weimar 2006, S.328-329
Rüdiger Scholz, Der entpolitisierte Friedrich Schiller: Schiller im Schillerjahr 2005, in: Colloquia Germanica 38, 2005, erschienen 2006, S.285-302
Rüdiger Scholz, Die Hinrichtung der Johanna Höhn. Zur Rolle Goethes im Weimarer Hofstaat, in: RotFuchs. Tribüne für Kommunisten und Sozialisten in Deutschland, 9. Jg., Nr. 106, Berlin 2006, S. 26.
Rüdiger Scholz, Griechenland heilt nicht mehr. Erasmus Schöfers dritter Sisyfos-Roman Sonnenflucht zwischen Realistik und Symbolik, in: Peter Weiss Jahrbuch, Bd. 15, 2006, S.153-170
Rüdiger Scholz, Erasmus Schöfers Sisyfos-Romane, in: Tarantel. Zeitschrift für Kultur von unten, 3. Jg., März 2007, S.10-12
Rüdiger Scholz, Zukunftsperspektiven von Arbeiterliteratur in Deutschland, in: Simone Barck; Stefanie Wahl, Hgg., Bitterfelder Nachlese. Ein Kulturpalast, seine Konferenzen und Wirkungen. Mit unveröffentlichten Briefen von Franz Fühmann, Berlin, Karl Dietz Verlag, 2007, S.263-286
Rüdiger Scholz, Goethes Schuld an der Hinrichtung von Johanna Catharina Höhn, in: Neue Juristische Wochenschrift, 61. Jg., 2008, Heft 11, S.711-713
Rüdiger Scholz, Gesellschaftskämpfe in der BRD der 1980er Jahre. Erasmus Schöfers vierter Sisyfos-Roman Winterdämmerung, in: Peter Weiss Jahrbuch, Bd. 18, 2009, S.35-61. Auch in: Thomas Wagner, Hg., Im Rücken die steinerne Last. Unternehmen Sisyfos. Die Romantetralogie von Erasmus Schöfer, Berlin 2012, S.125-167
Rüdiger Scholz, Für eine politische Kulturwissenschaft. Jost Hermand über Goethe, Heine und Freundschaft. Review Essay, in: Colloquia Germanica 40, 2007, erschienen 2009, S.315-322
Rüdiger Scholz, Heine in der deutschen Presse der Nachkriegszeit 1945-1947, in: Colloquia Germanica 41, 2008, erschienen 2009, S.59-94
Rüdiger Scholz, Zum ambivalenten Gebrauch des Wortes „fanatisch“. Lion Feuchtwangers Umgang mit diesem umstrittenen Begriff, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd. 51, 2009, S.127-154
Rüdiger Scholz, Heinrich Heine über den Terrorismus der Neuzeit. Revolutionäre, Terroristen und Nivellierer in „Ludwig Börne. Eine Denkschrift“, in: Heine Jahrbuch 49. Jg., 2010, S.1-18
Rüdiger Scholz, Erasmus Schöfers Rolle im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und die
Romanwelt Schöfers, in: Thomas Wagner, Hg., Im Rücken die steinerne Last. Unternehmen Sisyfos. Die Romantetralogie von Erasmus Schöfer, Berlin 2012, S. 279-309
Rüdiger Scholz, Edel sei der Mensch – und strafe. Goethes Aufsatz zur Beibehaltung der Todesstrafe für Kindesmörderinnen, in: Colloquia Germanica 43, Heft 4, 2010, erschienen 2013, S.285-293
Rüdiger Scholz, Nachwort zu: Max von der Grün, Die Lawine, Bielefeld, Pendragon, 2010, S. 359-364
Rüdiger Scholz , Die Papiergeldaktion in Goethes „Faust“ und die Forschung, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, 2022, S. 77-94
Wissenschaftliche Beiträge – elektronische Form:
Historisch-materialistische Geschichtsschreibung, in: Internetseite: http://omnibus.uni-freiburg.de/~scholzr
Artikel über Max von der Grün in der Neuen Deutschen Biographie. Link:
https://www.deutsche-biographie.de/dbo058399.html#dbocontent
Übersetzungen:
K.R. Eissler, Goethe. Eine psychoanalytische Studie. 1775-1786. In Verbindung mit Wolfram Mauser und Johannes Cremerius herausgegeben von Rüdiger Scholz, 2.Band: Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rüdiger Scholz, Frankfurt 1985.
Immanuel Wallerstein, Der Westen, Kapitalismus und das moderne Weltsystem, aus dem Amerikanischen übersetzt von Rüdiger Scholz, in: Kritik der Sozialgeschichtsschreibung. Zur Diskussion gegenwärtiger Konzepte, herausgegeben von Rüdiger Scholz, Hamburg 1991, S. 49-86.
Georg G. Iggers, Wandel im Umbruch. Zur jüngeren DDR-Geschichtsschreibung, aus dem Amerikanischen übersetzt von Rüdiger Scholz, in: Kritik der Sozialgeschichtsschreibung. Zur Diskussion gegenwärtiger Konzepte, herausgegeben von Rüdiger Scholz, Hamburg 1991, S. 134-172.
Georg G. Iggers, Einleitung, aus dem Amerikanischen übersetzt von Rüdiger Scholz, in: Georg Iggers, Herausgeber, Ein anderer historischer Blick. Beispiele ostdeutscher Sozialgeschichte, Frankfurt 1991, S. 7-35 (nahezu identisch mit dem vorigen Titel).
Rezensionen:
Gerhard Wolf Fieguth, Jean Paul als Aphoristiker, Meisenheim 1969, in: Germanistik 11, 1970, S. 760f.
Hartmut Vinçon, Topographie: Innenwelt - Außenwelt bei Jean Paul, München 1970, in: Germanistik 12, 1971, S. 119.
Jean Paul, Selberlebensbeschreibung. - Konjekturalbiographie. Mit einem Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow, Stuttgart 1971, in: Germanistik 12, 1971, S. 564f.
Helmut Koopmann, Das junge Deutschland. Analyse seines Selbstverständnisses, Stuttgart 1970, in: Germanistik 12, 1971, S.ÿ798f.
Uwe Schweikert, Jean Pauls "Komet". Selbstparodie der Kunst, Stuttgart 1971, in: Germanistik 14, 1973, S. 413.
Michael Mann, Heinrich Heines Musikkritiken, Hamburg 1971, Germanistik 14, 1973, S. 431f.
Georg Weerth, Leben und Taten des berühmten Ritter Schnapphahnski. Illustrationen von Paul Rosi‚. Mit einem Nachwort von Bruno Kaiser, Berlin 1972, in: Germanistik 14, 1973, S. 441.
Der andere Hölderlin. Materialien zum "Hölderlin"-Stück von Peter Weiss, herausgegeben von Thomas Beckermann und Volker Canaris, Frankfurt 1972, in: Germanistik 14, 1973, S. 738f.
Wolfgang Harich, Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer neuen Deutung seiner heroischen Romane, Reinbek 1974, Germanistik 16, 1975, S. 202f.
Heidemarie Bade, Jean Pauls politische Schriften, Tübingen 1974, in: Germanistik 16, 1975, S. 908 f.
Gudrun Mauch, Theatermetapher und Theatermotiv in Jean Pauls "Titan", G"ppingen 1974, in: Germanistik 16, 1975, S. 909.
Werkbuch über Tankred Dorst, herausgegeben von Horst Laube, Frankfurt 1974, in: Germanistik 17, 1976, S. 305f.
Wulf Köpke, Erfolglosigkeit. Zum Frühwerk Jean Pauls, München 1977, in: Germanistik 20, 1979, S. 821.
Dagmar Ralinofsky, Die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen im Drama der Moderne. Tradition und Mutation, Bern-Frankfurt 1976, in: Germanistik 20, 1979, S. 865f.
Richard Gary Hooton, Heinrich Heine und der Vormärz, Meisenheim 1976, in: Das Argument, Beiheft, 22. Jg 1980, S.80f.
Ulrich Fleischhut, Die Allegorie bei Jean Paul, Bonn 1977, in: Germanistik 22, 1981, S. 758f.
Jean Paul im Urteil seiner Kritiker. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Jean Pauls in Deutschland. Herausgegeben und eingeleitet von Peter Sprengel, München 1980, in: Germanistik 22, 1981, S. 759.
Mounir Fendri, Halbmond, Kreuz und Schibboleth. Heinrich Heine und der islamische Orient, Hamburg 1980, in: Germanistik 22, 1981, S.ÿ782.
Eckhard Philipp, Dadaismus. Einführung in den literarischen Dadaismus und die Wortkunst des "Sturm"-Kreises, München 1980, in: Germanistik 22, 1981, S. 813.
Wigand Lange, Theater in Deutschland nach 1945. Zur Theaterpolitik der amerikanischen Besatzungsbehörden, Frankfurt 1980, in: Germanistik 22, 1981, S. 911.
Peter Maurer, Wunsch und Maske. Eine Untersuchung der Bild- und Motivstruktur von Jean Pauls Flegeljahren, Göttingen 1981, in: Germanistik 24, 1983, S. 375 f.
Peter Kleiß, Georg Herweghs Literaturkritik. Demokratisches Programm und repressiver Gestus, Frankfurt 1982, in: Germanistik 24, 1983, S. 397.
Raoul Hausmann, Texte bis 1933, herausgegeben von Michael Erlhoff, 2 Bde, München 1982, in: Germanistik 24, 1983, S. 442f.
Ursula Schregel, Neue deutsche Stücke im Spielplan am Beispiel von Franz Xaver Kroetz, Berlin 1980, in: Germanistik 24, 1983, S. 505.
Wolfgang Hädecke, Heinrich Heine. Eine Biographie, München-Wien 1985, Germanistik 27, 1986, S. 385f.
Franz Futterknecht, Heinrich Heine. Ein Versuch, Tübingen 1985, in: Germanistik 27, 1986, S. 633.
Klaus Briegleb, Opfer Heine? Versuche über die Schriftzüge der Revolution, Frankfurt 1986, in: Germanistik 27, 1986, S. 632f.
Ute Krüger, Der Streit um Heine in der deutschen Presse 1887-1914. Ein Beitrag zur Heine-Rezeption in Deutschland, Aachen 1989, in: Germanistik 32, 1991, S. 882.
Gustav Lohmann, Jean Pauls "Flegeljahre", gesehen im Rahmen ihrer Kapitelüberschriften, Würzburg 1990, in: Germanistik 32, 1991, S.ÿ849.
Peter J. Brenner, Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie einer Gattungsgeschichte, Tübingen 1990, in: Germanstik 32, 1991, S. 105f.
Walter Hinck, Die Wunde Heine. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus, Frankfurt 1990, in: Germanistik 32, 1991, S. 188.
Jochen Vogt, "Erinnerung ist unsere Aufgabe". über Literatur, Moral und Politik 1945-1990. Opladen 1991, Germanistik 32, 1991, S. 901.
Karlheinz Fingerhut, Heinrich Heine - der Satiriker. Eine Darstellung mit Texten und Erläuterungen, Stuttgart 1991, in: Germanistik 32, 1991, S. 881.
Hans-Joachim Busch, Alfred Krovoza, Herausgeber, Subjektivität und Geschichte. Perspektiven politischer Psychologie, Frankfurt 1989, in: Psyche 46, 1992, S. 891f.
DADA 15/25. Post scriptum oder die himmlischen Abenteuer des Hr.n Tristan Tzara, von Raoul Schrott, Innsbruck 1992, in: Germanistik 35, 1994, S.229.
Lenz, Jacob Michael Reinhold, Philosophische Vorlesungen für empfindsame Seelen, 1780, 1994, in: Germanistik 35, 1994, S.561.
Eberhard, Hans-Joachim, Intellektuelle der Kaiserzeit, Frankfurt 1991, in: Psyche 48, 1994, S.184-186.
Metscher, Thomas, Pariser Meditationen. Zu einer Ästhetik der Befreiung, Wien 1992, in: Germanistik 35, 1994, S.789.
Nenzel, Reinhard, Der frühe Richard Huelsenbeck. Kleinkarierte Avantgarde. Zur Neubewertung des deutschen Dadaismus. Sein Leben und sein Werk bis 1916 in Darstellung und Interpretation, Bonn 1994, in: Germanistik 36, 1995, S.277.
Korte, Hermann, Die Dadaisten, Reinbek 1994, in: Germanistik 36, 1995, S.244f.
Mathias Bertram, Jakob Michael Reinhold Lenz als Lyriker. Zum Weltverhältnis und zur
Struktur seiner lyrischen Selbstreflexionen, St. Ingbert 1994, in: Lenz-Jahrbuch 5, 1995, S.224-226.
Wolfgang Fritz Haug, Hg., Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, 12 Bde, Hamburg Berlin, Bd. 1: A, 1994; Bd. 2, B-d, 1995, in: Freiburger Universitätsblätter, Heft 130, Freiburg 1995, S.102-104.
Lohmann, Gustav, Jean Pauls "Flegeljahre", gesehen im Rahmen ihrer Kapitelüberschriften, Bd. 2, Würzburg 1995, in: Germanistik 37, 1996, S.205.
Schäfer, Jürgen, Dada in Köln. Ein Repertorium, Frankfurt a.M. 1995, in: Germanistik 37, 1996, S.250.
Inge Stephan / Hans Gerd Winter, Hgg., "Unaufhörlich Lenz gelesen..." Studien zu Leben und Werk von J.M.R. Lenz, Stuttgart-Weimar 1994. - David Hill, Hg., Jakob Michael Reinhold Lenz. Studien zum Gesamtwerk, Opladen 1994, in: Arbitrium 3, 1996, S.349-353.
Karl Eibl; Bernd Schefer, Hgg., Goethes Kritiker, Paderborn 2001, im: Colloquia Germanica, Bd. 34, 2001, S.335-339.
W. Daniel Wilson (Ed.), Goethes Weimar und die Französische Revolution. Dokumente der Krisenjahre, Köln 2004, in: Colloquia Germanica 37, 2004, erschienen 2005, S.340-344.
Michael Jaeger, Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne, Würzburg 2005, in: Colloquia Germanica 38, 2005, erschienen 2006, S.79-81.
Robert Cohen: Exil der frechen Frauen. Roman. Berlin: Rotbuch 2009, in: Peter Weiss Jahrbuch 19, 2010, S.200-206
Horst Hensel, Brot und Spiele. Sätze über politische Ökonomie und den Preis der Kunst, Bochum, Brockmeyer Verlag 2011, ISBN 978-3-8196-0794-33, EUR 14,9, in: Die Brücke, Nr. 161, Jg. XXXI, 2012, S.155
Erasmus Schöfer, Schriftsteller im Kollektiv. Texte und Briefe zum Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, hg. v. Volker Zaib und Werner Jung, Essen, Klartext Verlag 2014. 495 Seiten (Schriften des Fritz Hüser Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, in: Germanistik 58, 2017, Nr. 3519
Rezensionen – elektronisch:
Politische Publizistik von Frauen in der 1848er Revolution: Marion Freund: „Mag der Thron in Flammen glühn!“ Schriftstellerinnen und die Revolution von 1848/49, Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2004, 641 Seiten, ISBN 3-89741-146-6, 45,95 €, in: Internetseite: http://omnibus.uni-freiburg.de/~scholzr
Goethes Universitätspolitik im Zeitalter der Französischen Revolution: Gerhard Müller: Vom Regieren zum Gestalten. Goethe und die Universität Jena, Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2006, IX, 799 Seiten, gebunden € (DF) 66,-, in: http://www.IASLonline.de (31.1.2007 – 18 Seiten im Ausdruck)
Zum Stand der Forschung über Sachsen-Weimar und Goethes Regierungstätigkeit. Die Kommentarbände zu den 'Amtlichen Schriften' in der Frankfurter Goethe-Ausgabe, IASLonline.de: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3688 (04.02.2013 - 30 Seiten im Ausdruck)
Die Geschlechterrollen in der Literatur der Neuzeit. Barbara Becker-Cantarinos Darstellung der Frauenforschung in der Literaturwissenschaft, in: www.Literaturkritik.de (26. 5. 2014 – 8 Seiten im Ausdruck)
Die Rolle der Religion, Ein von Barbara Becker-Cantarino herausgegebener Sammelband über Christentum und Islam in den globalen Wanderungsbewegungen, in: www.Literaturkritik.de (2. 1. 2014 – 6 Seiten im Ausdruck)
Ein deutscher jüdischer Emigrant in heikler Mission in der Sowjetunion. Anne Hartmanns Dokumentation zu Lion Feuchtwangers „Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“, literaturkritik de, 2018
https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id= (- 8 Seiten im Ausdruck)
Späte Gerechtigkeit. Korrekturen am Bild von Christlob Mylius – in Band 31 des Jahrbuchs „Aufklärung“ www.literaturkritik.de (12- 2020 - 9 Seiten im Ausdruck)
Das schöne Märchen einer Männerfreundschaft zweier Ausnahmemenschen. Sigrid Damm über Carl August und Goethe, in: www.literaturkritik.de (29. 1. 2021)
Zur deutschen Geschichte des Linkssozialismus und des Judentums. In memoriam Jost Hermand (1930-2021) www.literaturkritik.de (Dezember 2021 - 6 Seiten)
Wirkliches Weimar und schöner Schein. Georg Schmidt über die Goethezeit des Herzogtums. www.literaturkritik.de (März 2023 - 20 Seiten im Ausdruck)
Wissenschaftliche Vorträge:
SS 1982 Der Bourgeois am Nabel der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Ängste
des Heroen Faust. Universität Oldenburg 24. Juni 1982
WS 1982/83 Der Bourgeois am Nabel der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Ängste
des Heroen Faust: Universität Freiburg, studium generale, 30. 11. 1982
WS 1984/84 Der psychoanalytisch durchleuchtete Goethe. Zu K. R. Eisslers Biographie
Forum 2, München, 15. November 1984
WS 1984/84 Persönlichkeitskonflikt und geniale Dichtung - zu K. R. Eisslers
psychoanalytischer Goethe-Biographie: Universität Ulm,
17. November 1984
1985 Goethes "Faust": Drama der Menschheit oder der beschädigten Seele des
Bürgers? Stadttheater Osnabrück, 3. März 1985
WS 1985/86 Der Bürger und seine Konflikte. Zu K. R. Eisslers psychoanalytischer
Goethe-Biographie. Tübingen, 7. November 1985 und Gießen,
8. November 1985
SS 1986 Sackgasse Literaturstudium? Perspektiven wissenschaftlicher Ausbildung
zwischen Arbeitslosigkeit und Anpassungsdruck. Universität Freiburg,
studium generale, 12. Juni 1986.
SS 1991 Die geheime Autobiographie des Gotthold Ephraim Lessing. Universität
Freiburg, studium generale, 2. Mai 1991
SS 1992 Das verstoßene Genie: die innere Geschichte des Jakob Michael
Reinhold Lenz. Württembergisches Landestheater Tübingen, 21. Mai 1992
WS 1993/94 Die Gewalt dichterischer Ideologie. Das Bild der Kindsmörderin in der
Literatur und die soziale Wirklichkeit, Universität Freiburg
SS 1999 Der andere Goethe. "Faust", Humanität und deutsche Geschichte.
Universität Freiburg, studium generale, 5. Mai 1999
SS 2002 Johann Wolfgang Goethe. Politik und Klassik Universität Freiburg,
studium generale, 15. Mai 2002
SS 2010 Heinrich Heine über den Terrorismus der Neuzeit. Universität
Freiburg, studium generale, 28. Juni 2010
Stand: 15. Juli 2022
Einfach Kontakt aufnehmen
Inhalte von Google Maps werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf “Zustimmen & anzeigen”, um zuzustimmen, dass die erforderlichen Daten an Google Maps weitergeleitet werden, und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutz. Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen. Gehe dazu einfach in deine eigenen Cookie-Einstellungen.